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0
UC-NALF
Aae
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88 313 öl?
.
5 8
8 8
10
G. H. 8
Im gleichen Verlage erſchien von Fritz von Unruh:
Offiziere
7 Drama
Louis Ferdinand, Prinz von Preußen
a Drama
Vor der Entſcheidung
Ein Gedicht
x
Im Verlage von Kurt Wolff in Leipzig erſchien:
Ein Geſchlecht
Tragödie
8
Opfergang
Fritz Unruh
Sechſte bis zehnte Auflage
| Berlin
Erich Reiß Verlag
N,
8 Des Erſcheinen dieſes Buches, das im
| Sommer 1916 vollendet vorlag, wurde bis
zum Winter 1918 durch die Zenſur verhindert
Von der erſten Auflage dieſes Werkes wurden
fünfundſiebzig Exemplare auf handgeſchöpf—
tem Bütten mit großem Rand gedruckt, hand—
ſchriftlich numeriert und in Ganzleder
| | gebunden
K AN Ang
Allie. Re chte, befand ens vg 8. Überſetzungsrecht,
vorbehalten
Copyright 1919 by Erich Reiß Verlag, Berlin W62
| Dpfergang
498754
Meiner Mutter
mare
n letzten Fanuartagen wurden wir verladen,
5 feindlicher Flieger wegen bei Nacht.
Niemand wußte wohin. Unſer Vize-
feldwebel, Lehrer Clemens, ſprach zwar be-
denklich: „Das geht auf Verdun“, aber wir
gaben nichts darauf. Unbekanntem drängten Blut
und Eiſenbahn zu. Tambour-Gefreiter Preis, der
galt, weil er einmal von den Füßen feines Haupt-
manns franzöſiſche Handgranaten geiſtgegenwärtig
aufgeriſſen und feindgeſchleudert hatte, rief über
ſtrunkige Rübenfelder zurück: „Du Maufefalle und
Rattengewirr! verfluchter Schützengraben, Nord-
frankreich, ade! Meine Naſe zieht mich gen Süden!“
— „Nach Agypten!“ rief Heinz, der Kriegsfrei-⸗
willige und ſchwenkte die Mütze. Auf die Schulter
ſchlug ihn der Trommler: „Willſt Du den Sonnen-
ſtich? Mir ſummt's im Ohr: O Straßburg,
o Straßburg...“ und die anderen fielen ein: „Du
wunderſchöne Stadt“. Gejang wuchs und trug
in Begeiſterungshöhen. Sergeant Hillbrand, des
Lehrers Freund und Kollege, ſchüttelte den Kopf.
9
Eine Karte an das kuglige Glas der Dedenlampe
haltend, ſagte er, Einwand verbittend: „Da liegen
die Argonnen, dort zittert Paris“, und ſtemmte
ſich in wuchtiger Geſtalt gegen die Wände. Über
unſere Beine ſtieg er ans Fenſter und ſah aus dem
Wagen. Vize Clemens’ fragende Augen folgten
ihm ſcheu; wie warnend behielt er feinen Zeige-
finger ſcharf, langſam in Bewegung. Singend griff
ihn der Trommler: „Was gibt's, Profeſſor?“
Seufzendes Gegenwort: „Jungens, Jungens!“
„Schwarzſeher?“ Scherzende, Gefreitenfäuſte ſauſten
nieder. Clemens lachte unter Schmerzen auf, aber
der Trommler rief: „Wir wollen Generalmarſch!
Meine Trommel, die Welt! Ihr Tambour bin ich!“
Sergeant Hillbrand wandte ſich: „Herrgott,
warum dieſe verzweifelte Heimatsliebe? Gleicher
Mond, Nebel — und Wieſenglanz; Wälder wie
daheim! Brüder, warum hat man die Heimat jo
lieb?“ — Leiſer Geſang um des Zuges Gepolter.
Funkelnde Augen, Kopf an Kopf ſahen Kameraden
ſternenweit. Es wurde ſtill. Vize Clemens flüſterte:
„Eiſen rollt über Eiſen. So hart, ſo > “ Die
anderen waren eingeſchlafen.
Ruck ſchüttelte alle übereinander: Sedan 1*
Der Kriegsfreiwillige ſprang auf: „Was iſt hier?
Sedan? Dieſer Ort iſt Sedan?“ — „Vorhang zu!
10
Aufs Ohr gelegt,“ brummte der Trommler. „Se-
dan!“ klang es aus tiefer, träumender Bruſt. „Weiß
der Kuckuck, heulſt Du, Heinz?“ — Ungeſtüm drückte
der Freiwillige des Gefreiten Hand: „Es iſt ſo
ſeltſam, ſo viel, zuviel für mich!“ Preis ſtreichelte
ihn: „Quatſch! Wird ja erſt kommen, nur Geduld,
Kerlchen. Geduld iſt mehr als alle Weisheit!“ —
Unter dem Vorhang kam ein dünner Soldat herein-
gebückt, „Kellner“ genannt. Der Trommler richtete
ſich auf: „Nun, von Latrine?“ „Jawohl, und aus
ſicherer Quelle; vor uns ſoll ſchon ein Korps durch-
gekommen ſein!“ — Clemens puſtete in erfrorene
Hände: „Was ich geſagt habe, Zungens!“ — Spott
und Scherz gingen im Lärm des Weiterfahrens
unter. Man ſchlief wieder ein.
Räder auf Schienen! Schienen unter Rädern!
Drängender Dampf in Röhren und Kolben!
Stöhnen und Jauchzen! Dem Clemens trat
Schweiß auf die Stirne. Er zog die Beine zur
Bruſt und horchte: Wollende Flucht von Millionen
Atomen! Bändigende Zucht, befehlender Geiſt!
Eiſen auf Eiſen, fliegende Kraft! Der Lehrer fuhr
zuſammen, immer wenn es über eine Weiche ging.
Er hörte Granaten und Einſchlagsriß und krümmte
die Zehen. „Wofür lernte ich, wofür lehrte ich?“
Plötzlich ſprang er auf und fiel — „es iſt ja ein
11
Wahnſinn“ — wie betäubt auf die Holzbank hin.
Der Zug fuhr und ſtampfte vorwärts, vor, immer
vor.
*
*
erpflegungspauſe war in Carignan. Aus zwei
Küchenbaracken wurden hungrige Truppen
tagnacht geſättigt. Väterlich ſorgte Sergeant Hill-
brand für ſeine Leute. Es war ihm Glück. Clemens
ſchlürfte Kaffee, ohne abzuſetzen. Unſer Kellner
war überall. Mit dem Freiwilligen ſprach der Bahn-
hofskommandant, ein kleiner, flinker Hauptmann:
„Dixmuiden, Langemarck!“ rief er und ſtieß mit
ihm glasan, „Ehrentag aller Freiwilligen! Mir
gehorchte eine Studentenkompagnie. Im Glanz-
ſturm des Volkes wehten die Burjchen dahin, wie
Blütenjubel,. Als unſer Geſang ausgeklungen war,
glänzten Felder weiß und bleich. Schöne Leiber
begruben wir. Aber wir fühlten es; Reife wird
kommen dereinſt. Ernte muß groß fein!“ Im Ge-
ſicht glühte der Hauptmann. „Starben ſo viele?“
fragte der Freiwillige. „Ein Kerlchen war bei mir,“
antwortete ihm der Kommandant, „das wurde
aängſtlich im Feuer. Eines Nachts, vor beſetztem
Dorf, zögerte er, Erkundung zu gehen. Auf drei,
rief ich, ſtehſt Du aufrecht; bittend ſah er mich an.
12
Mond ſchien. Als ich aufgefprungen war, ftand
er bei mir. Wir gingen den Kugelweg.“ Dem
Freiwilligen händeſchüttelnd, rief er: „Voran,
junges Blut“ und humpelte fort, — Draußen am
Zeitungsladen lachte der Trommler mit einem
Mädchen: „Was?“ rief er, „wenn ein Tambour
Dich küſſen will, verweigerſt Du Lippen?“ Er zwang
ſie an ſich; Kameraden klatſchten.
Am Nebentiſch bot der Kellner einem General-
ſtabsoffizier Feuer an, der, Kreiſe und Schnörkel
auf eine Karte zeichnend, einen Kameraden an-
kollerte: „Wir ſind nicht hier, um in Betten zu
ſchlafen, ſondern um harte Schläge zu führen.“
Clemens ſtöhnte: „Harte Schläge“ — und fühlte
den Hieb körperlich. Haſtig rauchend ſetzte ſich der
Kellner zu ihm. Mit Rotſtift malte er, den General-
ſtäbler nachahmend, auf Papier herum. Von ſeiner
Leute abgegeſſenem Tiſch kam Hillbrand: „Nun,
Kellner, welche ſeltſamen Zauberſchlingen?“ „Vom
Generalſtab! Jawohl, dieſe Kringel bedeuten
Anterkunftsverteilungen; in dieſes Dorf, Marville
und Longuyon, ſollen fünf Negimenter.“ Clemens
flüfterte: „Harte Schläge! Das iſt unſre Stunden-
uhr.“ Hillbrand zuckte die Achſeln und nahm einen
Briefbogen: „Liebe Frau,“ ſchrieb er, „wir wiſſen
nichts, gewaltiger Ahnungen ſind wir voll. Es iſt,
13
als hätten wir Naſe und Lungen voll Salzgeruch.
Den Ozean aber ſehen wir nicht. Den Führern
vertrauen wir. So fahren wir und ſchauen zum
Horizonte aus. Weißt Du, was dem Krieger dieſes
Meer gilt? Sturmkampf, wir fühlen es; aber jen-
ſeits der Wogen? Geliebte, ahnſt Du, was dort
aus guter Sonne lockt? Du weißt es. O, küßte
ich es erſt, das flaumige Gold meines Buben! Jene
Freiheit, die wir erkämpfen, ſoll er durchatmen.
Gott ſegne Deinen Leib; wird es ein Junge, ſo
erziehe ihn frei und gerecht. Bilde, Du Bildnerin,
dieſes Geſchöpf. Auf unſeren Leibern wächſt ein
Vaterland immer vollkommener heran. Weib,
bereite das Haus wohl.“ In einen Umſchlag faltete
er das Papier ſorgfältig hinein. Aus der Bruft-
taſche nahm er ein Bild; nach langer Betrachtung
ſchob er es ſeinem Freunde hin. Clemens ſagte,
ohne darauf hinzuſehen, mit großen Augen: „Da-
mals im Stellungskrieg war man in Gräben ge-
ſperrt; heute ahne ich freie Plätze! Bluttennen!“
„a,“ antwortete Hillbrand, „Gott ſei Dank, wird
man bald in das Freie ſchauen.“ „Ein Bild wächſt
in mir,“ fuhr der Lehrer fort, „ſo fürchterlich! —
Was hinter meiner Stirne ſtündlich ſchwillt, zer-
ſprengt den Schädel!“ — „Fröhlich,“ rief der
Sergeant, „wir gehen den Opfergang“. „And muß
14
das ſein?“ „Ja!“ Hillbrand ſchaute dem Freund
feſt in die Augen. Der Lehrer ſtützte den Ellbogen
auf ſeinen Schenkel, „warum?“ dann ließ er den
*
Kopf müde in Handflächen fallen. Der Kellner
ſteckte einen Bleiſtift in den Mund: „Eine Schweſter
hat mir ſoeben geſagt; ein Lazarett mit tauſend
Betten ſei hergerichtet; für innere Krankheiten!
verſteht Ihr.“ Clemens wiederholte: „Für innere
Krankheiten.“ Oer Kellner brannte den Bleiſtift
mit Feuerzeug an und bemerkte es lachend: „Dieſe
Seheimtuereil Warum jagen die Leute nicht,
worum es, ſich handelt; ſoll man jedes Atom der
Luft anzapfen? Man muß im Generalſtab ſein,
um den Krieg ertragen zu können!“ Er zündete
ſich eine Zigarette an, „wo in aller Welt ſtelle ich
dieſem Geheimnis ein Bein?“ — „Geheimnis?“
ſchrie Clemens, „vom Tiſch auf ſtarrt ja der Staub
in die Richtung!“ Seinen Blicken folgte der Kellner,
deſſen Arm der Lehrer heftig vorriß: „Da, da,“
Taſſen und Gläſer klirrten, „harte Schläge, harte
Schläge!“ dann warf er die Tür hinter ſich zu.
Erſchrockenen Auges folgte ihm Hillbrand und
krampfte den Löffel, daß feine Handfläche ſchwarz
wurde vom Griff. Der Kellner ſtand auf. Sein
Geſicht ſchräg unter des Sergeanten Kinn, fragte
er: „Weiß er etwas? Kann er etwas wiſſen?
ei 15
Zum Teufel, warum fagt er es nicht.“ Der Kom-
mandant trat an den Tiſch: „Fertig machen, keine
Verzögerung!“ und drückte dem Freiwilligen einen
Dolch in die Hand; „ſcharf und gut; ich kann ihn
nicht mehr gebrauchen.“ Hillbrand gab ſeinen Brief
zur Beförderung ab. — Oer Kellner hob unter der
Bank eine Achſelklappe auf und hielt fie dem Haupt-
mann hin: „Iſt dieſe Nummer von unſerem
Korps?“ — und während ſich Heinz den Torniſter
füllte, rief der Neugierige, triumphierend der Eifen-
bahn zueilend: „Stimmt alſo doch mit den ſechs
Korps!“ — Das Zeichen zum Einſteigen wirbelte,
der Tambour ſchlug zu, ſeine Hände ſchwebten wie
ein luſtiges Waſſerſpiel. |
N * 5 £
„ |
ber dunkle Treppen taſtete ſich der Kellner zur
| Straße. Einen Hufaren, der vorüberritt, hielt
er „Kamerad, wie heißt dieſes Neſt?“ barſch an.
„Longuyon!“ „Was tuſt Du hier?“ „Wir find
Wegepolizei. Es geht neuerdings zu wie auf dem
Potsdamer Platz. Alle Straßen gedrängt, wie
beim Rennen im Grunewald.“ „Neuerdings?“
erpreßte der Kellner, indem er ſich an den Bügel
hing. Aber ein Laſtkraftwagen drängte das Pferd
ſo eng maueran, daß er ſich loslaſſen und auf ein
16
„Fenſterbrett flüchten mußte. Als der Wagen vor-
über war, ſtand er allein. Der Trommler polterte
herunter: „Wir haben uns einen Ofen geſetzt.
Wird wohl das letzte Hausquartier ſein! Es heißt,
wir blieben zwei Nächte hier. Wohin willſt Du,
Kellner?“ „Am liebſten in den Kopf Gottes!“ Preis
puffte den Kameraden: „Mich reizt ein fremdes Städt⸗
chen, weiß der Kuckuck, mehr, als der Kopf Gottes.
. Das iſt mein Geſchmack,“ und empfahl ſich. „Narr,“
knurrte der Kellner hinter ihm her: „Säße ich dort,
ſo ſchnitte ich das Schickſal wie eine Zwiebel auf.“
— Liebäugelnd ſah er zur Wärme des qualmenden
Speichers hinauf; aber Neugier ſchüttelte ihn von
der Türe und ſtieß ihn in Dämmerung,
Bleiches Schneelicht ſchlich leiſe vom Stadt-
gemäuer. Der Kriegsfreiwillige hatte das Dach
gegen Näſſe abgedichtet und legte ſich müde ſchlafen.
Vize Clemens briet in kleiner Pfanne Kartoffeln.
Hillbrand ſaß bei ihm und nahm ſein Gewehr
zärtlich auseinander. Das geöffnete Schloß legte
er ſanft auf ein Olläppchen. — „Wer“, begann
Clemens, „gießt uns Ol über unerträgliche Härten?“
Oer Sergeant glättete mit dem Handballen den
Kolben und ſpiegelte ſich im Glanz. „Freund,“
fuhr Clemens fort, brutzelnde Scheiben mit dem
Meſſer wendend, „gib mir eine Fahne, wie der
17
Himmel ſichtbar, und ich ſchwenke fie über die Erde,
bis Waffen ruhen und Menſchen ſich wieder die
Hände reichen!“ Erſchrocken ſah Hillbrand ihn an.
„Welches Leben führen wir,“ rief ſein erregter
Freund, „welches Scheindaſein! Armſte, Ihr
glaubt, euer Handwerk dort aufzunehmen dereinſt,
wo Ihr es ſtehen gelaſſen, als noch Frieden war?
Vor uns ſteht Tod, wie der Hinrichtungsmorgen
vor dem Verurteilten. Wir leben und leben nicht.
Zwei Tage, drei Wochen, vielleicht noch ein halbes
Jahr. Wir eſſen und mäſten uns dem, der ſich
heranwälzt. Seine Fauſt heißt: Verdun.“ Hill-
brand ſetzte ſein Gewehr wieder zuſammen und
ſtellte es fort. Schatten blieben, es wurde ihm eng,
er ging hinaus. — Clemens ſah ihm nach, Kartoffeln
kauend. Sein Meſſer wiſchte er ab, wickelte ſich
feſt in den Mantel und ſchloß die Augen. Da kamen
vor ſeinen Blick Kreiſe und Wellen, ſie wurden
zu langen, weißen, runzeligen Straßen; auch ferne
Alleen konnten es ſein, oder zerſtückelte Schlangen.
Sie fügten ſich zu Bäumen und Wagenkolonnen;
in graue Weiten krochen ſie davon. Auf ſeiner
Netzhaut blieb ein roter Fleck. Zum Knäuel quoll
er an und zerplatzte wie ein ſeltſamer Berg. Über
ſchroffe Hänge wimmelten blaugrüne Geſtalten;
Soldaten ähnlich, aber es waren keine. Sie dehnten
18 N
ſich in lange Drähte aus, glänzende, wohl ſiebenzig
übereinander. Durch Ebenen ſpannten ſie ſich,
endlos, unabſehbar, unterbrochen nur durch ge-
ſpenſtiſche Blutfahnen geheimer Vereinbarung auf
‚toten Bergen, die unaufhörlich grüne Weſen aus-
ſpieen und verſchluckten. Clemens ſchnellte vom
Lager. Der Freiwillige ſchlief feſt; aus ſeinem
jungen Mund floß Speichel. Der Lehrer begann
zu zählen; von eins bis vier, bis hundert. Er ver-
zählte ſich und ſchlief wieder ein. — Hillbrand war
inzwiſchen weit gegangen. Erſt auf windiger Höhe
bemerkte er es. Die Stadt lag hinter ihm. An
einem Wegweiſer ſtand: Metz. Bäume rauſchten
vertrauter. Krähen eilten über fallendes Land in
den Nebel, hunderte. Schwarze Schwärme,
lärmende Heerzüge. Er ſah ihnen nach. Als er
ſich wandte, fühlte er neben ſich ein Weib. An-
ſprache wagte er nicht. Ergriffen taſtete er über
ihren Leib dahin. Geſchwellt wie Frucht erhob
er ſich ernſt über den Schollengeruch aufgeriſſener
Acker. Reinheit ging von ihm aus. Hillbrand neigte
ſich zitterſubelnd und hörte Leben pochen. „Weib,
Weib,“ und feine Schwurhand reckte ſich: „Wir
kämpfen guten Kampf!“ — Wolkenſtill zog feines
Lebens Liebe über den Dunſt, fernhin zu dunklen
Wänden. Er nahm die Mütze ab. Zum erſtenmal
19
in feinem Dafein fühlte er über ſich und aller Welt
mächtiges Schickſal. Mit gebreiteten Armen lief
er ihm entgegen: „Heran, näher heran, auf das
es vollendet werde!“ Über Ackerkrumen ſchwebte
er, als hätte er Flügel.
Der Trommler irrte noch immer durch Straßen.
Er war ſo fröhlich. Sein Blut ſang. Ein Mädchen
ſuchte er von Haus zu Haus, aber da ſtanden nur
„Ruinen: „Ausgebrannt auf dem Vormarſche 1914.“
Moderluft und Unrat hockten eklig auf naßkalten
Trümmern, aus deren Schutt Eiſenbettſtellen ihr
Metall krümmten. Er wollte Lachen hören; in der
Naſe hatte er ſüße Wärme von friſcher Wäſche und
weicher Haut. Wie Nachtfalter brannte er nach
warmen Lampen über behaglichem Sofa. Wo ein
Vorhang war, hob er ihn auf, wo eine Gardine
wehte, flötete er und warf Steinchen ans Fenſter,
ſolange, bis fluchende Soldaten mit harten Gegen-
ſtänden nach ihm warfen. „Verdammter Kerl,
ſtörſt Du uns letzte Nachtruhe?“ — „Könnt noch
genug ſchlafen, wenn Ihr tot ſeid, ſagt mir lieber,
wo hier ein nettes Mädel wohnt.“ Grinſend wurden
Fenſter zugeworfen. Enttäuſcht ſank er an ein
Geländer. „Noch eine Minute, dann, weiß der
Kuckuck, kehre ich um.“ Auf feine Uhr, die grün-
heimlich vom Handgelenk blinkte, ſchaute er ärger-
20
5
lich; Katzen huſchten. „Weiß der Kuckuck,“ flüfterte
er und äugte wie ein Grabenpoſten; dann ſchlich
er ſich an, aber es war ein Holzpfahl, dem er —
„verdammter Gegenſtand“ — einen derben Tritt
gab. „Wenn Krieg von der Art iſt, ſo wünſchte ich,
mir würde Viktoria begegnen!“ Plötzlich ſprang
er über einen Graben, viſierte — „ein Rock, kein
Zweifel“ — ſetzte über den Zaun und rannte der
Geſtalt nach. Auf eine knarrende Tür ſtürzte er
zu, ſtolperte aber über den Lafettenſchwanz eines
Geſchützes und ſchlug — „au, zum Teufel, au“ 5
der Länge nach hin. — Als das der Kellner bemerkte,
ſchlupfte er raſch unter Stacheldraht fort und leckte
ſich in finſterer Ecke — „überall hackt einem Metall
ins Fleiſch“ — Blut von der Hand. Vor einem
Poſten, der, einen langen Gang erhellend, auf ihn
zukam, preßte er ſich ſchattenſtill an die Wand.
Kaum drei Meter vor ihm blieb der Landſtürmer
ſtehen, ſtellte die Taſchenlampe auf einen Stoß
Korbmatten und notierte: „Mörſer, Haubitzen,
Ringkanonen aller Kaliber, 20 Stück im Gerätehof,
ſtimmt.“ Dann zog er Striche in ſein Buch. „In
ihm ſteht gewiß das Geheimnis,“ flüſterte der
Kellner. „Ich muß es beſitzen.“ Während eine
breite Hand langſam blätterte, wuchs des Buches
Schatten bis zu ihm hin. Geſchloſſenen Auges
21
jagte es ihm durchs Gehirn: „Bring ihn um, bring
ihn um, dann weißt Du alles.“ Doch als er mit
keuchender Bruſt vorſprang, war der Poſten fort.
Im Dunkeln taſtete er ihm nach. Seine Finger
griffen in große, kalte Eiſenſpiralen hinein. „Vor⸗
holfedern, zum Vorſchnellen und Auffangen des
Geſchützrohres,“ hörte er eine Stimme ſagen. Er
ſchlich ihr nach und fand eine Tür geöffner. In
einen großen Raum kam er hinein. Surch Fenſter
fiel mattes Laternenlicht. Wie in einem Waren-
haus lagen auf Holzgeſtellen wohl geordnet:
Naſchinengewehre, Waſſerkäſten, Telephonapparate,
Scherenfernrohre. Zitternd ſtrich er über alle
Gegenſtände und dehnte ſeine Fingerſpitzen bis in
die letzten Ecken, damit ihm auch nicht ein Schräub-
chen entgehe. Plötzlich büdte er ſich und fühlte
Verfolgung. — Von hunderten Gewehrläufen
drohten glänzende Mündungsringe, je länger er
phinſah, um ſo ernſter drängten ſich aus der Tiefe
die Seelen der Gewehre vor. Dieſe Geſpenſter
des Lebens. Er faßte nach ſeiner Bruſt, als hätten
ihn hundert Kugeln durchſchoſſen und rannte und
tief, bis er eine Treppe fand; die ſtürzte er hinauf
und fiel in einem dumpfigen Speicher hin. Sein
Herz ſchlug ſo, daß er glaubte, die Poſten müßten
es hören. In gekrampfter Fauſt hielt er einen
22
Eiſenhaken und wußte nicht, woher er kam. Als
er aber um ſich herum in Haufen Sättel, Lederzeug,
Futterkörbe, Stiefel und Hanftaue für Geſchütze
liegen ſah, entſchloß er ſich, vom erſtbeſten das
Geheimnis zu erzwingen. Eine Stange glitt er
hinunter in ein Gewölbe; ehe er aber erkennen
konnte, wo er ſich befand, fühlte er ſeine Knie
umſchlungen und ſtechendes Licht in ſeinen Augen.
„Du biſt es?“ und der Trommler prallte zurück.
„Ja, für wen haft Du mich gehalten?“ — „Für
ein Mädel, Bengelchen, weiß der Kuckuck, ich hatte
gerade ein Gebet verrichtet, daß mir der liebe Gott
ein Mädel ſchicke, da fielſt du mir vom Himmel.
Sakrament, jetzt fühle ich's, Du haſt Knochen!
Konnteſt Du nicht weich ſein und glatt und vom
anderen Geſchlecht, daß ich endlich Ruhe bekam.
Trägt bier alles Hoſen? Junge, was haft Du für
einen glatten Bruſtkorb, ſcharf und kantig.“ „Los-
laſſen!“ ziſchte der Kellner und wollte gerade ent⸗
fliehen, als ein donnerndes „Halt, wer da?“ nieder-
fuhr. — „Gut Freund.“ „Hier Zojeph Ulrich aus
Reutlingen. Was tut Ihr hier?“ — Preis ſchlug
ihm — „quatſch nicht“ — mit flacher Hand den
Helm über die Augen. „Was ſträubt ſich Dein Bart,
Bengel, wir marſchieren ja morgen ſchon weiter,
ſehen uns nur Euer Muſeum an.“ — „Macht keine
23
Geſchichten, hier geht es ftreng zu,“ damit drückte
er ſich den Helm wieder wagerecht über die Brauen;
aber der Kellner packte ihn jchüftelnd an den
Schultern: „Wozu liegt der Schund hier auf-
geſtapelt?“ Alrich wehrte: „Weiß ich's?“ „Sagſt
Du's? oder ich drücke Dir die Gurgel ab!“ — Der
Trommler, der. nicht wußte, ob es Scherz oder
Ernſt ſei, zerrte den Kellner fort. Schäumend blieb
er vorgebeugt und glotzte den Poſten an: „Willſt
Du es mir nicht ſagen, willſt Du es mir nicht ſagen?“
— Joſeph Ulrich hing fein Gewehr zurecht. „Nicht
ſagen? Ich weiß nur, daß dieſer Kaſten täglich
geleert und gefüllt wird, wofür? gehört nicht in
meine Inſtruktion; aber drei Kinder erwarten mich
zu Haus und hoffentlich wird dieſe Bude bald ge-
ſchloſſen.“ Er ſpuckte aus und ging. — Preis
ſchleppte den Kellner mit ſich zur Stadt. AUnwill- -
kürlich blieb er wieder vor einem erleuchteten
Fenſter ſtehen. Gähnend zog ſich ein Unteroffizier
den Rock aus, warf ſeine Stiefel in die Ecke und
löſchte Licht. Der Trommler ſchauerte: „Krieg,
überall Krieg.“ — In verqualmter Wachſtube
boten Landſturmleute Schnaps an. Preis dankte
und ſetzte ſich ofennah. Eine Blutblaſe aufſtechend,
die er ſich am Abſatz gelaufen, ſagte er traurig:
„Nutzlos gehen Stunden dahin; nutzlos, weiß der
24
Kuckuck, iſt's mir, daß ich ein Mann bin. Muß mein
Blut wieder abſchnüren, wie der Taube den Hals.“
Der Kellner lag halb auf der Tiſchplatte und brannte
ein paar Fliegen am Kerzenlicht die Flügel ab,
dann ließ er ſie über den Tiſch krabbeln und freute
ſich. „Häkchen ſind wir,“ ſchrie er plötzlich die bärtigen
Soldaten an, „Schrauben und Schräubchen in drei-
facher, vierfacher, ſechsfacher, ja millionenfacher
Ausfertigung! Häkchen, ſage ich euch, nichts weiter!
Und wenn ich eure Schädel aufſchnitte, was kame
dabei heraus? — Luftblaſen, Luftblaſen!“ Die
Land ſtürmer lachten und tranken noch einen
Schnaps. |
Auf der Straße knatterten Automobile. Ein
Soldat lief und fragte verpelzte Offiziere nach
Zweck und Ziel der Fahrt. Zu dem und dem Korps
war die Antwort, Namen verſtand man nicht. Die
Wagen fuhren an und verſchwanden.
Hillbrand trat vor aus der Nacht und fragte:
„Wer waren die Leute?“ „Der Kronprinz natürlich,“
und Gelächter verhallte hinter des Wachtlokals zu-
geſchlagener Tür. Da berührte der Sergeant die
Spur des Gummis mit der Hand und ging — „bu
Prinz der Krone“ — bewegt in ſein Quartier
zurück. Den Freiwilligen deckte er mit dem Mantel
zu und ſetzte ſich auf Fichtenreiſig. Von ſeinem
25
*
\
Helm zog er den Bezug und ſchaute den Adler an.
„Heiliger Vogel des Jupiter, Kaiſer Karl beſtimmte
Dich einft, in Verdun vor faſt 1200 Jahren zum
Symbol unſrer Kraft. Geheime Zuſammenhänge
walten.“ Im Rauſch bewußten Erlebens ſtreckte
er ſeine Hände zum Fenſter. „Das Volk, deſſen
Bürger ich bin, braucht keine Symbole mehr!“
— Auf ſein Gewehr fiel mattes Licht;
aus dem Dunkel glänzte es wie heilige Flamme.
Den Kopf auf den Torniſter bettend, ſchlief er
leicht ein. —
Geräufche, Echo und Gegenecho, lärmten ſtraßen-
heran. Grundmauern bebten. Fenſter beſchlugen
vom Oampf fauchenden Atems. Ungeheuer regten
ſich in der Ruinenſtadt. Clemens ſchreckte hoch,
zimmerein quoll rote Luft. In ſeinen Mantel
gekrallt, ſtarrte er durch das Bodenfenſter zur
Straße: Um Höllenmaſchinen marſchierten dünne
Männchen mit rotgeſtreiften Hoſen. Ihr Wille
trieb den Nachtſpuk an. Pflaſterſteine bäumten
ſich auf wie Menſchenleiber. Sie wurden nieder-
geſtampft, daß ſie hinklapperten wie Skelette, und
ein Blutſtrahl aus dem Herzen der Menſchheit
mitten durch den Himmel ſpritzte. Clemens brach
ins Knie und bohrte beide Arme in den funten-
ſprühenden Himmel: „Nieder mußt du,“ ſtöhnte
26
‘
‚er auf, „dich ſtürzen mit aller Kraft, daß wir wieder
Gnade ſchauen können!“ Aber während ihm alles
Böſe der Erde aus zerriſſener Luft eine Grimaſſe
ſchnitt, ſank er ſchweißkalt neben ſeinem Freunde
hin. — |
Sn das Wachtlokal peitihte eine Stimme:
„Jungens, drei Zweiundvierziger Batterien kommen
vorüber!“ Oer Kellner ſchnellte vom Tiſch, kniff
den Trommler, der — „wer mir mein Mädel
nimmt, den ſchlag ich tot“ — ſeine Fauſt aufhob,
die ihn wieder in Schlaf niederzog. Ohne Mütze
ſtand der Kellner bereits auf dem Bürgerjteig und
lachte und bewegte feine Lippen und zählte, ob-
wohl nichts zu erkennen war, mit den Händen, als
hätte er fünfzig Finger. Als er an einen Traktor
heranſprang, um die Zeltleinwand zu lüften, erhielt
er einen derben Schlag und wäre, hätte ihn ein
Offizier nicht am Arm zurückgeriſſen, unter die
übermannshohen Räder gekommen. „Vorſint-
flutlich, vorſintflutlich,“ rief er einem jeden zu, und
lief, einen Wagen nach dem anderen überholend,
vor die vorderſte Lokomobile. Dort ſtellte er ſich
mit ausgebreiteten Armen hin und befahl: „Halt!“
Aber eiſendonnernd ſchob ſich der feuerſpeiende
Zug in Richtung der dunklen Berge vorbei, riß
von einem Apfelbaum am Wege Aſte ab und
27
ſplitterte einen im Vorwärtsfahren bis zur Mitte
des Stammes. Ein Mann, der zuſprang, wurde
an den Oberſchenkeln abgequetſcht. Schreie gingen
unter, Leute rannten und verſchwanden in der
Dunkelheit. Von Meter zu Meter ſchien des Metalls
Wucht in eigenes Leben zu wachſen. Der Kellner
ſtand im Feld, fein geſchorener Kopf war eiskalt,
und der Kragen drückte ihn. Den abgeriſſenen
Apfelzweig hob er drohend hinter den Maſchinen
her: „Haltet ſie auf, haltet ſie auf!“ Aber kaum
ſein eigenes Ohr vernahm den Ruf. In Schatten
und Feuerumriſſen erkannte er halbwüchſige Seelen
unter ohnmächtigen Geſichtern. Vieler Menſchen
Schultern hoben und ſenkten ſich verzweiflungsvoll,
während immer neue Landſtriche vom ſelbſtherr⸗
lichen Eiſen ergriffen wurden. Als er das ſah,
zitterten ſeine Knie mit aller Erde, die in immer
größer werdenden Kreiſen erſchüttert wurde und
ließ wie alle anderen hilflos die Arme ſinken. In
einen Wagen, der vorüber trabte, ſprang er hinein,
ohne zu fragen wohin, und vergrub ſein Geſicht
in Säcken und Stroh.
Es wurde wieder ſtill in der Stadt. Nach
Stunden lichtete ſich die Luft grau. Umriſſe kamen
ſilbern. In Gärten traten Soldaten aus. Von
Feldküchen wehte Kaffeegeruch. Morgenkälte be-
28
gann zu tönen vom Lärm vieler Kompagnien, bie
ſich zum Weitermarſch rüſteten.
*
reis trommelte die Kompagnie in Schritt und
Marſch. Eigenen Kummer hatte er mit dem.
Waſſer abgeſchlagen. Zu ſeinem Spiel pfiff er:
„Friedericus Rex, unſer König und Herr“, und
wölbte den Schenkel trommelan, daß ſich ſein
Hofentud) ſtraffte. Von feiner Kameraden Stiefel-
ſohlen klang derber, fröhlicher Takt. Im Vorwärts-
ſchreiten ſpreizten ſich Beine, wuchtig Raum ge-
winnend. In den Gruppen war Leiberdunſt und
Erdgeruch. Kamen ſie an einem Soldatengrab
vorüber, und es gab deren viele am Weg, ſo ſchwoll
ihr Korus: „Ja, wiſch ab Luiſe, wiſch ab dein
Geſicht, eine jede Kugel die trifft ja nicht.“ Übermut
ſchwenkte Arme zur Heimat, die fie hinter ſich
ließen. Wieſen und Wälder, Mühlen und Waſſer⸗
lauf überholten wir raſch. Mächtiger Atem hielt
alle zuſammen. Je mehr Kilometerſteine bezwungen
wurden, deſto mehr wichen eigene Gedanken.
Gemeinſame Hoffnung herrſchte. Eine Kuh wurde
ausgelacht, weil ſie ſo ſtumpfſinnig glotzte und den
dröhnenden Gang nicht verſtand. An der Truppe
entlang galoppierte der Hauptmann, Staub und
29
witzige Elſtern jagend. Vor dem Trommler hielt
er und ließ die Kompagnie vorüberkommen. Einem
jeden nickte er zu. In die letzten rief er hinein:
„Der ſich den Kragen geöffnet hat, trägt noch ein
Gewehr!“ Es war der Freiwillige, dem Hillbrand
ſeine Waffe auf die andere Schulter legen mußte.
Heinz gehorchte ſchamrot. Für ihn ſprach ſein
Leutnant, aber des Hauptmanns Ader ſchwoll:
„Kein Häkchen wird ohne Erlaubnis geöffnet! Wo-
hin käme eine Armee, wollte jeder nach ſeinem
Kopfe tun. Überwindet Schlaffheit. Ich weiß,
was Männer ertragen können.“ Sein Wort, das
ſchwer auf dreihundert Helmkuppen ſchlug, zog
jeder Gegenrede Beine fort. Hillbrand ſchob ſeine
Hand ungeſehen unter das Gewehr und half es
dem Freiwilligen tragen. Clemens ſchreckte aus
Gedanken auf, als an ihn Befehl erging, zu führen.
Er, der den FIrrſinn fo furchtbar ſpürte, ſollte nach
Karten Wege und Oörfer beſtimmen. Schleier
waren vor ſeinem Geſicht. Sie alle, die da vor-
marſchierten, hätte er greifen können, um ſie ohne
Orientierung ftrads in den Rachen des Nachtſpuks
von Longuyon zu werfen. Er wurde ſchwindlig,
Soldaten ſtützten ihn. — Oer Trommler, deſſen
Spiel das Herz des Vize geißelte, weil es, Grübeleien
wehrend, unerbittlich Gleichſchritt erzwang, lachte
30
1
im Gefühl feiner Notwendigkeit. In dem Trommel
ſchlag brannte ſein Blut. Hinter den Bergen ahnte
er Luft. Kein Mädchen, kein Kampf, kein Sieg,
Abenteurerdrang trieb ihn von Hügel zu Hügel
dem Erleben entgegen. — Hillbrand las auf ftangen-
erhobenem Schild: „Grenze des Etappengebiets“,
und ſah darauf, wie der Seefahrer zu letzten Häuſern
ſchaut, wenn der Strom breiter wird und Ozean
erſte Bewegung in feine Mündung treibt. „Ver-
fluchte Raben,“ rief ein Soldat, als die Höhe er-
reicht war und warf nach ihnen. Kommandos
wurden laut. — Es wurde geſchwenkt, Gewehre
zuſammengeſetzt und weggetreten. Waſſerbogen
ſprangen; dann traten die Soldaten hinauf und
ſahen zum erſten Male die Berge vor ſich liegen,
jene ſeltſamen Ketten am Horizont. In lagernden
Gruppen wurde gelacht, prophezeit, gekaut und
geſchlafen. Nebeneinander ſchauten der Sergeant
und der Vize über die Ebene. „Clemens,“ ſagte
Hillbrand, „it es fiicht gut, wie wir ſo von uns
ſelbſt losgeriſſen werden! Einem Bilderbuch gleich
ziehen die Stunden dahin. Wir wollen auf dieſer
oder jener Seite länger verweilen, uns Dörfer
inniger betrachten, weil wir der Heimat dabei ge-
denken; aber hinter uns ſteht Befehl: Blättre weiter!
Des Schickſals Atem ſammelt uns alle zur Stich-
31
flamme auf...“ „Verdun,“ klang es bitter von
Clemens' Lippen. „Ja, auf Verdun,“ Hillbrand
betonte den Namen ſtreng. — Erwartungsvoll, als
müſſe ſich ein Vorhang heben oder teilen, ſahen ſie
bohrender auf die Bergwand hin. Wie das Lachen
eines Spechts im Walde zwitſcherte ein Automobil
heran. Bewegung entſtand. Wir erkannten das
Wagenſchild des Armeeoberkommandos. Ein Ge-
neralſtabsoffizier übergab dem Hauptmann einen
Brief. „Erſtes Marſchquartier: Marville.“ — „Und
das zweite?“ „Wahrſcheinlich St. Laurent.“ „Und
das dritte?“ Beide ſahen ſich an. — „Ja, das weiß
der liebe Gott.“ Der Hauptmann nahm den Befehl
lachend: „Ja, das wird uns wohl Gott beſorgen
müſſen“, und eröffnete den Briefumſchlag. Der
Generalſtabsoffizier ging. Ehe er in ſeinen Wagen
ſtieg, ſah er noch einmal über die raſtende Kom-
pagnie. „Ahnungsloſe! Schaut nur noch tief in
die Sonne. Ich weiß, wo ihr hinmarſchiert, weiß,
wo ihr Lager bezieht! Sturintruppe, — ſorgloſe
Zungens! Wie Wind Blätter aufhebt und nicht
duldet, daß ſie raſten, ſo ſteht von nun ab hinter
euch treibender Wille.“ In der Richtung des Ober-
kommandos fuhr er davon. Punktklein waren die
Telegraphenſtangen, wo das Automobil verſchwand.
Der Trommler hatte einen Witz erzählt; nun knallte
32
*
\
eine Lachſalve um die Gewehrpyramiden. Als der
Hauptmann dieſe Luſtigkeit ſah, ſchmunzelte er.
Ein Butterbrot, das er aus der Satteltaſche ge-
nommen, warf er — „da, teilt es Euch“ — dem
Trommler zu. Dann nahm er ſeine Karte heraus
und ſagte zu Offizieren und Feldwebeln: „Was
wir vor uns ſehen, das iſt die Cöte. Rechts davon
die blutheißen Argonnen. Und links die viel-
beſchoſſene ſtandhafte Woͤévre- Ebene. Und da-
hinter Verdun.“ Er machte eine Pauſe. — „Der
Generalſtabsoffizier ſagte, wir löſten nur ein
anderes Korps in der Stellung ab.“ Die um ihn
herumſtanden, lachten ungläubig. Auf die fern-
ſichtige Landſchaft wies der Hauptmann: „Sehen
wir rings über Hügel und Felder, wie ſie ſtauben
von Truppen und Truppengerät, als dampften
geheime Erdſpalten, ſo werde ich auch bedenklich.“
Wieder kam ein Auto heran. Ein Ordonnanz-
offizier meldete: „Erſter Befehl ift überholt. In
Marville wird nur zwei Stunden geraſtet. Nächſtes
Quartier: St. Laurent,“ und fuhr wieder fort.
Hinter ihm her ſah der Hauptmann: „Für uns,
liebe Herren, wird jetzt jedes Quartier die Stadt
des Mars fein.” Dem Trommler, der in der Nähe
zugehört hatte, gab er Zeichen zum Aufbruch. Preis
aber traf mit ſeinen Schlegeln das Holz, ſtatt des
33
Trommelfells. Da kommandierte der Hauptmann:
„An die Gewehre.“ — |
*
81 kahlem Zimmer am Markt von Marville ſtand
der Hauptmann vor Hillbrand: „Daß ſich der
Kellner verlaufen hat, glauben Sie? Sobald der
Schlingel eintrifft, ſoll er zu mir.“ Hillbrand ging.
Der Hauptmann ſetzte ſich. Kopfſchüttelnd ſah er
hinaus und ſagte zu ſeinem Leutnant, dem Vikar
Dr Hartmann: „Was würden unſere Arenkel
darum geben, ſähen ſie, wie wir, Weltgeſchichte
lebendig vor dem Fenſter vorüberziehen. Und wir?
— Ich entſinne mich, wenn ich vor goldener
Wappentaſſe bei meiner Großmutter ſaß und ſie
vom Kriege erzählte; vom Urgroßvater, der bei
Jena ein fliehendes Bataillon fahnen voraus wieder
an den Feind geführt hatte. Man ſprach nur von
ihm, dem weißhaarigen Heldengeneral. Und heute?“
— Er ſah innig hinaus: „Sehen Sie die armen
Geſtalten in ihren grünen Röcken? Gift ſticht noch
aus allen Falten vom Gasangriff von Ypern und
an der Somme, auf Loretto und am Hartmanns-
weilerkopf. Der Vikar ſchwieg. Der Hauptmann
nahm aus der Bruſttaſche ſein Tagebuch und ſchrieb:
„In mir wächſt Zweifel hoch. Eklig wie ein Nacht-
34
pilz. Zehnmal am Tage reiß ich ihn aus. Hunbert-
fach kommt er zurück.“ |
Vorbei holperte Artillerie. Scharf gebremite
Geſchütze rutſchten ſtarr gaſſenhinunter. Der
Kanoniere Helme und Körper zitterten. Pferde,
hinter vorausflatterndem Geſchirr, fingen, Schritt
für Schritt ſich gegen das Pflaſter ſtemmend,
maſſigen Eiſendrang auf. Geſchützentgegen kamen
Feldküchen. Ein Burſche, mit vollen Backen kauend,
wurde vom Keſſel geworfen, geſichtblutend. Suppe,
dicke Bohnen, lag fleckig auf der Straße. Franzoſen⸗
kinder ſahen gierig durch Pferdebeine. Als die
Batterien vorüber waren, ſtürzten ſie vor und
leckten den Brei von den Steinen.
Mitten auf dem Marktplatz ſtanden lachende
Soldaten und beobachteten einen Kameraden vom
6. Regiment, der mit verſchränkten Armen im lang-
ſamen Schritt ein Viereck von etwa zwei Meter
Durchmeffer abging. Immer an den Ecken warf
er, auf dem linken Abſatz ſich drehend, das rechte
Bein herum und ſo tat er ſeit vielen Minuten.
„Menſch, Du haſt falſchen Tritt,“ rief einer, ein
anderer hielt ſein Bein wagerecht: „Halt, wenn
die Schranke geſchloſſen iſt,“ aber der kleine dürre
Mann ließ ſich nicht beirren. Immer mehr ſtrömten
zu; fein Geſichtsausdruck wurde lebhafter. Muskeln
35
ſpielten. — „Weiß der Kuckuck, jetzt iſt er ſiebzehnmal
rumgegangen,“ ſagte der Trommler zu Heinz, der
daraufhin in das Rechteck trat. Die anderen folgten
ſeinem Beiſpiel dergeſtalt, daß der vom 6. Regiment
weder vor- noch rückwärts konnte; da machte er
ſich mit beiden Armen Luft. „Kennt Ihr die
Zukunft?“ Alle ſahen ihn verwundert an. „Nun, ſo
laßt einem Europäer ſeine Gedanken.“ Rollendes
Gelächter erhob ſich. Der Hauptmann kam heran:
„Wie heißen Sie?“ — „Caeſar Schmidt, Herr“ —
und er ſah ihm auf die Achſelſtücke — „Hauptmann.“
— „Was ſind Sie ſonſt?“ — „Schauſpieler in
Görlitz, Vaterrollen.“ — „Schauſpieler!“ brüllten
die Soldaten, „Schauſpieler, Schauſpieler!“ —
„Leutchen,“ und Caeſar Schmidt ſah ſie mitleidig
an, „ſeid Ihr etwas anderes? Müßt Ihr nicht
mitſpielen? He, antwortet doch! Nun, ich denke,
jedem iſt ſeine Rolle zugeteilt.“ Der Hauptmann
nickte: „Verdun iſt der Titel,“ und klopfte dem Frei-
willigen „ja, jeder muß jetzt ſeine Rolle ſpielen“
gütig auf die Schulter und ging. Der Kreis ſcherz⸗
verzerrter Köpfe glättete ſich. Von Mund zu Mund
liefen Fragen: „Verdun hat er geſagt? Verdun?“
— „Ja, Verdun!“ rief ein Pionier, namens Kox,
indem er eine Kiſte Handgranaten wagenauf ſchob,
„das fühlt ja allerdings bald ein Blinder mit dem
36
Krückſtock heraus.“ „Was?“ höhnte der Trommler,
„Du mit Deinem Vogel am Schädel haft es ja eben
erſt begriffen,“ und deutete auf einen ſilbernen
Totenkopf, den Kox zwiſchen Kokarden trug. Der
Pionier ſetzte den zweiten Handgranatenkaſten zur
Erde nieder, trat Naſe an Naſe vor den Trommler:
„Wiſch Dich ab, Menſch: Du biſt hinterm Ohr noch
nicht trocken. Willſt Du mir kommen? Junge, ich
bin vom Argonnerkorps!“ Seine ſtarkadrige Fauſt
hob er auf, ſo daß über heruntergerutſchtem Armel
blaue Blitze und Schlangen ſichtbar wurden. Preis
hielt die Hände in Hoſentaſchen und pfiff. „Du
pfeifſt?“ ſchrie Kox, „Bengel, dieſe Gasflaſche werfe
ich Dir an den Schädel, daß Dein Atem zum Pfeifen
ausgeht.“ „So ſag mir, von wem das Ding da iſt?“
fragte der Trommler zittererregt und faßte an
Koxens Mütze. Der ſchrie: „Finger weg, das iſt's
Argonnerkorps, Du Lümmel! Mach keinen Fleck
drauf. Der ſoll noch weiß fein vor Verdun, daß
Franzoſen davor heulen und zähneklappern,“ und
er ſtieß den Tambour an eine Mauer. Kameraden
blieben in Erwartung. Plötzlich ſchnellte Preis
hoch. An den Pionier ſtürzte er, aber magiſch
glänzte ihm der Totenkopf entgegen. Scheu
krümmte und wandte er ſich vor ihm zurück. Ob-
wohl man ihn verlachte und reizte, blieb er knir-
37
ſchend: „Ich trage nichts.“ Kox ordnete unbe-
kümmert in mutwilliger Ruhe fein Vernichtungs-
gerät: Minenwerfer leichter Art, Sprengmunition,
Flammen- und Gasbehälter. Dann knüpfte er über
dem Wagen ſorgfältig das Zelttuch zu, ging an die
Gäule vor, griff in den Maulring, und — „Kerl,
Du haſt ja noch keinen Franzoſen geſehen,“ und
„lern Ou erſt trommeln mit Minen, Du Kalbs-
trommler“ — führte die Tiere mit „hü“ und „he“
weiter von der Infanterie fort. — Oer Schauſpieler
tröſtete den Tambour: „Kopf hoch, nichts tragiſch
nehmen; konnteſt Du über mich ſo herzlich lachen,
ſo lache jetzt. Ich bin fünfzehn Jahre im Luſtſpiel
aufgetreten, da lernt man das Lachen, wenn einem
zum Weinen iſt.“ — Dankbar ſah Preis ihn an:
„Aber das Heldenzeichen!“ „Heldenzeichen? Ich
wünſchte, ich könnte Dir jetzt die Koſtümkammern
zeigen, wo die Rüſtungen liegen und Kronen, die
Orden und Ordensſterne, mit denen man ſeinen
ſchwitzenden Leib je nach der Rolle zu ſchmücken
hat. Heldenzeichen“ — und er klopfte dem Trommler
aufs Herz — „gibt's nur da drinnen, und wer
individuell iſt, der kennt den Wert der Koſtüm
kammern, Junge.“ „Was iſt das, individuell?“
fragte der Trommler. „Ein Menſch, der ſich den!
Teufel um alle Welt ſchert, heißt individuell.“ Preis
38
richtete ſich ſtracks auf: „Schmidt, der Menſch bin
ich.“ Beide drückten ſich die Hand, und, indem ſie
ſich gegenſeitig Zigaretten anſteckten, ſchloſſen ſie
Freundſchaft. Durch auseinanderſpritzende Sol-
daten kam ein Automobil: Der kommandierende
General fragte nach dem Weg. Dunkler Eingebung
folgend, ſprang Preis mit anderen an den Wagen-
ſchlag und klappte ſolange laut mit den Abſätzen,
bis ihn⸗ der General bemerkte. „Wie heißen Sie?“
„Preis, Euer Exzellenz.“ „Augen wie auf der
Knopfgabel geputzt,“ ſagte er lachend zu ſeinem
Chef und fuhr weiter. Preis blieb ohne ſich zu
rühren, lange ſtehen. Dann ging er auf und ab,
den Bruſtkorb wölbend. Schmidt packte ihn: „Hätte
das der Pionier geſehen!“ Preis warf ſeine
Zigarette in die Goſſe, ſpuckte hinterdrein und
hauchte: „Oer Maulwurf! Ich ſteige höher.“ Er
fühlte, wie Geheimes in ihm Fuß faßte. Nennen
konnte er es nicht, aber es fand gewaltigſten Aus-
druck, als er ſich übermauer lehnte und zu den
Bergen rief: „Willkommen, Verdun!“ Weiber,
die zwiſchen Soldaten auf- und abpendelten, ſah
er nicht mehr, obwohl ihm eine Schwarze heiße
Blicke warf. Wie fremde Tiere ſtiegen fie luſt⸗
erregend herum; verlangend und wehrend. Unter
dem Blick ſo vieler Männer pridelte ihr Blut an-
39
genehm, Preis aber ſagte plößlich zum Schauſpieler:
„Komm, wir wollen zuſammen eine Flaſche Wein
austrinken.“ Beide kehrten in einer N Marte-
tenderei ein.
SGeblendet, einſam und ermüdet vom Ourch⸗
ander ſo vieler Truppen, ſetzte ſich Clemens, aus
Wagengewühl und Proviantſtapeln kommend, zum
Freiwilligen auf eine Mauerbank. — „Wenn man
in die Zukunft ſehen könnte!“ — „And das möchteſt
Du, Heinz?“ „Ich weiß nicht.“ — „Ich ſehe in
die Zukunft,“ und während er ein Bein auf die
Bank ſtellte, blickte er über das Tal mit dem kleinen
Flüßchen und roten Weiden. „Es iſt ſchön, was ich
in der Zukunft ſehe. Eine Sonne hinter Nebeln.
Aber bis zu ihr hin! Bis zu ihr hin! Durch welche
Schluchten! Durch welchen Schlamm! Muß man
mitgehen, wenn man das weiß?“ Heinz ſagte,
„wenn es zur Sonne geht, — wenn es doch zur
Sonne geht —!“ Clemens ſtrich über den jungen
Kopf, dann atmete er ſchwer. — Von weit her
dröhnte Kanonendonner. Durch das Straßenleben
ging ein Ruck. Wie Rehe im Klee, wenn ein Schuß
gefallen, ſo ſtand alles einen Augenblick da; dann
ging das Getriebe weiter. Der Freiwillige duckte
ſich ſchweigend atembeklommen unter die mächtig
anflutenden Donnerwogen. Als er ſich umdrehte,
40
um eine Frage zu Stellen, war Clemens fort. Ver-
wundert ſtreckte er ſich auf der Bank aus und ſchloß
die Augen wie einen Vorhang vor etwas zu, was
da drüben von den Bergen kam. — An Hillbrand,
der am Kirchportal vor einer Madonna ſtand, ging
Clemens vorbei, ohne auf deſſen Anruf zu hören.
Sein Freund ſah ihm nach. Aus anderer Richtung
kam der Hauptmann mit dem Vikar und ging —
„laſſen Sie die Kompagnie nachher antreten, ich
habe zu tun“ — in ſein Zimmer am Markt. Der
Leutnant blieb ſtehen und ſtrich über ſein unraſiertes
Kinn, daß es kniſterte: „Schön, die Madonna.“
„Ich ſehe ſie gern,“ antwortete Hillbrand, „unter
Waffen erwärmt ihr gütiges Lächeln.“ „Verſtünden
es nur alle Menſchen; aber beim Turmbau unſeres
fleiſchlichen Lebens wurden uns wiederum Sinne
verwirrt, daß es keine Verſtändigung mehr gibt;
wir haben heute einen franzöſiſchen Gott, einen
deutſchen Gott, einen ruſſiſchen, engliſchen — und
jo fort...“ er ſah Hillbrand an und trat in die
Kirche. — Der Sergeant ſtieg auf einen Prellſtein
und legte ſeine Stirne in die zarten, ſchlanken Holz-
hände der Mutter Gottes. Seltſam kreiſte es aus
der Erde auf, durch ihre Geſtalt, in ſein Herz und
wieder zum Boden zurück. — Häuſererſchütternder
Lärm in der Unterſtadt ſchreckte ihn auf. Flieger⸗
ie
abwehrkanonen beſchoͤſſen franzöſiſche Doppeldecker.
Da die Straßen geräumt werden mußten, ſuchte er
Schutz. .
Clemens hatte ſich auf einen Hügel geflüchtet,
der das Städtchen überhöhte. Knoſpendralle Zweige
vergitterten ihm ſchwankend den Himmel. Wind-
weißes Gras blieb hinter ſeinem Schritt. Ein Baum,
der mächtig ſtammauf in Aſt und Gezweige wuchs,
feſſelte ihn. Natürliche Anmut lebte um das ſtarre
Gebilde. Das verwirrte ihn. Nachdenklich ſchritt
er über goldwarme Steinplatten und Moos von
Jahrhunderten durch einen Kirchhof auf die Grab-
kapelle zu. Türen waren offen, er ging hinein.
Eine Bank, auf die er ſich ſetzen wollte, brach zu-
ſammen. Vermodert ſtützten ſich andere gegenſeitig.
An ſchwammfeuchten Wänden lehnten Grabmäler,
eingemeißelt mit religiöſen Handlungen. Unter
zerfetztem Bild eines büßenden Weibes lagen ver-
ſtaubtes Meßgerät und des Heiligen Hilarius zer-
ſtückelter Holzleib. Wandgegenüber ruhte in Marmor
der Erzprieſter von Longuyon und Marville. Kühle
Stille trauerte bei den Steinen. Simserhoben
ſtarrte ein Totenſchädel. — Fahles Licht haftete an
ihm wie Wachs. Seltſam blaurote Holzpyramiden
ſtanden wie Erinnerungen verblaßten Daſeins da-
neben. Schattenvolle Augenhöhlen ſogen Licht in
42
*
endloſe Finſternis. Wind wehte herein, tönte und
entwich wie klirrendes Glas. Ohne beſtimmten
Sinn beſtieg Clemens die Kanzel. Sein Mantel
hing herunter. Modernde Gebeine waren unter
ihm. — Welt — und Weltzweck zerbröckelten wie
Gerümpel in Kirchenwinkeln. Torein brauſten
Fichten, ödes Licht in und um ihn erſchütternd. Er
ſtierte ins Graue, als ſei er der letzte Menſch und
außer ihm nur noch Gewürm auf Erden. Zu wem
ſollte er ſprechen. „O Du Gefeſſelter!“ und er
beugte ſich zu einer Heilandsfigur, den Verſpotteten
darſtellend, „verhießeſt Du nicht ein Himmelreich?
Komm und ſieh Oir dieſe Erde an. Wahnſinn hat
alle Menſchen geſchlagen. Lebſt Du, Toter, jo erhebe
Dich! Oer Du das Meer gebändigt, dämme die
Sündenflut! Ruf es mit uns, die wir ſtündlich es
rufen, daß dieſe Hölle aus unſeren Tagen weicht!
Hebe die Peitſche! Säubere die Tempel! Ach,
Krämer und Schurken verſchachern die Seele der
Welt.“ Er ſchrie es gell, daß es über Gräber hallte
und in Fernen fortklang.
Er fühlte ſich ſo ſchwach im Gebein und ſchlich
aus der Kirche. Das weite Land überſah er mit
allen Straßen wie vom Mittelpunkt aus. Überall
bewegten ſich Beine. Regimenter marſchierten.
Batterien raſſelten. Unaufhörlicher Lärm vor-
43
rüdender Truppen. Wie Plätſchern von tauſend
Bächen, die zum Meer ſtreben. Sein Herz klopfte
bis in den Hals hinein. „Hat kein Leben mehr
Wert? Sind wir wirklich nur Mittel? Was iſt der
Zweck? Wo finde ich Grund, der mich trägt, da
alles wankt? Steigt ſolche Finſternis aus unſerem
Blut?“ — Stöhnend richtete er ſich auf und ſah
zur Mauer geſchichtet rings um ſich herum Tauſende
von Menſchenſchädeln. Er war im Beinhaus. Von
faulbraunen, regengrünen Knochen her roch es
bitter. Immer auf je einer Schicht Arme und Beine
ruhten Totenköpfe. Je länger er hinſtarrte, deſto
grauſig lebendiger wurden Augen. Um breite
Mäuler ſtand eiſiges Lachen. Im Zwang der
Totenſtarre war Ruhe. Er atmete ſchwer, umfaßte
mit beiden Armen einige hundert Gebeine: „Seelige
Brüderlichkeit! Schlachtengrab! Jetzt noch in Haß
und Vernichtungsgier, und ehe es Frühling wird,
alle Gefallenen, ob ſchwarz, ob blond, in gleicher,
ernſter Gemeinſchaft, wie hier. Kann nur Tod fie
erzwingen?“
Seit vielen Wochen Kante ſeine Augen
wieder, als er ahnungsvoll zum kalten Himmel
ſchaute. Aufrecht verließ er den Gräberhof. Als
er bis zum Horizont nichts, als Grau und Metall
auf der Erde ſah, fühlte er, wie die Wucht ſolcher
44
Bewegung feine Seele losriß, feine Fauſt ballte.
Unten bei der Kompagnie, die der Vikar ordnete,
kam der Freiwillige ihm entgegen und ſagte: „In
acht Tagen, munkelt man.“ „Was in acht Tagen?
Ach fo, in acht Tagen.“ Dann trat er mit gezwun⸗
genem Lachen vor die Soldaten ſeines Zuges.
Aus der Kneipe in ſanftem Zickzack kamen Preis
und Schmidt. Mit ihnen ſtrömten aus Gärten und
Gaſſen Kompagnieangehörige zum Sammelplatz.
Schmidt führte den Trommler zur Kompagnie zu-
rück, umarmte ihn immer und immer wieder: „Und
laß Dir den Humor nicht ausjagen, und wohin auch
das Schickſal uns treibt...“ Preis reckte ſich
feierlich: „Ja, das Schickſal!“ „Ja, wir halten es
mit dem Schickſal,“ rief Schmidt. „Nimm dieſes
zum Andenken, eine Komödie, ein Märchenſtück,
wenn Du willſt. Aus meiner Feder, wenn ich ſo
ſagen darf,“ und ſteckte ihm ein Heft unter das
Kochgeſchirr, „o vergiß nicht den Schauſpieler
Schmidt aus Görlitz, mein Junge,“ fiel er ihm
wieder um den Hals, aber ein Donnerwetter des
Anteroffiziers holte den Trommler in Reih und
Glied, der von dort mit fröhlichen Füßen ſchaukelnd,
dem Schauſpieler zuwinkte: „Alſo, Caeſar Schmidt,
wir beide wiſſen, was wir wollen! Wir werden
eine gute Rolle ſpielen! Ein Luſtſpiel verſteht ſich!
45
Und wir wollen Verdun auf den Kopf ftellen!“ —
„Ja, bis wir Franziska unter die Röcke ſehen ?“
„Das wollen wir, Junge,“ johlte der Trommler,
„der Schädel ſoll ihr am Blutdrang platzen!“ —
gillbrand las vor dem Sammelplatz der Kompagnie
am letzten Haus auf einem Schilde: „Mors.“ Es
traf ihn. Während er ſich beim Leutnant meldete,
grübelte er: „Mors,“ das war Härte, Kälte, Ver-
zweiflung, Grab und Derwefung. Heimlich neigte
er ſich hin zu dem Wort ſeiner Sprache: „Tod,“
aus ihm firömte ihm Muſik, Wärme, Schlaf und
Frieden; dem Freiwilligen ſchlug er auf den Arm:
„Jüngling, wieviel Ahnung ruht in unſrer Sprache!
— Im Schritt kam der Hauptmann angeritten und
lächelte ernft, Tannenreiſig auf 21-Zentimeter-
Mörferbatterien berührend: „Feſtlich, feierlich?“ —
Kommandos wurden gegeben und abmarſchiert.
Im Antreten hob der Freiwillige ein Heft aus dem
Sande auf und las: „Kumpf der Grillen und Käfer
gegen den Ameiſenſtaat.“ Er ſteckte es in feine
Rodtafche und lief an die letzte Gruppe heran.
er Kellner lag auf zweihundert Wolldecken,
die ein Kraftautomobil aus dem Etappen-
gebiet der Front zuführte. Es war Nachmittag, als
46
er aus Träumen böſer Art — es rückten 8000 Nägel
gegen ihn an — auffuhr und „halt, um Gottes
willen, halt!“ in den Wind brüllta. Der Wagen-
führer aber, der den Kellner als „beſchädigt“ zum
nächſten Lazarett mitnahm, hörte nicht auf das
Geſchrei. Und „ja, was halt! Hier gibt es nun in
der ganzen Armee kein Halten mehr,“ gab Gas,
nur noch ſchneller ratternd. Von einer Wand zur
anderen fliegend, ſchlug der Kellner puppenähnlich,
hilflos mit Kopf und Armen. Es war ihm, als
hingen Nägel an ſeinen Beinen und ſtächen —
„nimm uns mit, es neigt ſich der Tag“ — in ſein
Fleiſch. Und er ſah von Mitternacht her neue
8000 Nägel aufwachſen und fühlte im voraus die
Spitzen von 16-, 24, 32 000 und jo ins Unendliche
wie ein Hagelwetter heranklirren. „Wir wollen
vernagelt ſein,“ dröhnte es ihm ins Ohr. Und er
lachte unſäglich blöde. Mit dem Kopfe nickte er:
„Ja, ich bin vernagelt, vernagelt ſind wir alle, die
ganze Welt iſt mit Brettern vernagelt!“ — Aber
ſein Weheruf war noch nicht verklungen, als ſchon
Chauſſeebäume vor ihm hinfielen wie Zinnſoldaten.
Eine Pappel nach der anderen; ſie krochen unter
reißende Sägen und kamen, ehe er Atem holen
konnte, heran; weiße Bretter, Gerippe des Holzes.
Sie bauten ſich vor ihm auf zum Gebälk, legten
47
—
und glätteten ſich. In ihr Fleiſch bohrten ſich,
ſchillernden Käfern gleich, die Nägelmaſſen tief
hinein. Wellendes Blech ſchlug über den Balken
als Dach zuſammen. Wie man im Traum den
Traum ahnt, fo erkannte auch der Kellner die Un-
ſinnigkeit der Geſichte. Deſſen aber ungeachtet ging
er durch ſie dahin, als wären es weite Baracken.
Wohl fünfzig hatte er bereits gezählt, als er er-
ſtaunten Auges ein Lager von 500 Zelten großer
und kleiner Art betrat. Lärm von 5000 Werkzeugen
hämmerte auf ſeinem Kopf herum. Erde, auf die
er ſich ermüdet legte, war ſo hart, daß er klagte;
aber ſogleich ſchwebten, wie von Engeln getragen,
duftige Heidekrautflächen heran und breiteten ſich
überall wolkenweich. Er ſah neben ſich ganze
Regimenter ſchlafſchwer verſinken. Selbſt Pferde
lagen und rührten ſich nicht. Plötzlich gellte ein
Aufſchrei des Durſtes! Wie in einem Sigeuner-
lager wimmelten Menſchen und Tiere durchein-
ander, Waſſer ſuchend. Da ſprang er auf, denn er
kannte die Quellen, und lief, Tauſende führend,
bis ſich ſeine Wünſchelrute bog. Mehr als 8000
tränkte er ſtündlich. Wohl ſagte ihm innere Stimme,
daß nicht er die Wunderbrunnen geöffnet an den
Hängen der Zitadelle von Montmedy; dennoch
ſchwebte er durch den Traum, glücklich, daß er um
48
die Geheimniſſe wußte. Eimer ſchoſſen wie Pilze
auf, 25 000 Stück in der Woche, und er reichte ſie
lächelnd jeglichem Bedarfe hin. Wie ein König
ſtand er unter feinem Volke; da verfinſterte ſich der
Himmel. Luft wurde ſtickig. Seine Unterſtimme
flüſterte ihm zwar zu, das ſei Qualm aus 13 000
Ofen, die den Truppen wöchentlich geliefert werden,
aber er ſtreckte die Arme von ſich und ſchrie: „Sollen
wir alle erſticken?“ und es röchelten ſchon viele
ſeiner Soldaten dahin, lungenzerſtört. Da machte
er Zeichen in die Luft, und ſogleich zogen ſeltſame
Augen heran und legten ſich vor aller Naſen und
Mäuler: „Gasmasken,“ ging es atembefreiend
durch das ganze Heer. Nun tanzte Gas um die
Menſchen, wie Tod, aber es fand keine ſterbende
Lunge. Da lachte der Kellner auf mit ſeinem
ganzen Volke. So laut lachten ſie vor Schadenfreude,
daß Baracken und Zelte mit eins zuſammenſtürzten,
wie Kartenhͤuſer; aber fie waren leichter als Papier,
denn es war Wind, der um feine Naſe ſtrich. — Von
weiten Flächen kam er her, von braunen Hügeln.
Ruinen und Schafe ſtanden an den Hängen. Von
weißen Kreuzen ſchwebten Adler ruhig ins Weite.
Verlaſſene Schützengräben zogen Helme und Pa-
tronentaſchen Gefallener in ihre verweſende Feuchte.
Er erwachte, als ihn der Laſtkraftwagen auf der
49
Straße von Marville nach St. Laurent vorfuhr.
„Iſt nun Wirklichkeit Traum, oder träumt man die
Wirklichkeit?“ Er zwang ſeine Gedanken auf
feſteren Boden: die Vergangenheit. An ſeine
Kellnerzeit dachte er. Als Sonnenſchirme auf
Hotelterraſſen, ſeltenen Blumen gleich, hin und her
ſchwankten, und er Eispunſch herumtrug und
reizende Lippen am Strohhalm ſaugen ſah. Er
ließ ſeine Zunge an Gaumen und Lippen ſpielen
und ſah ſchlanke Automobile wie Schwäne heran-
gleiten, an Marmorſtufen Kies ſprühend. Da rief
er aus: „Ach, erbarmt euch, erbarmt euch! Die
Wege, die entſetzlichen Wege! — Schafft uns
Menſchen, ſchafft uns Schippen!“ Aber ehe er ein
Wort hervorbrachte, ſtreckten ſich ſchon 2000 Arme
aus und ergriffen ebenſoviel und mehr Schaufeln
und Hacken. Wagenladungen von Baſaltſchotter
füllten alle Löcher in den Wegen aus. Dampf-
walzen fuhren ebnend darüber hin! Braune
Männer, Gefangenentrupp mit weißen, roten und
orangenen Mützen und Schulterbändern arbeiteten
Tag und Nacht, indem ſie den Schlamm zur Seite
kratzten. In ſeinem Fieber glaubte er ſich nun in
der Hochzeitskutſche und mußte lachen über die
goldenen Treſſen, die bunten Pferde, den Kutſcher
mit der ſeidenen Schleife an der Peitſche. Aber
50
—
plötzlich ſtürzten die Pferde, in Draht verwickelt,
der, immer länger und länger werdend, ſich ſtachelig,
unaufhörlich um den Wagen, um Menſchen, um
Feind und Freund, ja um die ganze Erde ſchlang.
Mit Gewalt hob er ſich von ſolcher Laſt beſchwert
auf: „Was würgſt Du mich, was erdroſſelſt Ou
mich?“ Aber Hunderte von Meilen weit ſah er
nichts als Stacheldraht und Stacheldraht. Lange
Finger griffen in ſein Gehirn und zogen ihm die
Nerven heraus zu den Drähten hin. Der Wagen
hielt in St. Laurent vor der Roten-Kreuz-Flagge
an. Ein Arzt fragte: „Kann er gehen? Sonſt zwei
Mann her.“ Krankenträger kamen. „Was?“ — wie
im Halbſchlaf hörte der Kellner alles mit an —
„verrückt?“ — Er bäumte ſich auf, wurde aber
niedergedrückt. „Kennen wir. Nerven verſagen!“
— „Verrückt?“ brüllte der Kellner. „Mein Gott,
nicht ich, nicht ich,“ und hob ſich, ſeine Hände an
die Gurgel krallend, vor dem Arzte auf: „Helft
mir,“ als wolle er etwas losreißen.
Man legte ihn auf einen Sack. Geſichter beugten
ſich. Clemens erkannte ihn. Es war ihm als ſähe
er im Kellner die ganze Hilfloſigkeit ſeiner Seele.
Er ſetzte ſich zu ihm. „Mein Gott, ich bin ganz
normal, ganz normal.“ Als ſein Puls befühlt
wurde, ſchrie er: „Reißt den Draht ab!“ und ſeine
51
Augen aufichlagend, packte er Clemens. „Wo haft
Du deine Erkennungsmarke? — Im Maſſengrab
hat ein Mann ſeine Erkennungsmarke verloren.“
Dann ſank er hell auflachend zurück. Hillbrand und
der Trommler, von Soldaten herbeigerufen, kamen
ſchnell. Aber er krümmte ſich vor ihnen. „Fort,
fort, Ihr Schipper! Fort, Ihr wollt mich tot-
ſchlagen!“ Der Arzt gab ihm eine Morphiumſpritze.
Danach träumte er von einer Kahnfahrt auf dem
Genfer See. Zum Ufer wollte er hin, wo er Eis-
punſch reichen ſollte. Schöne Damen in Spitzen
und ſonnigen Seidenſtrümpfen ſchaukelten mit
ihren Füßchen zur Waſſerfläche und riefen: „Eis-
punſch, Eispunſch!“ Ein Krankenwärter legte ihm
Waſſerlappen auf, die er fortſchleuderte. Clemens
blieb allein bei dem Kellner. Während er ihm die
Umſchläge machte, tat er Gelübde! Furchtbare
Gelübde. Hillbrand ſchickte den Trommler mit
einer Weiſung in den Gaſthof hinüber und ging
— „das kommt davon“ —, dem Hauptmann von
des Kellners Zuſtand Meldung zu erſtatten. Er
traf Werner, als er gerade aus dem Generalitabs-
zimmer kam. „Herr Hauptmann, der Kellner iſt
wieder da.“ „Hat er Gründe, die ihn vor Arreſt
bewahren?“ fragte der Kompagniechef, während
er ein Paket Karten und Zettel immer wieder
52 x
unter feinem Arm zurechtſteckte. „Er iſt krank.“
„Krank? Wo liegt er?“ „Ich führe,“ und Hillbrand
ging voraus. Sie waren kaum hundert Meter weit,
da rief der Kommandierende General Werner
zurück: „Bft es Ihnen bekannt gemacht?“ „Jawohl,
Exzellenz.“ „Mögen Sie in dieſem Kommando
Anerkennung finden,“ er grüßte. Der Hauptmann
ſah ihm nach: „Sturmtruppe!“ Eine Kartenrolle,
die herausgerutſcht war, hob er auf und ging weiter.
Plötzlich blieb er ſtehen und griff in die Taſche,
dann in die andere und dann ſuchte er alle Taſchen
ab. Er rief Hillbrand zu ſich: „Ich glaube, ich habe
mein Tagebuch verloren! Gehen wir ein Stück
zurück, wir müſſen es finden. Ich bin keinen anderen
Weg gegangen.“ Beide ſuchten den Boden ab,
aber ſie fanden es nicht. „Ich wer de in das General-
ſtabszimmer zurück müſſen !.. Nein, dort habe
ich es nicht liegen laſſen. Suchen wir, ſuchen wir.“
Er ſah Hillbrand aus graukalten Augen an: „Dann
könnte ich mich lieber gleich erſchießen. Gehen Sie
um die Kirche, ich ſuche hier.“ Oer Sergeant eilte
fort. Werner flimmerte es vor den Augen: „Wenn
die Zettel gefunden würden! Verraten der An-
griffsplan! Ich käme vor Kriegsg ericht! Und mein
Tagebuch! Mein Tagebuch! Mein zweites Ich“
Er lachte gezwungen. Aber ſchon reckte ſich das
53
Buch. In der Zelle ſah er ſich! Kalt war der
Wind, kalt der Gerichtstiſch, kalt der Morgen ſeiner
Verurteilung. Er rückte die Mütze aus der Stirn:
„Trat ich aus dem Rahmen erlaubter Gedanken?
Darf man Zweifel nicht ausſprechen? Ausſprechen
wohl, aber nicht ſchreiben, nicht ſchreiben, daß es
jeder leſen kann!“ Luft wurde ſchwarz um ihn:
„Ja, Ihr kennt nur die weiße, die glatte, willige
unterwürfige Seite, aber,“ und er ſtampfte auf,
„wollte mich jemand anklagen, weil mein Blut
auch die andere Farbe trägt, die dunkle? Was
ſchrieb ich denn? Darf man nicht Fragen ſtellen?
Sind wir eine Hammelherde? Die ſich treiben läßt
dierhin, dorthin? Sturmtruppe? Für wen? Für
was?“ — Er hob eine Zeitung auf und las ſchwarz⸗
umrändert unter dem Kreuz: „Den Heldentod
ſtarb uſw.,“ und trat auf die Zeitung: „Stünds
ſchon von mir!, Ein Punkt hinter alles!“ — Dann
ſuchte er gebückt weiter jeden Meter Erde ab. An
der Kirche hockte ein Kutſcher neben ſeinem Gaul
mit Papier in der Hand. Werner fühlte den Fund!
Doch ehe er kam, griff ſchon Hillbrand zu, riß es
dem Soldaten unter dem H.. fort und las in
großer erregter Schrift: „Trommelfeuer!“ Es
ſchlug durch ſeine Glieder: „Trommelfeuer!“
Werner winkte von weitem. Dicht vor Hillbrand
54
fand er ſein Tagebuch: „Schwarzer Teufel!“ Er
drückte es an ſeine Bruſt: „Mein Buch, Himmel,
mein Buch!“ Note Flecken blieben ihm im Geſicht.
Hillbrand fragte, während er die Papiere abgab:
„Trommelfeuer?“ Werner nickte, legte den Zeige
finger an den Mund und warf einen Stein über die
Kirchhofsmauer. „Es gibt Sturm, lieber Freund!“
Aufgeſcheucht flog eine Goldammer fort. „Dies
Tierchen darf leben! Niemand befiehlt ihm, kämpfe
für die Idee der Goldammern! Es wär auch eine
zu tolle Idee! Hillbrand, für Goldammern kämpfen!
Für Goldammern!“ — Plötzlich rüttelte er den
Sergeanten an beiden Schultern: „Mann, Mann!
Ich kann wieder atmen! Ich kriege Luft!“ Hillbrand
ſah ihm nach: „Was ſpringt er, als käme er aus dem
Abiturientenexamen em
*
lemens ſtand auf, als der Hauptmann in die
Revierſtube kam und den Kellner — „was
machſt Du für Geſchichten?“ — begrüßte. Der
Kranke konnte nichts anderes hervorbringen als
„Verdun!“ Werner richtete ihm Stroh unter dem
Kopf: „Ja, Verdun!“ und ſah Clemens an:
„Siebenhunderttauſend Köpfe und zweihundert-
fünfzigtauſend Pferde am gleichen Strang: Verdun.“
59
— Aus des Kellners Taſche ragte ein Zettel, er
zog ihn heraus und las: „Einhunderteinundzwanzig
Kaſſenverwaltungen, ſechsundvierzig Sanitätsfor-
mationen, zweihundertfünfundachtzigtauſend Woll⸗-
decken, dreizehntauſend Tonnen Kohle, dreihundert-
ſechsundzwanzigtauſendzweihundertfünfzig Bett-
ſäcke, dreitauſend Werkzeuge, Gießkannen, Axte,
Hammer, Eſſenträger, Löffel, Schöpfer wöchentlich!
— And täglich —.“ Über des Kellners Kopf ſtrich
er hin: „Täglich ſechzig Kilometer Stacheldraht,
achttauſend Nägel, zwei Waggon Wellblech! Ja!
Ja, verſchlänge er das allein, der Rachen Verdun!
Aber die Menſchen.“ — Während er das Papier
in den Ofen warf, lachte er bitter: „Das verfluchte
Papier!“ Clemens ſah Werner mit großen Augen
an; „haben Menſch, Tier oder Material überhaupt
noch Bedeutung?“ — „Nur im Hinblick auf das
Geſamtziel, Clemens. Der einzelne biegt oder
bricht, nicht wahr, mein Junge?“ Er klopfte den
Kellner und verließ — „ich will mit dem Arzt
ſprechen“ — das Zimmer. Clemens eilte ihm nach,
doch als er die Türklinke ſchon in der Hand hielt,
machte er kehrt. „Beſſer nicht, beſſer nicht eigene
Gefühle abſchneiden wie Blätterüberfluß zugunſten
der Frucht; welcher Frucht! Rot aus der Zukunft
leuchtet fie mir.“ — Als der Krankenwärter eintrat,
56
ging er, die Hände auf des Kellners Stirn legend,
„auch Du ſollſt von ihr eſſen,“ hinter dem Haupt-
mann her zu Tiſch.
1 | *
Dee lange Saal im Gaſthof war für die Abend-
mahlzeit der Offiziere hergerichtet. Schnee-
glöckchen lagen zwiſchen Tellern und Fleiſchplatten.
Kerzen brannten. Zn einer Ecke entfernt ſaßen zwei
Soldaten. „Glaubſt Du, daß wir durchkommen?“
„Selbſtverſtändlich, am Horchpoſten vorbei.“ Der
eine ſtand auf, ging durch den Saal. — „Was ſich
ſchlachten laſſen will, ſolls tun!“ Die Fauſt gegen
die Straße ballend, „Hunde! Ich verderb Euch das
Spiel!“ Als er Schritte hörte, ſetzte er ſich wieder.
Mit ſeinen Herren kam der Hauptmann. An der
Mitte der einen Tiſchſeite nahm er Platz, links und
rechts und gegenüber die anderen. Auf getünchter
Wand ſtanden ihre Schatten dunkel mächtig bis
zum Gebält hinauf, nur bewegt, wenn Ordonnanzen
Türen öffnend, Wind um die Kerzen blieſen. Die
bläulichen Flammen der Oochte ſpielten. Werners
gepreßte Fröhlichkeit erlahmte an der gedrückten
Stimmung der anderen. Hillbrand ſchaute beob-
achtend in die Saalecke. Der Trommler kam:
„Geſtatten, Herr Hauptmann, daß wir Tafelmuſik
57
ſtellen?“ Werner nickte, aber die Muſik begann
nicht. Von verbrannten Köpfen tropften Schweiß-
perlen auf Teller, die unter Gabeln klapperten.
Naſſe Schnurrbärte wurden zähnefletſchend abgeleckt
und der eine und andere unterdrückte Magenluft,
die an den Gaunien ſtieß. „Wie die Fütterung
wilder Tiere!“ ſagte Clemens. Alle lachten auf,
dann ſahen ſie ſich beobachtend an. „Sturmtruppe!
Sturmtruppe,“ klang es in Werners Hirn und
zwängte ihm Lippen zuſammen; aber er hob den
Kopf und rief: „Proſt, Freiwilliger.“ Heinz ſprang
auf, daß der Stuhl hinklatſchte und goß das volle
Glas hinunter. In den Fleiſchſchüſſeln gerann das
Fett. Der Hauptmann unterbrach wieder die Stille:
„Heinz, haben Sie den Entwurf unſeres Wald-
lagers?“ „Jawohl, ein Märchenſchloß iſt es ge-
worden!“ Die anderen ſtießen ſich an: „Wald-
lager?“ und Clemens trat Hillbrand unter dem
Tiſch: „Haft Du's gehört?“ Aber der ſtarrte unent-
wegt auf die beiden Soldatengeſtalten in der
Zimmerecke. „Jawohl,“ erklärte Werner, „wir
werden uns ſelber Häuſer bauen!“ „Hier?“ —
„Vorn!“ „Gibt es da keine Häuſer mehr?“ „Alles
zerſchoſſen, völlig zerſäbelt.“ „Dann iſt es gut,
wenn wir uns Häuſer bauen,“ wiederholte der Vikar
und beugte ſich mit Stielaugen über eine Karte,
58
auf der Werner ihre zukünftige Stellung zeigte:
„Was? Auf den Raum ſoll eine Diviſion?“ und
alle hingen an Werners Lippen. Clemens ſtach ſich
mit der Gabel in Fingerſpitzen, daß nur ein würgen-
der Laut aus der Kehle kam. Plötzlich ſtand Hill-
brand auf, machte ſich von den Händen des Vikars
frei, der ihn wieder niederziehen wollte und ſtürzte
„ich hab eine verfluchte Ahnung,“ hinter den
Soldaten her, die lautlos verſchwunden waren.
Werner rief: „Was iſt los?“ und ſah auf die er-
ſchreckte Tiſchgeſellſchaft: „Clemens, was ſtarren
Sie mich an?“ Da ſtotterte der Lehrer: „Ich, ich?“
und ſah durch die offene Tür. „Eſſen Sie doch Ihr
Sauerkraut weiter!“ Aber da wurde Clemens
dunkelrot, dann bleich und dann mußte er ſich über-
geben. „Ja, meine Herren, was iſt denn los?“ und
Werner blickte von einem zum anderen. „Ich
glaube, das Zeugs war mit ſchlechtem Fett gekocht!“
ſagte der Vikar. Werner kaute Brot, als hätte er
Kieſel im Mund, dann hob er die Achſel: „Glaubt
Ihr, das Fett würde beſſer in Zukunft?“
Allein blieb der Trommler zurück. An dem noch
nicht abgegeſſenen Tiſch ging er mit, übergeſchnappt“
von Platz zu Platz, ſeinen Teller füllend und Gläſer
leerend. In ungeſtörter Behaglichkeit verzehrte er
reichliche Reſte. Den letzten Schluck trank er auf
59
fein eigenes Wohl aus, knöpfte den Rod auf, faltete
Hände über dem Leib und begann verdauend ſich
in feierliche Stimmung hineinzulullen. Kerzen
tropften, und indem ihm blinkende Kreuze und
Kragentreſſen durch flackernde Luft gaukelten, betete
er: „Lieber Gott, gib mir, worum ich Dich bitte.
Ich will Dir zum Danke, ſo wahr ich der Trommler
bin, nie mehr ein Mädel anſchauen.“ In dieſem
Augenblick kam eine dralle Dirne herein und trug
das Eßgerät ab. Mit ihrem Fuß die Tür auf-
ſpreizend, die der Wind immer wieder zuſchlug,
quetſchte fie ſich mit dem vollgepfropften Tablett
hinaus. Der Trommler legte ſeinen Kopf auf die
Tiſchplatte, dann ſtand er auf, knöpfte ſeinen Rock
wieder zu und ſchloß das geöffnete Fenſter. Leiſe
trat er vors Schlüſſelloch und ſchaute. Gequält
machte er kehrt, und ſetzte ſich, „die Weiber, die
verfluchten Weiber“ murmelnd, auf ſeinen Platz.
Mehrfach den Kehlkopf aus der Halsbinde reckend,
atmete er ſchwer aus offenem Munde und öffnete
den Rock zum zweiten Male. An den Schauſpieler
Schmidt aus Görlitz dachte er; an das Schickſal,
an ſein Gelöbnis, dem Schickſal treu zu ſein. Die
eine Kerze war heruntergebrannt, die andere
kämpfte; er kaute an einer Serviette herum. Als
Geſchirrklappern und Gelächter klang, ſtürzte er —
60
„nein, nein“ — zur Türe hinaus. Es wurde völlig
dunkel, Wind klirrte an Scheiben. Still öffnete
ſich die Tür; mit einer Taſchenlaterne leuchtend,
taſtete ſich Preis am Tiſch entlang quer durch den
Saal und verſchwand in der Küche.
*
D Kriegsfreiwillige ſuchte die Chauſſee auf,
die an den Feind führt. Seinen Dolch zog
er aus der Scheide und hieb im Vorwärtsgehen
durch die Luft. Immer, wenn es ganz wolten-
dunkel wurde, ſtach er mit vorgeſchnellter Kraft um
ſich, als ſtünde er im Gefecht. Aus dem Wald
ſchlängelte ſich ihm ein Glühwurm entgegen. Licht
hob Bäume aus der Finſternis und ſpiegelte in
Waſſerpfützen des Weges. Heinz trat an einen
Baum und ließ die Kraftwagenkolonne porüber-
lärmen. Schlammwellen bewarfen ihn bis an die
Hüften voll Kot. Hinter dem letzten Automobil
war wieder Nacht. Er eilte weiter. Alle hundert
Meter ſtieß er auf Poſten in braunen Zelttüchern.
Durch einer Laterne Licht ſah er Munitionswagen,
von keuchenden Pferden gezogen, aus dem Dunkel
verſchiedener Seitenwege kommend, wieder in das
Dunkel verſchwinden. „In den Tod,“ ſagte ein
Offizier, ſich die Hoſen aufziehend. Dann nahm
61
er den Freiwilligen am Arm und führte ihn auf
eine Höhe. Zu langen, ſchwarzen Bergſtrichen
deutete er: „Dort,“ und als er des Freiwilligen
erſtaunte Augen ſah, brüllte er auf: „ich will gar
nicht wiſſen, wer Sie ſind, iſt auch ganz gleich, ganz
gleich!“ Plötzlich legte er ſich in das naſſe Feld,
wühlte ſich mit den Händen ein Loch und lachte:
„In vier, in fünf Tagen liegen wir ja alle fo! Kalt,
was? Faſt zum Verweſen zu kalt; aber ganz gleich,
ganz gleich!“ Heinz erſchrak vor dem ſeltſamen
Gelächter. „Scharr mich zu! Scharr mich zu!
Schweinerei! Verdammte Schweinerei, da vorne!
Exzellenz, weißt Du, wie man einen Spatzen zer- .
legt? Wirf mir Oreck über'n Kopf, daß mich die
roteingefaßten Lümmels nicht finden! Diele
Schufte! Biſt Du etwa auch Generalſtäbler, ha?
Sonft hilf mir! Hilf mir! Hilf mir!“ Oer Frei-
willige floh entſetzt von ihm fort. Als er wieder
in das Laternenlicht kam, ſah er eine tote Katze
am Wege. Er drehte ſie mit dem Seitengewehr
herum, fo daß Pfützenwaſſer aufſpritzte. „Totes
Vieh!“ Durch winternackte Sträucher fiel matter
Biwakſchein und beleuchtete lange Zelte und vieler
Pferde ſchwanzwedelnde Hinterteile. — „Totes
Vieh,“ und Heinz ſtellte ſein Seitengewehr mit der
Spitze ſenkrecht auf den Katzenbauch; dann ſchauerte
62
er — „das haben wir nicht geübt, man follte es
doch probieren“ — zuſammen und drückte den
Stahl tief, widerwillig in das Fleiſch. Mit dem
Stiefel ſtemmte er ſich gegen die Katze, zog den
Dolch — „widerlich, widerlich“ — heraus und
wiſchte ihn ſchnell im Schlamm hin und her. Dann
rannte er die Straße wie gehetzt hinunter, zurück
zum Quartier. Als er an erſte Häuſer kam, ſteckte
er ſein Meſſer in die Scheide und ſchlich auf den
Kirchhof, von deſſen Gräbern er vormittags Blumen
gepflückt hatte. In bereifte Blüten ſchaute er. —
Während des Turmglockenſpiels ſüßes Geläut
Mitternacht ſchlug, ſah er ſcheu zum Kirchturm hoch
und wiederholte: „Widerlich; wenn das doch nicht
notwendig wäre.“
%
I Jene: hatte bis jetzt am Tagebuch gearbeitet.
Er ſtand auf, malte blaue Striche auf ſeine
Karte und ſchrieb aus den Stammrollen ſeiner
Kompagnie beſondere Liſten heraus. „Die Frei-
willigen, erſte Sturmwelle.“ Nach Korporalſchaften
getrennt, zeichnete er ſie ein. „Hillbrand ſetze ich
auf linkem Flügel an, dort brauche ich Energie.
Rechts den Vikar, die Mitte mag Clemens über-
nehmen. Bei mir bleibt der Trommler und als
63
Melder der Sturmtruppe foll der Freiwillige laufen.
Der hat die jüngſten Beine von uns.“ Nachdem
er ſich in der Vorſchrift für Pioniere, einige Minuten
herumblätternd, über techniſche Fragen orientiert
hatte, ſteckte er ſich eine Zigarre an, nahm wieder
das Tagebuch zur Hand. Das ſchwarze Heft ſtreichelte
er. „Hab ich Dich wieder! Auch unter Blumen,
dem goldenen Korn und der ganzen Pracht der
Natur rauſchen tiefe Quellen, lautlos jegliches
Nachtgetier tränkend. Nicht jede Gänſeblume reicht
mit ihren Wurzeln in dieſe Macht.“ Er ſtand auf
und zog ſich den Waffenrock aus. Primeln, die ihm
der Freiwillige auf den Tiſch geſtellt hatte, preßte
er an fein Geſicht. Über einen Lehnſtuhl gebeugt,
.
ſchloß er die Augen. Seine Bruſt glühte; er Inöpfte
das Hemd über ihr auf und ſtreckte die Arme von
ſich: „Frühling, mein Gott, Frühling!“ Seinen
Revolver rückte er weit von den Blumen. „Früh-
lingsſturm, Du ſprengſt harte Erden! Du brichſt
mit der Wucht deiner Sonne in kalte Räume, bis
ſie lind werden, wie Frauennähe.“ Aber ſein Rock,
den er über einen Stuhl gehängt hatte, ſchien ſich
zu füllen. Vor ihm ſteif, gerade, ſaß Hauptmann
von Werner. Er trat an die Wand zurück und
ſtarrte ihn an. „Bewege Dich, bewege Dein Herz!
Mißgönnſt Du mir Frühling und junge Kraft?
64
Fühlſt Ou nicht, wie es aufbricht aus allen Schollen?
Willſt Du über dieſem Drängen immer noch bis
in den oberſten Haken den Kragen geſchloſſen
halten? Sieh, wie ſich mein Hals fo frei aus den
Schultern hebt! Ou vor mir, halte Dein Kinn
nicht fo ſchrecklich feſt. Weine, ſchluchze, lache ein;
mal! Ach, es iſt Grund für beides. Wende Deinen
Blick nicht von Gräbern fort, die ſich füllen für Dich,
Lächle nicht kühl. Nicht dieſen drohenden Finger!
Gib uns, uns Deinem Volke, gib Oeine Adler frei,
die immer noch wie zu Zeiten der Kurfürſten warten.
Wie verlangend ſieht mich ihr Wahlſpruch an: Auch
der Sonne nicht wollen wir weichen! So weiche
Du,“ und er ſprang an den Stuhl und knitterte
den Rock auf ſein Bett: „Weiche alles jetzt, was
ſich noch vor unſere Sonne ſtellt! Volk will vor,
will Wahrheit! Nicht mehr den Stock! Wir lieben
dich, nicht mehr unter dem Zwange: Du ſollſt!
Wir vergöttern dich! Brich Tore auf! Die Dämme
der Vormundſchaft! Wir ſind reif! Würden wir
ſonſt, Tod vor Augen, Dein neues Oaſein er-
kämpfen?“ Er beugte ſich wieder tief über den
Rock. „Auf daß Deine Kraft aufblühe in den
Völkern, wollen wir ſterben. Gib uns Wahrheit!
Rede nicht weiter von leichten Triumphen und
unverwelklichem Lorbeer! Reiß Deinen Mantel
65
auf, daß wir das Blut aller Wunden ſehen! Mäch-
tiger, als Frühling, gären Säfte in Deinem Voll;
ſchüttle den Froſt ab, ehe Naturgewalten ihn
ſprengen! Oder, wie glaubſt Du, ſollten wir weiter
den Ernſt dieſes Krieges begreifen, wenn er
wirklich ſo leicht wäre, wie man ihn ſchildert!
Predige es, daß die Zeit vor dem Kriege zufammen-
geſtürzt iſt. Komm her!“ und er zog feinen Rock
an und knöpfte ihn über ſtürmendem Atem zu.
„Fühle es, daß Frühling in Dir jauchzt! Zieh uns,
die wir einen Meter vor dem Gipfel ſtehen, nicht
zurück in den Staub vergangener Jahrhunderte.
Wir wollen aller Höhen Freiheit jetzt genießen!“
— Er ſetzte ſich. Sein Kopf war heiß, als er den
Kragen zuknöpfte, erſchrak er und verſchloß ſein
Tagebuch. Hillbrand kam herein und überbrachte
ein Dutzend weißer Armbinden. „Was ſoll's?“
fragte Werner, indem er ſich die Leinenſtreifen
betrachtete. Hillbrand entgegnete, daß ſie ihm
ein Regimentsſchreiber eingehändigt, wofür, wiſſe
er ſelber nicht. Der Hauptmann ſchloß die Papp⸗
ſchachtel, machte mit Rotſtift ein Fragezeichen dar-
auf und ſtellte ſie auf den Tiſch: „Nun?“ — „Herr
Hauptmann?“ „Ich meine, was iſt aus den beiden
Soldaten geworden?! Der Sergeant ſchwieg, dann
trat er näher: „Hauptmann, es iſt gut, daß wir
66
die Bücher gefunden haben.“ Werner zog ſich den
Mantel an: „Das verſtehe ich nicht.“ „Dann iſt
es gut, Hauptmann,“ und Hillbrand atmete auf.
„Was bedrückt Sie, Freund?“ „Hauptmann, mir
war es, als ſtünde ein Geheimnis auf dem Spiel,
als hätten die beiden Soldaten etwas gewußt, das
verraten werden könnte!“ Werner ſah zur Erde:
„Verraten, das könnte doch nur von uns aus-
gehen.“ |
Hillbrand blieb einen Augenblick hinter der Tür
ſtehen, die der Hauptmann geſchloſſen. „Was meint
er damit?“ Er fand keine Ruhe. Seines Freundes
Clemens Bild trat ihm vor Augen. Durch welche
Gedankenverbindungen wußte er ſelber nicht. Er
ſah Clemens grübeln, hörte ihn zweideutige Aus-
ſprüche tun, die ihm wie Gift durch die Adern
trieben und in ſein Herz wollten. Darum quälte
es ihn jetzt mächtig zu ihm hin. Clemens lag auf
Stroh und las aus der Felddienſtordnung über
Feuerverteilung und Sturmangriff. Hillbrand
nahm ihm das Buch fort und ſagte: „Glaubſt Du,
daß es unter uns Verräter gibt?“ „Verräter?“
wiederholte Clemens, „wie meinſt Du das?“ „Freund,
— unſer Hauptmann “ „wWarſt Du beim
Werner?“ „Ja,“ und er ergriff Clemens Hand,
„fühlen wir beide uns frei davon? innerlich frei
67
davon?“ Oer Vize verbarg ſich hinter dem Glanz
der Kerze — „was heißt Verrat?“ — und ſtarrte
zur Decke. Hillbrand brach in Knie und Beben
ging durch ſeinen ganzen Leib, als er ausrief: „Ich
wollte Dir kein Unrecht antun, ganz gewiß nicht,
keinem auf der ganzen Welt wollte ich das tun!“
Minutenlang tlöpften ihre Herzen; dann ſprang
Clemens hoch: „Geh, geh!“ Doch als der Sergeant
ihm offenen Geſichtes gegenüber blieb, fiel er ihm
um den Hals: „Hillbrand!“ Sein Freund packte
ihn an den Schultern: „Junge, mein alter Junge!“
Noch leiſer als zuvor, ſagte Clemens, indem er die
Oienſtvorſchrift aufhob: „Ich glaube, bald brauchen
wir das nicht mehr, aber noch heißt es frieren,
unſäglich frieren.“ — „Das laß nur, wenn mal erſt
durchſichtige Luft herrſcht, kann Sonne ſchneller
wärmen.“
x
ls der Trommler aus der Küche des Gaſt⸗
hofes kam, war es mondhell. Fortgeſetzt
ausſpuckend, wiſchte er ſich mit dem Armeltuch
Blut aus dem Geſicht: „Weiberbande, Weiber-
bande! Geſchieht mir recht, ganz recht,“ und ſeine
Fauſt zum Monde hebend, ſtöhnte er: „Schickſal,
Dir gehöre ich!“ Dann drehte er ſich ſchnell herum
68
und ziſchte: „Katze, Katze, verdammtes Katzen-
geſchlecht! Mir das Geſicht ſo zu zerkratzen, daß
ich herumlaufe wie ein verprügelter Eſel. O Caeſar
Schmidt aus Görlitz, wäre ich Dir gefolgt, ſo brauchte
ich jetzt kein Eſel ſein.“ — Auf einem Schutthaufen
glänzte der weiße Leib eines Schaukelpferdes; er
zog es vor und ſetzte ſich breitbeinig — „o Schickſal“
— darauf, und wiegte ſich voller Freude über ſeinen
langen Schatten, der an einer Hauswand hin und
her pendelte. „Weiß der Kuckuck, ſo wollte ich in
Verdun einziehen, daß mir alle Weiber nachſähen.
Den Gaul wollte ich mit den Schenkeln quetſchen,
bis er meine Verachtung unter ſeinem Schweif
rauskugelte! Verdammtes Katzengeſchlecht!“ Mit
geſchloſſenen Augen ſchaukelte er durch geheimſte
Träume hin und her. Plötzlich ſprang er, heiß vom
Geſicht ſeiner Zukunft, ab, ſtieß das Holzpferd von
ſich und blieb mächtig auf der leeren Dorfſtraße
ſtehen. Als er aber den unendlichen Sternenraum
über ſich ſah, zog er ſein Taſchentuch und ſchnaubte
ſich — „weiß der Kuckuck!“ — trompetend die Naſe.
69
Schützengraben
„Ein Holzhaus nach dem anderen fügt ſich
zuſammen. Schloſſer, Maurer, Bauern,
Arbeiter, jeder ſtellt ſeine Kraft zur Verfügung.
Kinderzeiten leben auf. Oft, wenn wir aus
Nachbarlagern Hammer- und Axteſchlag anderer
Regimenter hören, geſchieht es, daß wir wie
auf Verabredung zu klopfen beginnen als wollten
wir ſagen: ſeht her, wir ſind auch da, wir ſchaffen
das Gleiche. Es iſt ſchön, daß wir zuſammen
in Arbeit ſtehen. Gern würde ich Dich durch
dieſe kleine Holzſtadt führen. Auch über Wege
brauchteſt Du nicht zu klagen, breite Dämme
ſind angelegt, die ſumpfige Felder und grundloſe
Strecken mit benachbarten Wieſen und Anmarſch-
ſtraßen verbinden...“ Er legte den Bleiſtift hin
und ſah den Trommler erregt auf dem Knüppel
damm mit Clemens in das Waldlager kommen.
„Nein, verſucht mich nicht zu beruhigen, er ſoll mir
vor die Klinge! Mich zu verhöhnen, daß alle ihre
Arbeit abbrechen und der ganze Wegebau in Frage
70
He ga beendete einen Brief an ſeine Frau:
geſtellt wird!“ Der Lehrer nahm ihn am Arm,
aber Preis machte ſich los. „Und wenn er dreißig-
mal Paſtor iſt! Ich ſpreche mein Gebet ſo gut wie
irgendein Chriſt!“ — „Wir wiſſen es!“ — „Und
ſo fleißig wie ein Konſiſtorialrat.“ „Aber man ſoll
Privatangelegenheit unter das Ganze ſtellen!“ —
„Privatangelegenheit?“ rief der Trommler, „iſt
meine Ehre Privatangelegenheit?“ — „Aber Fhre
Ehre iſt ja gar nicht berührt.“ — „Ha,“ ziſchte Preis
und trat vor den Kriegsfreiwilligen, der auf einem
Brett rohes Fleiſch in Portionen hackte und es dem
Kompagniekoch hinwarf. „Heinz,“ aber Heinz ſah
und hörte nichts, ſondern ſchlug mit dem Beil in
das ſaftige, rote Kalb, daß Knochen und Knorpel-
ſplitter herumſpritzten. „Willſt Du mich anhören?“
und er packte ihn am Genick. Heinz ſtellte das Beil
auf, wiſchte ſich Blut vom Arm und wartete. „Weißt
Du, was Ehre iſt?“ „Ehre iſt, wenn man... hieß
es in der Schule,“ antwortete Heinz. „Willſt Du
mich foppen?“ In dem Augenblick kamen Soldaten
gelaufen und riefen durcheinander: „Nun, Herr
Tambour, gebt acht, daß nicht wieder eine Granate
aus dem Himmel rutſcht und Dein Geſicht zer-
kratzt. Vorſehen, da läßt ein Spatz was fallen! —
Geficht weg, es könnte blutige Riſſe geben.“ Preis
bebte: „Und wenn es das erſtemal wäre in der
71
Religion, daß ein preußiſcher Tambour einen Paſtor
vor die Klinge ruft. Soviel Schmiſſe will ich ihm
geben als er mir Beleidigungen.“ Hillbrand legte
einen Stamm auf eine halbfertige Baracke und
begann ihn feſt zu hämmern. „Bin ich nicht ein
Mann? Seid Ihr keine Männer? Steht im Fahnen
eid, daß ich kein Weib anſehen ſoll? Daß mir der
Leutnant von Amts wegen kommt. Zu Waſſer und
zu Lande und von der Luft ſteht was drin, von
einem Frauenzimmer habe ich nichts gehört. Und
wenn dieſe Riſſe auf meiner Backe von ſolch einem
Katzenvieh kämen? Bäh! Was glotzt Ihr nun?
Was dann?“ Als alle vor Lachen johlten, umſchlang
er ein großes 42 er Geſchoß, das gerade mit anderer
Munition abgeladen war und wütete: „Wer noch
ein Wort wagt, dem ſchmeiße ich dieſen Zuckerhut
an den Schädel, und weiß der Kuckuck, ich will jetzt
meine Forderung ſchicken. Laßt mir meine Ruhe,
ich will meine Ehre, mein Schickſal vor der ganzen
Welt ſäubern.“ — Hillbrand hörte mit Hämmern
auf und ſagte: „Ausgeſchloſſen, Ou erreichſt nichts.
Ehre iſt Ehre, und Gehorſam Gehorſam. Wieviel
Gehalt kriegſt Du? 17 Mark 40, und Du willſt eine
Forderung ſchicken?“ Als alle den Trommler er-
wartungsvoll anſahen, mußte er herausplatzen und
drehte ſich raſch um: „Kinders, Ihr könnt mir
7%
alle...“ Oann riß er dem Kriegsfreiwilligen das
Beil weg: „Eine Wut habe ich, eine Wut! Jetzt
will ich Haſchee machen,“ und ſchlug in die Portionen
hinein. Der Vikar kam aus Werners Zimmer und
befahl: „Die Kompagnie zum Appell antreten!“
Dann ſchlug er dem Trommler auf die Schulter.
„In Ordnung?“ Preis legte das Beil hin und
murmelte, während er das Fleiſch knetete: „Ich
will keine Unordnung ſchaffen.“ — „Alſo in Ord-
nung?“ — „Wie man's nimmt, Herr Leutnant.“ —
„Dann lauf, fie ſchweißen noch! Daß es der Haupt-
mann nicht ſieht!“ Während Preis dem Kompagnie
koch Fips das Hackfleiſch in den Keſſel warf, fluchte
er: „Weiß der Kuckuck, dieſes Katzenvieh,“ und ging
zum Appell. Fips fiſchte das Fleiſch ärgerlich aus
der Suppe: „Muß fo ein Trommler immer General-
marſch hacken? Will ihm daraus einen falſchen
Haſen formen, nach dem er Durſt kriegt.“
*
jene beobachtete durch ein kleines Fenſter,
wie ſich die Kompagnie verſammelte.
Weiße Armbinden wurden ausgeteilt. Die Zug-
führer meldeten. Der Vikar ließ Richtung nehmen
und dann wartete man. — „Was ſoll ich ſagen?
Soll ich ſie betrügen und noch nicht nennen, worum
73
«
es ſich handelt?“ Während er Generalſtabskarten
faltete, ſchaute er auf ſeine Mannſchaft. „Was geht
Euch die große Lage an? Was Ihr wiſſen müßt,
hat damit nichts zu ſchaffen. Sterben ſollt Ihr!
Euer Blut hergeben, dieſes Blut, das uns die Adern
erwärmt. Sterben ſollen wir! — Dieſes Urteil
habe ich euch jetzt zu verkünden. Es iſt nicht leicht,
ſo vielen friſchen Jungens zu befehlen: ſterbt!
Wofür 2 werdet Ihr fragen. Was ſoll ich antworten?
Soll ich wie ein Feldherr behaupten: Verdun hielte
eurem jungen Blute die Wage? Ein Stück Land,
eine Feſtung! Wer wollte das beſchwören! Nein,
laßt uns ehrlich miteinander ſein. Uns geht kein
Kartenplan etwas an, kein Blau und Rot. Unſere
Aufgabe iſt ſimpel. Sehr ſimpel. Sie Euch aus-
einanderzuſetzen, das würgt mir die Kehle. Sturm-
truppe! Noch reden darüber? Sturmtruppe!“ Er
ſchnallte ſich den Leibriemen um und ging zur Tür.
„Handle ich recht? Wäre nicht vielen unter euch
mehr gedient, wenn ich das letzte unausgeſprochen
ließe? Iſt es nicht früh genug, wenn Tod es euch
ſagt?“ Als er herauskam, ließ er die Kompagnie.
im Halbkreis um ſich treten. „Jungens, ich will
keine lange Rede halten. Wenn uns jemand den
Hals abſchnürt, daß wir keine Luft mehr bekommen,
ſo wehren wir uns, denn Luft braucht der Menſch
74
zum Atmen. Luft braucht auch ein Volk, um leben
zu können. Was ich meine, wißt Ihr's?“ Treue
Augen hingen fragend, wiſſend, ahnend an ſeinen
Lippen. Werner ſenkte die Stirn und er kam ſich
jämmerlich vor. Plötzlich warf er den Kopf hoch
und ſtraffte ſich „Männer, wir greifen an!“ Wie
ein Schuß klang der Satz über die Köpfe. „Und
was?“ Eiſiges Schweigen. Aug in Aug blieb der
Hauptmann mit ſeiner Kompagnie. „Was euch
bewegt, fühle ich. Sturmkompagnie! Wollen. wir
unſere Waffen führen?“ — Ein „Ja“ des Trommlers
flog auf; ein zweites folgte und ein drittes und bald
rief die ganze Kompagnie, daß es durch Bäume
drang: „Das wollen wir!“ — Werners Herz klopfte
ſo, daß er unvermittelt „wegtreten“ kommandierte
und in ſein Zimmer zurücklief. Immer noch ſtand
die Kompagnie da. Schließlich befahl der Vikar
nochmals „wegtreten“. Die Soldaten gingen aus-
einander.
Fips war bei der Feldküche eingeſchlafen. Der
Kriegsfreiwillige rüttelte ihn wach. „Weißt Du's?“
„Was?“ „Es geht los!“ — „Willſt Du eine geſegnete
Klinge führen?“ fragte der Trommler und wetzte
das Fleiſchmeſſer am Beil: „Weiß der Kuckuck,
Fips, wenn wir Verdun ebenſo zerlegten wie Du
Deinen Ochſen, und die Sperrwälder abſchneiden
75
wie Ou den Kohl, wo alle zwei Zentimeter eine
Schnecke halbiert liegt, dann wäre die Suppe bald
fertig.“ „Ja, angreifen,“ ſagte ein anderer, indem
er aus ſeinem Bruſtbeutel Scheine und Geld heraus-
nahm, „das heißt Abrechnung halten, oder was
ſollen wir im Grabe mit dem Zeug? Fort damit!“
„Eingekauft wird heute, als wären wir der Kaiſer!“
riefen alle und ſtürzten mit Gebrüll in die Marke-
tenderei hinüber und plünderten Vorräte. Beladen
mit .Apfelfinen, Zigarren, Bier und Wurſt jeder
Art, balancierten ſie wieder zurück. Preis, der ſich
gerade raſieren ließ, weil er den Angriff als prop⸗
perer Menſch feiern wollte, ſagte, während der
Barbier ihn an der Naſe feſthielt, mit verſtopfter
Stimme zu Clemens, der zum Fenſter hereinſchaute:
„Profeſſor, genehmigen Sie mit uns einen Ab-
ſchiedstrunk? Wir find guter Laune.“ Indem er
ſich den Seifenſchaum abſpülte, machte er dem
Lehrer Platz, „ſo billig lebt man nicht wieder,“ und
ſchenkte ein; „das ſchreiben wir alles Verdun auf
die Rechnung. Mein Gott, wenn mir das an der
Wiege geſagt wäre, daß ich in der Sturmtruppe
enden ſollte, ich glaube, mir wäre der Atem aus-
gegangen oder der Amme vor Schreck die Milch
ſauer geworden.“ Hillbrand, der es mitangehört
hatte, beugte ſich in das Fenſter: „Sturmtruppe,
70
brauft das nicht wie Waldnatur?“ — Oer Frei-
willige, der eine flügellahme Meiſe in ſeinen Händen
erwärmte, ſchimpfte, als Hillbrand das Fenſter zu⸗
warf und davonging, „hätte man mir das ſchon in
der Sexta geſagt, dann hätte ich kein Latein mehr
gelernt.“ Aber Preis, deſſen Narben nach dem
Rafieren friſch bluteten, tupfte fie unter Gelächter
ab und beugte ſich zum Freiwilligen: „Ach was,
Latein! Danke Du Gott vor allem, daß Dir die
Weiber erſpart bleiben! Sie ziehen uns von hohen
Gedanken ab! Vor das Schickſal ſtellen ſie ſich!
Mir rannten fie nach an alle zehn Finger! Ich
hatte Mühe, ſie abzuſchütteln, aber ich ſagte mir:
ein Mann, der das Schickſal nicht kennt, iſt ein
Stiefelknecht.“ Während er ſich eine echte Zigarre
anzündete und ihre Bauchbinde als Ring an den
Finger ſteckte, fuhr er fort: „Jawohl, ein Stiefel“
knecht, auf dem andere ſich die Beine frei machen.“
Er ließ ſeine Lippen in Bierſchaum ſpielen: „Ach
Jungens, trinken wir doch mal einen Schluck auf
die Möglichkeit.“ Als die anderen ihn erſtaunt an-
ſahen, rief er lachend: „Jawohl, auf die Möglich-
keit!“ . Und während er das Glas wieder vollſchenkte,
ſchaute er in die Luft, als ſähe er ſeiner Braut in
die Augen. Dann ſchnitt er, aus dem Stiefelſchaft
ein Meſſer holend, ein großes eiſernes Kreuz aus
77
einem Stück Papier aus. An einem Faden be-
feſtigte er es dergeſtalt an der Dede, daß es, vom
Licht bewegt, über ihren Häuptern ſchwebte.
„Können wir nicht plötzlich berühmt ſein; über
Nacht?“ fragte er. „Heute noch Preis, ein Name,
ein Oreck! Morgen aber, da bedeutet Preis ſoviel
wie: Hut ab, Du Lümmel, oder: ſeht her, die
Tapferkeit, oder: will man für Verdun einen
höheren Ausdruck finden, ſo ſagt man: Preis.“
Alle lachten. „Möglichkeiten,“ rief er, „gibt es mehr,
als wir Haare auf den Zähnen haben! Mehr als
Perlen um einen Weiberhals reihen ſich Forts rund
um Verdun. Und jedes iſt einen Pour le mérite
wert. Brüder, es lebe die Möglichkeit! Und da
ſind genug für uns alle. Nimmſt Du den Douau⸗-
mont,“ und er ſchlug dem Clemens die Schenkel,
„ſo nehme ich das Fort Vaux!“ und auf die anderen
deutend, verteilte er mit leutſeliger Geſte die Forts
Souville, Vacherauville, Marre, Bourrus und Belle
Epine. Die Karte, von der er die Namen abgeleſen,
fortwerfend, fragte er: „Oder wäre hier auf unſeren
Brüſten kein Platz mehr? Tummelt Euch! Noch-
mals, jedes Fort bleibt einen Pour le mérite wert;
und ich ſage Euch, wenn wir in vierzehn Tagen
nicht alle dieſe Namen auf unſerer Kriegsſpange
tragen, dann mögt Ihr mir mein Eiſernes Kreuz
78
nehmen.“ Als die anderen entgegneten, daß er
noch gar keins beſäße, reckte er ſich: „Genügt es
nicht, wenn ich es in meinem Geiſte längſt ſchon
beſitze? Und ich denke, ſo gut wie der erſtbeſte Haſe
werde ich es auch noch tragen dürfen!“ Ein Artil-
leriſt, der von anderen aus der Marketenderei mit-
gebracht war, ſetzte ſein Bierglas hin: „In acht
Tagen haben wir Verdun!“ „Dagegen wette ich,“
rief ein anderer. „Zwei Monate,“ warf Clemens
dazwiſchen. „Zwei Monate?“ und der Artilleriſt
ließ ein paar kräftige Winde gehen, „was? Wenn
wir reinſchießen, zwei Monate? Jungens, Ihr
habt Euren Kopf wohl noch unter keinem Zwei⸗
undvierziger gehabt. Das ganze Neſt iſt ein
Trümmerhaufen nach acht Tagen!“ „Wenn das
wahr wäre,“ entgegnete der Trommler, „dann
wollte ich mich mein Lebtag nicht mehr jucken!“
„Und ich wiederhole,“ ſagte der Artilleriſt, „wenn
Ihr nach acht Tagen nicht im Parademarſch nach
Verdun reinmarſchiert, dann ift die ganze In-
fanterie keine Kartoffel wert.“ „Was!“ ſchrie jetzt
der Trommler, indem er dem Artilleriſten das Bier
vom Munde fortſchlug, „was tuſt Du denn anderes
als den Strick abreißen? Gehört da Schmiß dazu?
Das übte ich ſchon an Schaukeln, auf denen ge-
blümte Kleidchen ſaßen, als ich noch kurze Hoſen
79
trug.“ — „Hit es ein Kunſtſtück, vorzugehen, wenn
es nicht mehr ſchießt?“ ziſchte der Artilleriſt. Der
Trommler leerte ſein zehntes Glas Bier und lallte:
„So möchte ich doch, daß Dir alle Rohre krepieren,
wenn Du ſo ſtolz biſt!“ „Nicht ich, ſondern Du
haſt den Größenwahn,“ und der Artilleriſt deutete
auf das Eiſerne Kreuz, „oder hört man Oich, wenn
Du trommelſt, wie unſereins bis nach Metz und
nach Frankfurt hin, daß die Bürger erſchreckt auf
ihre Balkone treten und ſich einander gegruſelt
ſagen: Das iſt der Krieg, wir haben den Krieg
ſoeben gehört!“ Der Trommler drehte ihm den
Rücken: „Nun wollte ich wirklich, daß ich Verdun
hieße und mein Name in aller Munde wäre, nur
um Dir eine Naſe zu drehen!“ Einige Minuten
hörte man Gluckſen und Schlucken von Biertrinten,
dann nahm der Freiwillige, nachdem er die Meiſe
in einem Zigarrenkaſten gebettet hatte, aus Seiden
papier die weiße Armbinde heraus und befeſtigte
ſie ſich am Arme. Seinem Beiſpiel folgten alle
bis auf einen, der ſie — „nein, das ſieht mir zu
geſpenſterhaft aus“ — wieder fortlegte. „Wir
glauben an keine Geſpenſter,“ riefen die anderen.
Nachdem der Freiwillige jedem ein Stück Brot,
das ihm ſeine Mutter gebacken, zugeſteckt hatte,
fragte er: „Aber den Tod, den gibt es?“ Ein
8⁰ | “=
- anderer, der ein kleines Blechſtück blank putzte,
antwortete: „Ich ſcheure mir ja ſchon meine Er-
kennungsmarke, muß doch im Maſſengrab wiſſen,
wer ich bin.“ Da keiner lachte, nahm er fein Glas:
„Na, dann Proſt! Ihr Leichen!“ Der Trommler
wehrte ab. „Ich für meine Perſon gedenke nicht
eher zu ſterben, als bis ich zu leben aufhöre.“ Er
ſtreichelte ſeine Armbinde und ſtreckte ſich — „nun
habe ich doch auch etwas beſonderes, wie der Pionier
ſeinen Totenſchädel“ — auf einem Bettſack aus.
Das gleiche taten die übrigen. Von Nachbar⸗
baracken klang Geſang: „Haltet aus, haltet aus
im Sturmgebraus, laſſet hoch das Banner wehn.“
— „Na, denn Proſt! Wenn ich nur wüßte, woher
ich den Durſt habe. Ich könnte das Meer aus-
ſaufen!“ Als niemand antwortete, drehte ſich der
Trommler zur Seite und liebäugelte mit dem
Papierkreuz, dann ſchlief er ein. Die anderen auch.
Dem Freiwilligen war es, während das Papier-
kreuz über dem Bierdunſt leuchtend ſtand, als würde
es ein Stern, ein warmes Licht, ein glänzendes
Auge. Er faltete die Hände und i „Gute
Nacht, Mutter.“
81
lemens, der ſich während des Geſpräches
immer mehr in eine Ecke zurückgezogen hatte,
machte Licht und ging hinaus. Gedanken ſchlichen
neben ihm her, wie Nachtſchatten; er ſuchte ſeinen
Freund, um in ſeiner Nähe ihnen Stirne bieten
zu können. Hillbrand lag breit auf dem Rüden.
Die Arme hatte er von ſich geſtreckt, die Beine an-
gezogen. Er ſchnarchte aus zurückgebogenem Kopf.
Dem furchtbaren Sägen der Lunge horchte der
Vize zu. War das ſein Freund? Fremde Macht
erſchütterte den gewaltigen Körper. Seine Ge-
danken aber: Vaterland, Weib, Kaiſertum und
Weltkrieg waren ſtill, wie einſt der Erzprieſter in
der Kapelle zu Marville. Odem, jene umfaßliche
Kraft, wehte aus ſeines Freundes Bruſt, ſie zu
raſtloſem Lebensverbrauch zwingend. Menſchheit
tauchte wieder vor ihm auf, am hellen Tage Reiche
gründend, angreifend und verteidigend; in der
Nacht aber hingeworfen, rücklings. Auf den Fuß-
ſpitzen ging er fort. Als er am Ende der Baracken
angekommen war, brach ein Zweig des Knüppel-
dammes. Dieſes Geräuſch erſchreckte ihn, als wäre
er auf verbotenem Wege. Herzklopfend hörte er,
ob Poſten in der Nähe. Wie Wellen gegen Schiffs-
planken, ſo ſchlug der atmende Schlaf der Kom-
pagnie gegen die Holzwände des Lagers. Stiller
82 .
Mondglanz hielt den hohen Wald gleichſam gütig
an ſeiner Bruſt. Clemens lehnte an einem Stamm,
„und morgen?“ flüſterte er, und hieb mit einem
Stock gegen feinen Stiefelabſatz: „Wie man ein
Rebhuhn köpft! Morgen nacht, oder in zwei Tagen,
wohin iſt dann der Schlaf, der Atem all der Kame-
raden? Dann ſind die Baracken ſtill, ſehr ſtill.“
In das Gezweige ſah er hinauf: „Und Du, Du
lebſt weiter, Du holde Knoſpe,“ er bog ſie zu ſich,
„Dir gönnt man Ruhe, Oich zu entwickeln, Du wirft
Deine Blättchen treiben dürfen, wirſt in weicher,
blauer Mailuft glänzen, und aller Sommerblumen
Duft ſteigt zu Dir auf! Sturmtruppe! Zeder
Gedanke erweckt den fürchterlichen Klang.“ Als
dumpfes Brauſen durch die Kronen der Bäume
ging, fröſtelte er. Im Begriff, in ſein Zimmer zu
gehen, blieb er wieder ſtehen. Weiße Schnittflächen
des Holzes ſahen ihn an. Wie Köpfe der Schädel-
kammer fügten ſich Barackenwände, Fleiſch und
Haare bildend, zuſammen. Näher kamen ſie, glas-
grün und zerbrechlich, man konnte die Bäume durch
ihre Geſtalten ſehen. Arme hoben ſie gegen ihn
auf, es wurde ein Volk, es wurde die Welt! Und
dann blieb eine Frage ſtecken; fie ſollte ausge;
ſprochen werden, preßte aber alpſchwer hinter des
Lehrers ſtöhnender Bruſt. Lippen verſagten und
83
fein Ohr vernahm hölliſche Dinge der Nacht. —
Werner kam über den Knüppeldamm heran.
Clemens ſchrak bei des Hauptmanns Anrede zu-
ſammen. „Ich komme vom Kommandierenden!
Was ich da erfahren habe! — Es ſteht viel auf dem
Spiel, ſehr viel! Die Probe aufs Exempel!“ „Auf
welches Exempel?“ fragte Clemens, aber Werner
überhörte ihn. „Angeſetzt ſind drei Korps; unſeres
in der Mitte. — Den Caureswald ſollen wir ſtürmen
bis Beaumont und 344. Oer Generalſtab glaubt,
wenn wir dieſe Linie und den Thiaumont-Rücken
erreicht hätten, fo wäre Verdun als Feſtung er-
ledigt. Faſt drei Millionen Schuß ſtehen bereit
und dann am 13., früh 11 Uhr, — dann ſoll's los-
gehen! Ehern iſt das Vertrauen, vom Chef des
Feldheeres bis zur Diviſion! Zweifel, daß es nicht
glücken könnte, gibt es nicht. Rückſichtsloſigkeit allen
Einwänden gegenüber! ſagte der General. Das
iſt es! Und gäbe es nicht tauſend, bei einem Angriff
auf Verdun?“ — Er hieb durch die Luft. „Aber
da heißt es: Fort, abtreten und heran alle, die
Glauben haben! Nur damit iſt in der Welt etwas
anzufangen. Den Sturm einer Viſion haben viele,
Gedanken, ihn zu begreifen, manche. Ihn zuge
ſtalten, dazu gehört Mut! „Unſere eigenwillige
Wucht,“ meinte der General. Clemens, der bis
8⁴
*
jetzt geſchwiegen hatte, fragte plötzlich: „Herr
Hauptmann, und was wollen wir?“ Werner ſah
ihn an: „Der Frühjahrsoffenſive zuvorkommen,
das wollen wir! Aber kommen Sie, ich muß meinen
Fuchs in den Stall bringen und will den Burſchen
nicht wecken.“ Beide holten das Pferd. — „Morgen
iſt alſo Sturm?“ — „Nein, morgen ſchießt ſich erſt
Artillerie ein,“ — Werner lockerte die Sattelgurte —
„Sturm iſt übermorgen.“ Während er den Kopf
gegen dus Leder ſtemmte, zog er den letzten Riemen
mit den Zähnen heraus und wiederholte: „Über-
morgen!“ Clemens bog dem miſtenden Pferde aus,
„es reißt einem das Herz entzwei.“ „Was?“ und
Werner hob den Sattel ab und legte ihn auf eine
Kiſte; während er den Rückenſchweiß des Pferdes
mit Stroh abrieb, ſagte er: „Ja, aber es hilft doch
nichts!“ Dem Pferdekopf, der ihn beißen wollte,
wehrte er. Clemens ſah durch die Stalltüre in die
Nacht. „Wäre Verdun ein Verſprechen!“ „Was
für ein Verſprechen?“ fragte Werner und ſetzte ſich,
dem Pferde Futter zuſchiebend, in die Krippe. Des
Lehrers Augen brannten: „Daß wir der Menfch-
heit den Halsring abreißen!“ „Krieg? Meinen
Sie das?“ — „Ja!“ Aber Werner ſchüttelte den
Kopf. „Solange wir Menſchen ſind, nie!“ Clemens
wiederholte: „Nie?“ und ließ den Kopf ſinken,
8⁵
2
dann krampfte er die Finger; „nie, Hauptmann?
Aber irgendwoher muß doch Erlöſung kommen!“
„Freund, weichen wir nicht vom Wege, das iſt
gefährlich; geben wir uns dem Geſetze der Natur
hin. Sie könnte nicht in und um uns wirken, daß
ſich jede Kreatur ihr unterwirft, wenn nicht Pflicht
eine gottgewollte Forderung wäre.“ „Pflicht!“
antwortete Clemens erregt, „wahrlich der Name
iſt groß und ſchlägt jede eigene Regung um. Aber
was hinter ihr ſteht, das wurde klein! Daß pünktlich
die Züge fahren, daß wir ſchnauzen, wie ein General
und unſere Seele abtöten, — das nennt ſich heute
die Pflicht! Der Krebs am Herzen des Volkes iſt
ſie! Sie trägt eine Pickelhaube, nicht unſere Liebe!
Ja, umfaßte Pflicht noch wie einſt Himmel und
Wahrheit.. Der Hauptmann hob die Laterne
vom Stroh und ſagte faſt befehlend: „Gehen wir,
gehen wir.“ Aber Clemens trat vor die Tür und
ſeine Stimme füllte ſich mit geheimer Macht:
„Verträgt unſer Herz nur Hergebrachtes, daß wir
ängſtlich werden, ſobald wir den Atem der Schöp-
fung fühlen? Hauptmann, ſind wir unwert, nach
Klarheit zu ringen, ehe wir in das Jenſeits gehen?
Sollen wir Sklaven bleiben immer und ewig?
Schreitet Seele nicht vorwärts durch die Jahr-
hunderte? Sollen uns Skelette beherrſchen? Ent-
86
—
wurzeln wir nicht Bäume, in denen die Maden
niſten, und dürften nicht Grenzen abſchütteln, die
uns beengen? Glaubt Ihr, die Jugend da vorne
ſtürbe umſonſt? Ihr heller Geiſt blute für Länder-
erwerb? Ahnt Ihr nicht endlich, daß wir in heilige
Gemeinſchaft ſterben? In des Geiſtes, in eines
Volkes ernſte Verbrüderung? Was kümmern uns
Feſtungen oder Länder! Und wurde Welt faul,
vergiftet, daß Eiter an ihrer Seele frißt, ſo ſei ſie
verbrannt! Ach will der erſte fein, der in dieſes
Neſt der Auszehrung Fackeln wirft! Leib werde
wieder der Seele Tempel! Wäre Verdun dies
Verſprechen, dann ſoll jeder Zoll hinfort bewaffnet
gehen! Rückſicht falle! Denn ich erahne ein Kraft-
geſchlecht! Wie ich, fühlt heute jeder! Noch ſchweigt
es; aber einmal wird es nicht mehr zu dämmen
ſein! Lachen Sie nur! Gerichtstag naht! Ach,
Erdenvölker, geht es nicht um das Licht Eures
Geiſtes, — dann wurde alles Pulver umſonſt ver-
ſchoſſen!“ Daß Werner in ſeinem Schatten ganz
zuſammengeſunken war, ſah er nicht; die Hand
drohend gereckt rief er in die Nacht: „Wehe, wer
uns den Weg vertritt!“ — Als der Hauptmann
aufblickte, war Clemens fort. In die flackernde
Kerze ſchauend, ſtreichelte er über das ſchnuppernde
Pferdemaul und wiederholte: „Ja, jeder fühlt es!
87
Wer erklärt dieſen Drang durch die Menſchen-
geſchlechter? Auflodern, bis Schlacken des Wahn
ſinns von Europa fallen! — Verdun!“ Und er
hob die Laterne dieſem Geheimnis der Zukunft
entgegen. „Jeder fühlt es!“ Er ging aus dem
Stall: „Jeder?“ — Es begann langſam zu ſchneien.
*
euchte Finſternis war unter Bäumen, als die
Kompagnie frühmorgens aus den Baracken
trat. Frrlichtern gleich flogen Flämmchen aus
Taſchenlaternen zwiſchen der ſich verſammelnden
Mannſchaft herum. Werner band ſich ſeines Sturm-
helmes Kopfleder enger und ſtülpte ihn auf. Des
Helmes matter Eiſenſchimmer ſtand über ſchatten⸗
dunklem Kopf. Der Hauptmann kommandierte:
„Laden!“ Einziger Metallſchlag riß Gewehr-
kammern auf. Das Einführen der Patronenſtreifen
klang hart in den Morgen. Hinter das aufgepeitſchte
Blut der Kompagnie warf Gewehrkammer-
ſchließen dröhnenden Punkt. Die Front der
Sturmtruppe ging Werner langſam ab. Ernſt im
Anblick ſolcher Männerwand, erhob er die Hand
und grüßte. Den Trommler rief er an ſeine Seite.
Als ſein Fehlen bemerkt wurde, ſchickte er nach ihm
— Preis aber ſaß hinter einem Baum und ſtieß
88
Verwünſchungen aus: „Das verfluchte Bier! Es
hat einen Sturm in meinen Gedärmen erregt, es
macht mir den Hinterkopf kalt und krampft mir die
Schenkel zuſammen!“ Dem Freiwilligen, der ihn
eindringlichſt aufforderte, ſich zur Stelle zu melden,
da die Kompagnie jeden Augenblick abrüde, gab
er mit geſchloſſenen Augen zur Antwort: „Wenn
ich das Bier nicht getrunken hätte, Bengelchen,
dieſes Bitterwaſſer! Dieſer Betrug von einem Bier!
Zu ſolch unmäßigem Trunk hat mich die Artillerie
verleitet! Dieſer Pulverkopf hat mir über Nacht
ſeine ganze Munition in den Magen gehext.“ Und
als Heinz noch immer wartend vor ihm ſtand, ſchrie
er ihn an: „Schafft mehr Batterien, das ich ab-
protzen kann!“ Oer Freiwillige eilte zurück. Hinter
ihm her, unter Verſuchen, ſich aufzurichten, rief
der Trommler: „Läßt Ou mich hier, Bengelchen,
habe Geduld! Alles Ding will ausreifen!“ Als
der Freiwillige ihm aber aus den Augen kam, knickte
er wieder zuſammen: „Willſt Du Dich zwiſchen
mein Schickſal ſtellen? O, ich dachte, mein Herz
ſollte gar bald zu Oir, o Schickſal, aufſteigen, und
nun fällt es nach unten und hält mich im Staube
feſt! O, mein Schickſal! O, Cäſar Schmidt aus
Görlitz, ſende mir Deinen Humor, in mir rumort
es wie eine Tragödie.“ Und er ſchloß wieder die
89
Augen. — Der Hauptmann ftieg zu Pferde und
führte die Kompagnie aus dem Lager heraus.
Dem Graben entgegen. Einen Augenblick ſchlug
durch die Mannſchaft ein Zögern, daß über manchen
Männerrüden eine Gänſehaut rieſelte, dem Schau-
der in Baumkronen vor dem Herbſtwind ähnlich.
Aber dann wurde friſch angetreten.
An einer Kleinbahn kamen ſie vorbei, aus der
Schipper Steinſchotter in Laſtautomobile umluden.
Werner, der etwas vorgetrabt war, mußte ſein
Pferd bändigen, das vor dem trommelnden Lärm
der Steinmaſſen vom Wege ſchreckte. „Srommel-
feuer,“ und er nahm ſeine Zähne zuſammen. Wind
wirbelte ihnen Schneeflocken entgegen. Ordnung
in Gruppen ging bald verloren. Einige fielen in
Löcher, andere ſtolperten über ſie dahin. Sehr
bald mußten ſich die Soldaten Mann für Mann
durch den Schlamm vorarbeiten. Sie waren bald
nah am Feinde. Hinter Laubwänden, ſogenannten
Masken, rückten ſie vorwärts in ſtummer Wucht.
Preis, der auf Befehl des Hauptmanns mit den
Feldküchen nachfahren ſollte, ſagte, indem er ſich
an den Keſſel ſetzte: „So wünſchte ich doch allen
Armeen der Erde dieſen Tumult in den Leib, der
mich zu einem Wiſchlappen macht, nur brauchbar,
alle fünf Minuten ausgerungen zu werden! Wer
90
nähme dann noch Gewehre zur Hand, wenn er
geduckt gehen müßte wie ich! Wer wollte Befehle
erteilen, wenn ihm wie mir das Gehirn im Rücken
ſäße? O du Trommel, du Trommelfell, du In-
ſtrument aus Gedärmen, ſollte es Rache ſein, daß
ich ſo tauſendfach auf dir herumgeſchlagen habe?
Wüteſt du nun auf meinen Därmen?“ Den Koch,
der ſich ſoeben Sporen anſchnallte, fragte er:
„Willſt Du reiten, mein Junge?“ Über die Achſel
ſah ihn Fips an; „was befohlen wird, wird gemacht,
aber daß ich Dich an meinem Eßkeſſel mitſchleppen
muß, ich, als Koch des Königs von Griechenland,
dieſe Zumutung iſt wohl ſporenwert, wenn einem
die Haare auf den Zähnen nichts mehr nützen.
Sporen, verſtehſt Du, auf daß Du meine Ab-
ſtammung nicht vergeſſen mögeſt, trotzdem ich den
Kohl in die Suppe ſchneide.“ Als die Pferde an-
zogen, ſprang er vor den Keſſel neben den Kutſcher
und befahl: „Rücke vom Eſſen fort, Trommler,
oder ſtatte uns mit Gasmasken aus!“ Preis ſaß
bei der dampfenden Suppe und ſeufzte: „O Du
Koch vom König von Griechenland, Du Herr über
die Gedärme der Könige, mißgönnſt Du mir das
bißchen Feuer? Ach, wohin entweicht mein Haß,
den Du noch ſo reichlich ſpritzen kannſt, wohin?
O Fips, mir iſt's, als ſollte ich England gebären.
91
—
Glaubſt Du, der Kaiſer von China könnte bei der
Macht feines chineſiſchen Reiches auch ſolchen Leib-
jammer haben?“ An den Feldküchen vorüber
trabte Artillerie. Der Kanonier letzter Nacht er⸗
kannte den Trommler. „Durchfall,“ rief Preis.
„Ja, Durchhalten!“ lachte der Kanonier; aber ehe
der Trommler eine Antwort fand, war die Batterie
abgebogen hinter den Morimont, einen Berg, von
dem aus ein Artilleriegeneral das Einſchießen und
Wirkungsſchießen der Geſchütze leitete. „Ich
wünſchte, ich wäre ein Kanonier und brauchte nicht
weiter vor. O, Du Koch, was gäbe ich drum, ich
könnte mein Fähnchen hier flattern laſſen wie der
General dort am Berge und die Schlacht donnern
laſſen.“ Die Feldküchen hielten plötzlich an. ks
hieß, weiter dürften ſie nicht vor; maskengeſchützt
mußten fie ſtehen bleiben. „Und ich?“ „Mach Ou,
daß Du Dein Loch findeſt, wo Du hingehörſt,“
antwortete der Koch. „So ſchaffe mir einen Stöpſel;
einen Stöpſel, Fips, ich kann ja nicht vom Wagen
herunter.“ Der Koch entgegnete, während er den
Keſſel aufſchraubte, ſo daß heiße Dampfwolken
herausziſchten: „Wirſt Du mich nochmals ver-
höhnen, wenn ich Kartoffeln ſchäle?“ „Nein!“
„Wirſt Du mir nochmals Deine weißen Raupen-
neſter unter die Naſe halten, wenn ich für Euch
92
einen Ochſen zerlege? “ — „Nein! Nein!“ Und er
beugte ſich mit ſeinem Oberkörper gegen die
Schenkel: „Nein, Fips, und wenn ich ſolches jemals
wieder täte, jo dürfteſt Du mich einen Engländer
nennen! Fips, Du Königskoch, beſänftige meinen
Magen.“ — Der Koch holte eine Flaſche Kognak
heraus und ſchenkte ſie, — „das alte Lied, Not lehrt
beten“ — dem Trommler; dann führte er die Pferde,
unter denen ſich ein See gebildet hatte, etwas auf
den Acker hinauf.
Der Freiwillige war zurückgeſchickt, um den
Trommler zu holen. „Veeilen wir uns,“ bedrängte
er Preis. „Sobald es tagt, ſind die Wege von den
Franzoſen eingeſehen. Noch iſt es mäuschenſtill.
Keiner hat geſchoſſen.“ „Nun, das iſt eine glatte
Lüge, wenn Du ſagſt, keiner hätte geſchoſſen! Ach,
laſſe Gott noch Finſternis fein.“ Damit ſtieg er
mühſam von der Feldküche und folgte Heinz. Bald
kamen fie in jene ſeltſame Luft, die er vom Schüßen-
grabenkrieg her kannte. Geſpräche wurden halblaut;
die Möglichkeit, jeden Augenblick beſchoſſen zu
werden, ſchuf ſeltſame Augen. „Sage mir,“ fragte
er Heinz, „glaubſt Ou, daß Verdun ein Ort von
Kultur iſt?“ „Von hoher!“ „So wollte ich, ich
ſäße ſchon dort im Frieden bei meinen Geſchäften.“
Indem er dies ſagte, zwang Natur ihn wieder zur
93
Erde. Ungeduldig zum Horizonte ſchauend, wartete
der Freiwillige: „Gleich wird es Tag!“ — Entſetzt
ſtarrte der Trommler in den fahlen Lichtſtreifen,
der immer mehr aus der Nacht herausarbeitete:
„Ach,“ und er ſah zum Freiwilligen auf, „daß ich
doch eine Meiſe wäre, und keinen größeren Magen
hätte als ſie! O Bengelchen, wie ſieht mir doch
die ganze Welt heute ſo anders aus.“
*
Au einem Feldbette in der Kirche von Merles
erwachte der Kellner. Dem Arzt und ſeiner
Begleitung ſah er nach, der ſich, von Bett zu Bett
gehend, davon überzeugte, ob die als Lazarett ein-
gerichtete Kirche zur Aufnahme von Verwundeten
fertig ſei. Mit einem Generalſtabsoffizier, der her-
zukam, beſprach er ſich. „Wir müſſen“, ſagte er,
„ſehr bald auf Eiſenbahnen rechnen können, da ein
Transport Schwerverwundeter bei dem Zuſtand
verfügbarer Straßen ſchlechterdings unmöglich iſt.“
Indem er auf die ſauber bezogenen Betten und
ſchwarzen Namenstafeln ſah, ging er zum Hoch-
altar hinauf. Er prüfte die Meſſer und Sägen und
nickte befriedigt. — Der Generalſtabsoffizier führte
ihn auf den Gefechtsſtand des Korps in ein kleines
94
Zimmer, vor dem die Flagge des Genetallomman-
dos in einem Zipfel wehte. Beide ſetzten ſich.
‚ Zelephonapparate, Aktenmappen, Karten; etwas
vom Ciſche rückend erklärte der Arzt ſeine Wünſche
betreffs der Verteilung von Sanitätskompagnien,
Feldlazaretten und Krankenſammelſtellen. „Viel
Arbeit wird es jetzt geben.“ „Leider! Aber man
hört noch gar keine Artillerie?“ „Der Angriff iſt
um einen Tag verſchoben. Pech, gemeines Pech!
Bis jetzt ſollen die Franzoſen nichts von unſerem
Aufmarſch gemerkt haben. Man kann unſeren
armen Kerls dieſen Tag ja noch gönnen. Aber,“
und er führte den Arzt an ſein Pferd zurück, „dann
werden die Herren Sanitäter ſich tummeln müſſen.“
„Leider, nochmals,“ entgegnete achſelzuckend der
Arzt, während er anritt. „Ich ſage, Gott ſei Dank,
daß es losgeht,“ antwortete der Generalſtäbler.
Der Kellner legte ſich wieder auf ſein Bett. Er
war der einzige Kranke. Außer der Idee, daß er
der Welt den Stacheldraht, in den ſie ſich immer
tiefer verwickelte, abreißen müſſe, hatte er ſich
wieder beruhigt. Ja, Heimweh nach ſeiner Kom-
pagnie trug dazu bei, ſeinen Wahn immer mehr
abzuſchwächen. Wohl am Tage ein dutzendmal
zog er ſich Pantoffeln an und aus, im unbeſtimmten
Gefühl, den Kameraden nacheilen zu müſſen. Aber
95
jedesmal, wenn er ſchon vor der Türe ftand und
über die ſchlammige, beſchneite Straße zu den ſechs
Feſſelballons ſah, die wie dunkle Drachen drohend
hinter den Bergen ſtanden, verbarg er ſich wieder
hinter dem Ofen. Naſſe Kälte, Schmutz und die
Drachen am Himmel verdichteten ſich dann der-
geſtalt hinter ſeiner Stirne, daß er erneut ratlos
wurde und keinen anderen Gedanken bewegte als
„den Stacheldraht fort, den Stacheldraht fort“.
Leichter Geruch von Karbol war zurückgeblieben.
Den Arzt nachahmend, ging der Kellner von Bett
zu Bett, ſtreichelte das feuchte, derbe Laken, und
— „wo zerriß er Dich?“ oder „bleib nur, bleib nur,
es ſoll nicht weh tun, wenn ich ihn Dir aus der
Wunde nehme“ — ſtieg gleichfalls zum Hochaltar
hinauf. Auf den Operationstiſch legte er ſich.
Steife vergoldete Heiligenbilder ſahen ihn geifter-
haft an. Blutende Teile von Menſchenkörpern
krümmten ſich wimmernd. Immer mehr weiße
Laken färbten ſich dunkel. Ihre Falten griffen
ſtinkig, rotnaß nach feiner Lunge. Mit den Armen
wehrend ſprang er herunter und ſchrie: „Wo ſeid
Ihr, wo ſeid Ihr? Wollt Ihr uns alle verbluten
laſſen?“ — In der Mitte beider Bettreihen fiel
er um. Ein Krankenwärter kam hereingeſtürzt,
ſchleppte ihn auf ſein Lager und fluchte: „Wenn
96
Ou hier ſolche Unordnung ſchaffſt, wirft Ou in
eine Gummizelle geſperrt.“ ö N
*
ips, der Proviant in den Schützengraben vor-
fuhr, beſtieg unterwegs einen großen Turm.
Während er von Sproſſe zu Sproſſe kletterte, war
es ihm, als müſſe er irgendwo durch die graue Luft
in den blauen Himmel ſtoßen. Je höher er kam,
deſto leichter · wurde ihm ums Herz. Aber plötzlich
erſchien ein Geſicht- mit dickem Schnauzbart und
donnerte: „Kerl, find Sie verrückt? Der Komman⸗
dierende General iſt hier oben.“ „Was,“ dachte
Fips, „kann mir ein General den Himmel ver-
wehren?“ und griff zur nächſten Sproſſe. Aber
der Unteroffizier riß ihn mit hartem Griff zurück,
ſo daß der Koch um ein Haar abgeſtürzt wäre und
mit beiden Beinen die Leiter umklammern mußte.
Der Soldat war wieder auf der Plattform ver-
ſchwunden, aber das Geſicht mit dem Bart und
der ſchnauzende Stimmenklang wuchſen vor ſeinen
Sinnen ins Unendliche. „Ich möchte behaupten,
das Ungetüm glich dem Söllen-Zerberus! Mir
war nicht bewußt, daß auch der Himmel ſolche
Hundswächter anſtellt. Und wenn mir ein General
die blaue Luft verweigert, ſo weiß ich nicht, was
97
—
ich dazu ſagen ſoll, da ich dieſes Recht nirgends
verbrieft vorgefunden habe.“ Das Fichtenholz des
Turmes ſchwankte leiſe über der Erde. Ganz vor-
ſichtig reckte ſich der Koch wieder in die Höhe und
ſah über der Plattform auf einem Gerüſt mehrere
Offiziere. Karten und Mäntel flatterten, Fernrohre
wurden geſchraubt und das Gelände erklärt: „Was
Exzellenz links ſich über den Wald erheben ſehen,
ist das Fort Baux. Nach Weiten der zweite mar-
kante Kegel iſt Douaumont. Zwiſchen beiden der
Cailettewald, und wenn Exzellenz auf die Luft-
nebellinie achten, die ſich zwiſchen den Waldſtüͤcken
abhebt, jo erkennt man den Caureswald. Hinter
ihm, auf der hohen runden Bergkuppe, die gerade
eine lichte Wolke erhellt, liegt das Dorf Beaumont
und rechts davon tritt die Höhe 344 deutlich heraus.
„Was,“ ſagte Fips, „da müßten wir hin? Die
Wälder müßten erobert werden? Nun, arme Zeit-
genoſſen, jo wünſchte ich, ihr wäret ſchon dort.“ —
„Lümmel, ſolche Unverſchämtheit, doch raufge-
kommen? Lümmel! Ich ſchmeiß Oich runter, daß
Du nicht weißt, ob wir Sommer oder Winter
haben.“ — Fips zog den Kopf in ſeinen Wollſchal
wie eine Schnecke und ſtieg die Leiter hinunter.
Als er zwiſchen zwei Sproſſen wohl zwanzig Meter
zur Erde ſah, konnte er nicht weiter. Die Tiefe zog
98
ihn jo mächtig an, daß er die Finger der einen Hand
ſchon von dem Holz zu löſen begann. Aber dann
krallte er ſich wieder um die Sproſſen. „Solange
ich in den Himmel ſchaute, war es mir, als hätte
ich Flügel und jetzt, wo ich, wie meine Sohlen, zu
Boden ſehe, iſt es mir, als zerrten tauſend Arme
an' mir. Man reißt mich noch auseinander! Was
dann, wenn ich abſtürze? Wer bedient meine Feld-
küche? Wer bringt den Proviant zur Kompagnie,
und wird es nicht heißen: dieſer Lümmel!“ Und
das Wort Lümmel kam ihm nicht aus dem Ohr.
„Was zog mich dieſer Turm ſo magnetiſch zu ſich
hinauf, wenn ich wieder in den Straßenſchlamm
muß und mich durch die Kolonnen durchquetſchen?
Sollte ein harmloſer Menſch wie ich nicht freie
Ausſicht verdienen? Neulich, als ich in der Kirche
recht andächtig ſaß, mußte ich auch einem General
Platz machen! Ich möchte behaupten, die Welt
ſteht auf dem Kopf, daß man überall einen General
antrifft! Wenn ich meine Kompagnie verſorgen
ſoll, daß fie ſich bis zum Horizont durchkämpfen
kann, warum verbietet mir dieſer Zerberus, daß
ich gewiſſermaßen ein weiteres Bild in mich auf-
nehme, von dem ich abgeben kann?“ Scheu hob
er den Kopf: „und ich hätte ſo gern die blaue Luft
geſehen!“ Aber da ſtieg der General von der Platt-
99
form, und den Fips überfiel eine ſo ergreifende
Angſt, daß er plötzlich die Leiter hinunterrutſchte
und ſich die Beine faſt bis in den Bruſtkorb ſtieß.
Dann lief er und rollte und kugelte und lief, als
ſchnaubte der Zerberus hinter ihm her, bis er auf
der Anmarſchſtraße unter den Truppen verſchwand.
|
*
illbrand war in ſeinem Stollen eingeklemmt,
als ſprenge jede ſeiner Bewegungen die
Wände. Schlaf fand er nicht. Da eben eine Ratte
von ſeiner Bruſt ſprang, kroch er aus der Höhle
heraus und ging langſam durch den Graben von
Poſten zu Poſten. Unbeweglich ſtanden fie, die
Augen zum Feinde. Der Schneefall ließ etwas
nach. Sterne blinkten zwiſchen Wolken. Er ſank
im Schlamm bis über die Waden ein. Mit dem
Ellbogen ſich gegen den Graben ſtemmend, arbeitete
er ſich hoch und trat auf die erſte Stufe. Im fran
zöſiſchen ſchlugen Hunde an. Nach raſchen Worten
ſauſten Gewehrkugeln über ihn fort. Fünf Meter
vom Feinde lehnte er rücklings an der Bruſtwehr.
„Weib, meine Liebe, wo biſt Du jetzt? Denkſt Du
an mich? Haft Du Dir rings um Verdun Steck-
nadeln geſteckt? Weißt Ou, daß ich hier lauere?
Meine Briefe liegen hinter der Sperre. Es wäre
100
8 2
= =
A 228
ſchmerzlich, ſuchte mich Dein Herz noch im Norden
Frankreichs. Noch brauche ich keinen Abſchied von
Dir zu nehmen. Aber morgen, wenn es ſich auf-
hellt, wie es den Anſchein hat, dann! Wenn Du
ſtark biſt und es gut mit uns meinſt, ſo bete, daß
es Sonnenſchein gibt; nicht für mich, ich lebe jede
Stunde bewußt und Dir innig nahe. Für die
anderen laß uns Hände falten. Für die anderen,
die nicht ſo ſtark gewurzelt ſtehen wie wir. Für
dieſe Armen bedeutet Warten vor dem Angriff:
Qual und Grübelei.“
Werner kam auf dem Poſtengang heran, blieb
ſtehen und flüſterte: „Was bewegt ſich im Draht?“
Beide horchten. Plötzlich hörten ſie dicht vor ſich
einen Franzoſen: „Nicht ſchießen, nicht ſchießen,
Kamerad!“ Er hatte keine Waffen. Werner packte
ihn und übergab ihn einem Poſten. — „Der Kerl
behauptet, er wüßte, daß wir an dieſer Stelle einen
Angriff planen. Deshalb ſei er übergelaufen!“
„Woher wüßte er das?“ Werner ſtach mit ſeinem
Seitengewehr in die Lehmwand. Hillbrand deckte
ein paar Säcke über Handgranatenſtapel, um ſie
vor dem wieder einſetzenden Schneefall zu ſchützen
und fragte: „Woher könnten die Franzoſen etwas
wiſſen?“ Der Hauptmann beugte ſeinen Kopf
und ging raſch fort. Hillbrand ſchlich in entgegen-
101
. „ 5
geſetzter Richtung durch den Graben. In jeden
Vnterſtand ſah er hinein. Die Leute ſchliefen, ſelbſt
Clemens und der Freiwillige, auch der Trommler.
Darum kroch er in feinen Stollen zurück. Schnee-
waſſer tropfte, über dem Boden ſtand Waſſer
fingerhoch. Eng zuſammengekauert griff er ſich
mit beiden Händen ins Haar: „Verraten? Von
uns verraten? Dunkle Geiſter hättet Ihr Euch
mir doch angekündigt? Gibt es keine Macht, die
ſolche Kreaturen in ewig wütender Fäulnis unter
Menſchen lebendig läßt als Zeichen des Abſcheus?
Verrat! Und der Himmel läßt fchneien! Nimmt
uns die Möglichkeit, anzugreifen, ehe ſie Vorteil
ziehen!“ Schnee, der immer naſſer zur Graben-
ſohle fiel, ſtieß er mit Stiefeln von ſich und blieb
in gekrümmter Stellung, beengt von außen und
innen, ahnungsſchwer dumpf grollend.
*
N eulend flitzte ein Hund mit eingezogenem
Schwanz aus dem Generalkommando. Hinter
ihm her flogen Teller. Dann klatſchten Türen
zu. Man hörte Stühle hin. und her ſchleudern.
Danach war Grabesſtille. Ein Soldat klopfte
vorſichtig an die Tür des Generalſtabszimmers.
„Herein!“ „Darf ich das Eſſen anmelden?“ —
102
„Raus!“ Wieder knallte die Tür. In dieſem
Augenblick kam Hauptmann von Werner in das
Haus und fragte den Soldaten, ob Exzellenz zu
ſprechen wäre, ging aber, da er keine Antwort
erhielt, den Flur entlang, wartend, horchend. Es
war ſtill wie im Totenhaus. Schwere Schritte
knarrten eine Wendeltreppe herunter. An ihm
vorbei kamen der franzöſiſche Überläufer, zwei
Landſturmſoldaten mit aufgepflanztem Bajonett
und kurz darauf ein Generalſtabsoffizier. „Was
wünſchen Sie?“ fragte er Werner. „Kann ich zum
Kommandierenden General?“ Aber der Herr ſah
ihn nur von oben bis unten an und' ließ ihn ſtehen.
Werner aber ſtieg die Stufen hinauf und öffnete
die nächſtbeſte Tür. Der Kommandierende ſtand
am Fenſter, der Chef des Korps am CTiſch. Als
Werner ſchnell zurück wollte, wandte ſich der Chef
zu ihm. „Hm?“ Auch der General ſah ſich um.
Werner klopfte das Herz. „Darf ich Exzellenz
ſprechen?“ Der hörte ihn und hörte ihn doch nicht
und fragte den Chef: „Die 51. Reſerve-Diviſion
und 72. Reſerve-Diviſion ſtünden uns gegenüber?“
— „Zawohl, der Franzoſe behauptet, es hätte ſich
nichts geändert.“ — Der General klopfte ans
Barometer: „Selbſt wenn es mit dem Kerl ſtimmt,
die können unſerer ſchweren Artillerie über Nacht
103
kein Gegengewicht heranſchaffen! Mit einem An-
griff von Norden her ſcheinen ſie wirklich nicht
gerechnet zu haben.“ Der Chef ſchlug mit einem
Lineal auf die Tiſchplatte: „Um ſo toller, wenn
das gerade verraten wäre. Solche Schweine!“
„Exzellenz!“ und Werner trat vor. „Dazu dies
Wetter!“ fluchte der Chef. „Artillerie kann nicht
ſchießen, Flieger nicht fliegen! Exzellenz, ich gehe
in das Generalſtabszimmer.“ — Werner blieb.
Der General ſah ins Schneegeſtöber. Werner
wünſchte ſich in ſolch ein Eiskriſtall. „Warten Sie
auf etwas?“ fragte der Kommandierende plötzlich.
— „Exzellenz, den Überläufer nahm ich gefangen.“
„Was?“ „Deswegen komme ich,“ und er konnte
vor Erregung nicht ſprechen, ſo daß ihn der General
auf die Schulter faßte: „Was iſt Ihnen, Werner?“
Und plötzlich, als würde ihm beim Ausſprechen des
Namens erſt klar, wen er vor ſich hatte: „Mein
Gott, Sie gehören doch in den Schützengraben!“
— „Sch bin ja ſchuldig * „Schuld? Woran ſchuld?“
— „Am Verrat unſeres Angriffes!“ Der General
nahm ſeine Hand von Werners Schulter und faßte
ſich an die Stirn. Werner brach heftig los: „Im
letzten Quartier hatte ich meine Notizen über den
Angriffsplan auf der ODorfſtraße verloren... und...
und. . . ich fürchte, daß fie fo ein Schuft benützt
104
—
hat.“ Der Kommandierende atmete auf: „Unfinn!
Die Überläufer find gar nicht von unſerem Korps.
Aber haben Sie Ihre Blätter denn wieder?“ —
„Schon nach einer Minute fand ich ſie, und eigentlich
kann ſie keiner geleſen haben!“ „Schleunigſt in den
Graben zurück,“ befahl der General. „Fort, fort!
Wir haben Ernſteres vor, als ſpinnen!“ Der Kom-
mandierende ſchob ihn zur Tür hinaus, dann nahm
er ſein Fernglas und ſchaute nach der Sonne aus.
„Jetzt ſehe ich aber fahles Licht durch die Flocken,“
rief er dem Chef zu, der im Garten ſtand und auch
in den Himmel ſchaute. „Wirklich, Exzellenz?“ „Ich
kann mich auch täuſchen.“ Der Chef ſpuckte aus.
„Ich ſehe nichts. Alle Pläne werden uns übern
Haufen geworfen!“ Er riß ein Thermometer vom
Fenſter, „immer noch über 0!“ Er warf das Shermo-
meter gegen die Mauer und klatſchte das Fenſter
zu, daß eine Scheibe zerſprang! —
*
Re feit gejtern mit anderen Pionieren der
Sturmtruppe angegliedert, ging in dem
Graben, Handgranaten verteilend, herum. Als er
an Hillbrands Stollen vorüberkam, brummte der
Feldwebel: „Es wäre beſſer, ihr ließet ein paar
Minen hoch und ſprengtet den Schnee aus dem
105
Himmel fort.“ „Es iſt blauer Himmel geworden!“
— „Das lügſt Su, Menſch!“ — „Es iſt blauer
Himmel, ſage ich.“ „Scherzſt Du, knall ich Dich
übern Haufen!“ — „Sind unſere Granaten blau
oder nicht? Sind ſie blau, ſo mache ich Ihnen keinen
blauen Dunſt vor, derart, daß ich blau wäre; ich
bleibe dabei: der Himmel iſt blau geworden.“
Hillbrand kroch vor und ſtellte ſich aufrecht hin:
„In der Tat, blauer Himmel! Ganz blau. Es iſt
keine andere Farbe, und der Schnee ſchmilzt Ihon
vor ihm!“ Er nahm fein Gewehr, ſtieg zur Bruft-/
wehr hinauf, zielte durch die Schießſcharte und
drückte — „blauer Himmel“ — ab. Der Freiwillige,
der dem Trommler gerade ſelbſtgekochten Tee
reichte, fuhr bei dem Knall zuſammen. Preis
fragte: „Glaubſt Du, daß wir helles Wetter be-
halten? Sieht man keine Wolke?“ — „Doch, über
den Bäumen türmt ſich ein dunkles Ungeheuer!“
„So durchſtich ihm den Bauch, wie ich geſtern der
Ratte. — Habe ich Augen? Da kommt ja mein
Schmidt aus Görlitz. Cäſar Schmidt, Bengel!“ —
Der Schauſpieler legte ein paar Weinflaſchen vor
ihm hin und fagte, ihm kräftig die Hand ſchüͤttelnd,
ſo daß ſich Preis ſeine Wolldecke immer wieder
über den Magen ziehen mußte: „Wir ſind noch
in Ruhe, da wollte ich doch mal nach Euch ſehen,
106
wir find auf das Fort Baur angeſetzt.“ — „Nun,
das hatte ich anders verteilt,“ ſcherzte der Trommler,
„aber ganz gleich, wie oder wo!“ Während Schmidt
eine Flaſche entkorkte, drohte er: „Du wirſt doch
nicht krank werden!“ „Ach, Junge, das Schickſal
hat es auf meinen Leib abgeſehen. Ja, es iſt als
ginge Anſteckung von ihm aus. Schon zwanzig in
der Kompagnie hätte ich infiziert, ſagte der Sani-
täter.“ Kox ſah herein: „Guten Tag!“ und ging —
„die Welt iſt nicht größer als ein Flohzirkus, wo
man ſich immer wieder über die Beine krabbelt“ —
weiter. „Wollt Ihr Feinde bleiben?“ rief Schmidt
ihm nach. Der Pionier blieb ſtehen: „Ich für meine
Perſon frage nichts danach.“ „Nun,“ und Preis
ſtreckte ihm ſeine Hand hin, „ſo wollen wir als
Brüder über die franzöſiſchen Gräben ſpringen.“
Kox nahm die Hand an und trug — „ja, es ſoll
Schläge ſetzen“ — ſeine Handgranaten weiter. —
„Bums!“ — Alle fielen um. Ein Zweiundvierziger
flog über ſie weg. „Wahrlich, wie das Ding durch
die Luft dahinfährt, recht wie das Organ einer
Koleraturſängerin!“ „Ach, Schmidt,“ ſagte der
Trommler gepreßt, „müßte ich doch nichts von
Cholera hören.“ Clemens, der, wie benommen,
durch den Graben hin- und herging, hielt den Kopf
etwas gebückt und flüfterte, als der Schuß vorüber
107
war, dem Trommler im Vorübergehen zu: „Morgen
geht es los! Seht Eure eiſernen Portionen nach!
Fehlendes foll gleich gemeldet werden!“ — Heinz
trat neben Hillbrand, der, unbeweglich den Finger
am Abzug, lauerte und ſah durch den Sehſpalt in
den Caureswald: „Wie es tief in den Wald hinein-
geht! Wie ſchön er ausſieht im Schnee!“ Der
Feldwebel ſchob ihn beiſeite und drückte ab. Der
Schauſpieler, auf den Schuß hin herausſchnellend,
verabſchiedete ſich raſch von dem Trommler: —
. „And ſollteſt Du vor mir in Verdun ankommen, ſo
mach eine Atempauſe. Vor das Schickſal wollen
wir zuſammen treten!“ „Ja, das ſchwöre ich Dir,“
antwortete Preis, „und wir wollen das Kreuz ſo
gut wie irgend ein Haſe tragen.“ Kox, der zurück-
kam, fluchte, während er mit Cäſar Schmidt weiter-
ging: „Danach fragen wir nichts.“
*
De Trommler ſaß neben dem Pionier und
wickelte ſich den kalten Schwanz einer Ratte
um den Finger, die er ſoeben getötet hatte: „Kox,
Du magſt über Orden denken wie Du willſt; ich
für mein Teil ſage: Was man hat, das hat man.
Trage ich den Pour le mérite, fo tritt mir keiner
zu nahe. Und wenn Du im Minenfprengen ein
108
Kaiſer wärſt, was nutzt es Dich, wenn Du auf
Deiner Bruſt kein Zeichen trägſt. Getan, iſt getan;
keiner fragt mehr danach.“ „Nochmals,“ entgegnete
Kox, „ich frage nichts danach,“ und ſchlief ein.
Wütend ſah Preis ihn an: „Du haſt keinen Ehrgeiz
im Leib, Du Waſſerſuppe, Du Beſtandteil, Du
Ding, bloß da, damit etwas getan wird mit Dir!
Doch habe ich meine Gedärme beſänftigt, ſo ſollt
Ihr's erleben. — Wenn ich nicht der erſte aus dem
Graben bin und in Beaumont ſchon Suppe koche,
wenn Ihr noch um die zweite Stellung kämpft,
dann mögt Ihr mir von der Bruſt die Haare einzeln
reißen. Keinen Ehrgeiz zu haben! Glaubſt Du
denn nicht an Dein Schickſal? Du Pionier!“ Er
rollte ihm Augen und warf die Ratte auf ſeine
Bruſt: „Da, Du Maulwurf, ſchlaf mit Oeiner
Verwandtſchaft!“ und ging aus dem Anterſtand.
Den Freiwilligen ſuchte er auf: „Frei und willig,
da muß auch Ehrgeiz ſein.“
Hillbrand ſprach mit ſeinem Weibe, als ſäße es
auf ſeinen Knien. „Morgen um dieſe Zeit, Gretchen,
werde ich Deine Augen noch einmal ſehen? Ja,
es iſt eng hier im Stollen! Komm, aber ſtill iſt es.
Niemand hört uns! Wollen wir das letztemal
nicht aufrichtig miteinander ſprechen? Fſt es nicht
wie im Grabe, Gretchen? Weine nicht, warum
109
weinen! Warſt Du nicht ſonſt fo mutig? Entſinne
Dich, als ich einſt fiebernd lag, wie Du da ſtandhaft
den Arzt beredeteſt, er ſolle nur zuſchneiden, wenn
es mich heilen würde. Gretchen, entſinnſt Du
Dich? Bei allen Qualen Deiner Gebärungsſtunde,
die Dir bevorſteht, bitte ich Dich, ſchluchze nicht ſo.
Siehe, auch wir liegen im Fieber heut. Im Blut-
krampf wälzt ſich die Menſchheit. Wollen wir da
nicht mannhaft zuſtimmen, wenn der Arzt ſagt, es
muß geſchnitten werden, ehe Geneſung kommt;
ehe der Frieden kommt, Gretchen, Gretchen! Der
Arzt weiß es doch, Gretchen. Er muß es doch wiſſen!
Wir können nur folgen. Ihm nur vertrauen! Das
wollen wir auch! Gretchen, wenn ich Oich bitte,
kannſt Ou nicht ſtandhaft fein? Laß es doch.“ Und
er ſchüttelte ſich auf: „Es muß doch ſein! Ach,
Gretchen, ich ertrage es nicht.“ Und er brüllte vor
Sehnſucht. Dann knöpfte er ſich den Mantel zu
und kroch aus dem Stollen. „Leb wohl, Gretchen.
Ich kann es doch nicht ändern! Weiß Gott! Erſt
muß das Vaterland gegründet ſtehen! Dann,
Gretchen.“ Er machte plötzlich kehrt, riß ſich den
Mantel auf und rief in den Stollen: „Komm,
komm, komm, Du bleibſt ja immer bei mir. An
dieſem Herzen ruht mir Dein Kopf! Nicht leb
wohl, ſondern halt aus, Gretchen; jetzt noch halt
110
aus! Bald iſt's ja vorbei! Dann, dann!“ Er rief
das letzte „dann“ leidenſchaftlich in die Nacht und
ging auf ſeinen Patrouillengang. Hinter einer
Schulterwehr traf er ſeinen Freund Clemens. Er
gab ihm die Hand: „Alſo morgen.“ „Leiſe, leiſe,
wecke den Tod nicht auf.“ Hillbrand ſah ihm in
die Augen, nickte ernſt und taſtete ſich am großen
Flammenwerfer vorbei zum Hauptmann von
Werner. Clemens rührte ſich nicht. Dort an dem
Grabenrand oben, wo ſie ihre Köpfe zuerſt in dem
Sturm aufheben ſollten, da ſaß der Tod. Er ſchlief.
Bleiern war Luft rings um ihn her. Artillerie ſchoß
nicht mehr, Minenſprengungen waren verſtummt,
der Tod ſchlief. Heftig pochende Herzen zwangen
ſich zu ruhigerem Schlag, auf daß fie ihn nicht
ſtörten. Als Hillbrand ſchattenhaft im Nebel der
Nacht verſchwand, flüſterte der Lehrer ihm durch
den ſchmalen Graben nach: „Jawohl, Hillbrand,
morgen.“ Selbſt Wind kam auf Socken und wich
vor dem Tode aus. Immer noch ſchlief er. — Die
kleine Meiſe, die ſich in des Freiwilligen Pflege
wieder erholt hatte, flatterte im Unterſtand und
pickte am Speck, den ihr Soldatenfreunde hin-
gelegt hatten. Der Freiwillige träumte: er öffne
eine Tür. Im Bett lag ſeine Mutter mit gefalteten
Händen. Eine Bibel war auf dem Nachttiſche auf-
111
geſchlagen. Primeln, die er ihr auf dem Kirchhofe
in St. Laurent gepflückt, hatten ſich wieder erholt
und leuchteten lieb aus dem Waſſerglas. Eine
überwinterte Fliege brummte ums Licht. An der
Wand hing ein Marienbild. „Mutter, weißt Ou
es, Mutter; morgen!“ Er trat an die Bettwand
und beugte ſich zu ihr: „Mutter!“ und ſeine Worte
klangen ſanft, „willſt Du Deine Augen auftun?
Ich möchte Dir noch einmal hineinſchauen; aber
Du ſchläfſt wohl ſchon!“ Leiſe trat er näher heran
und küßte ihre Hände. Dann ſah er lange auf ſeine
Mutter hin. Ihre Bruſt atmete heftig: „Weißt
Du, Mutter, morgen ſoll es nun fein.“ Augen
öffneten ſich. Sonnenwarm ſah fie ihn an; lange,
o wie lange. Blau und ernſt, wie der warme
Himmel. Lippen bewegten ſich: „Morgen?“
Dann richtete fie ſich langſam aus Kiſſen auf und
wurde weiß im Geficht. — Er erwachte, als der
Trommler hereingeſtolpert kam: „Bengelchen, haſt
Du keinen Ehrgeiz im Leib, daß Du ſchläfſt, wo
wir bald Morgen haben?“ Schlaftrunken wieder-
holte Heinz: „Morgen? ach ja, morgen,“ und ſank
wieder zurück. Preis hockte ſich neben ihn hin. Nur
die Meiſe flatterte, ſonſt war es ſtill, ſo ſtill: „Nun
wünſchte ich doch, daß eine ſolide Mine krepierte.
Weiß der Kuckuck, ich mache mir nichts daraus,
112
wenn es ſo leiſe iſt. Ich ſitze da ohne Einfall
und Witz. Meine Trommel glotzt mich dumm und
bleich an.“ Mit einem Finger berührte er ſie:
„Hohler Klang.“ Einer der ſchlafenden Soldaten
rief plötzlich: „Verdun.“ Es war wie der Schlag
einer Kirchenuhr. In Werners Unterftand klingelte
es ſchrill an: „Jawohl? Nein, Euer Exzellenz.
Bis auf die Näſſe ganz gut. Leider viel Magen-
kranke. Verluſte bis jetzt keine. Wie das Wetter
iſt?“ Der Vikar ſah hinaus. „Mein Leutnant
ſagt: leidlich.“ Er legte den Hörer hin. Mit dem
Vikar kam Hillbrand: „In meinem Stollen ſteht
fußhoch Waſſer.“ Werner bat, es ſich bequem zu
machen, „ſo gut wie es eben geht, und ich denke,
wir ſchlafen noch ein wenig.“ Er lehnte ſich zurück.
„In ſieben Stunden; in ſieben Stunden! Dann
vielleicht. Wird dann mein Kopf ſtill ſein? Er hat
mir viel zu ſchaffen gemacht! Und Ihr Lebenden,
wenn ihr einſt an unſeren Kreuzen vorüberfahrt,
werdet ihr an uns denken, an uns unterm Rajen?
Es nie vergeſſen, warum wir ſtarben? Wir werden
ja ſchweigſam ſein für das gewöhnliche Ohr.
Schweigſam wie dieſe Stunde. Aber unſer Geiſt
wird wirken. Werdet ihr ihn vernehmen? Selbſt
auf das Schreckliche hin, daß die Welt weiterliefe,
wie vor dem Kriege? Habt bei allem Lärm eures
113
Tages ein wachſames Ohr für die Stunden der
Nacht.“
„Ting, Tang, Tong.“ Oer Freiwillige horchte
auf. „Ting, Tang, Tong,“ wie der Geſang einer
Waſſerfee; er hörte ihm zu: „Preis, ſoll ich Dir
ein Märchen vorleſen von den Grillen?“ — „Ben-
gelchen,“ brummte der Trommler, „alle Achtung
vor Deinen Grillen, aber ich wünſchte, Du hätteſt
einen handfeſteren Charakter. Wenn Du mir ein
Stück Ochſenfleiſch anbieten wollteſt, das wäre mit
ſchon lieber als Deine Grillen.“
Clemens ſtand in kaltem, durchdringenden
Schneeregen vor Werners Unterſtand und meldete:
„Herr Hauptmann, es ſchneit ſchon wieder.“ —
Werner aber war eingeſchlafen. Hillbrand hatte
keinen Mut ſeinen Freund anzuſprechen; aber als
er wieder im Graben ſtand, löſte ſich alle Spannung
ſeines Blutes in ein einziges, furchtbares „alſo doch
nicht“ auf.
*
ö Vb den Wäldern in ödem Schneefeld kauerte der
Kellner im Flockengewirr an einem Soldaten
grab. Bald verſchleiert, bald deutlicher und wieder
verſchleiert galoppierte ein Reiter mit wehendem
Umhang, als wollte er die Laſt des Winterhimmels
114
auffangen oder durch die Wolken ſtoßen. „Hallo!“
Aber der Einſame war fort. An das Holzkreuz
griff der Kellner. Es war morſch und rings um
den Hügel war Stacheldraht. „Zieht man auch
um Tote den reißenden Stahl?“ — „Was!“ und
Rein Kerl ſtand da, den er vorher nicht geſehen.
„Schurke, gehſt Du an Gräber?“ Des Kellners
Blick wurde gläſern. Als er wieder leidlich ſah,
ſchnupperte ein herrenloſes Pferd an ihm, erſchrak
und jagte davon, ſchwarze Hufklumpen ſchleudernd.
An der Höhe bewegten ſich Bluttupfen in weißer
Fläche. Er erkannte Schipper in Zelttüchern,
mechaniſch warfen ſie Schnee von der Straße wie
Kinder, die das Meer ausſchaufeln wollen. — Der
Kellner kniete am Draht und preßte ſeine Stirn
in die Stacheln: „au!“ Wieder drohte ein Mann:
„Ich erſchieße Dich!“ Es knallte, aber es war
Pferdegalopp. Oer Kellner ſchlug ſich an den Kopf,
daß Schnee aus den Haaren fiel. „Ich möchte ja
nur dem Toten freie Bewegung verſchaffen, viel-
leicht will er keinen Stacheldraht mehr?“ Aber er
ſprach es in leere Luft. Nur eine leichenfette Krähe
flog über die Weite und ſetzte ſich auf das Kreuz.
Ihr glänzendes Gefieder putzte ſie trocken. Offnete
ſie den Schnabel, ſo kam grauer Hauch in die Luft;
und der Kellner ſah Hauch vor ſeinem Munde, vor
115
den Nüftern der Kolonnenpferde und überall, wo
Lebendiges atmete. Er kümmerte ſich nicht um
Stacheldrähte und Grenzen. Hoch über den Sied⸗
lungen der Menſchen verſchmolz er zu einer leuch-
tenden Wolke. Der Kellner ſtarrte hinauf, aber
es wurde wieder finſter um ihn. Ziellos ſtapfte
er kopfſchüttelnd in den Spuren des Pferdes über
die Acker, der Kompagnie nach, bis er vor Schnee
und Schnee nichts mehr erkennen konnte.
*
ips machte auf Werners Befehl Punſch für die
Kameraden heiß. An ſeinen Sporen, die er
nicht abgelegt hatte, klebten handgroße Lehmklöße.
Am feinen Hals hatte er mehrere wollene Tücher
gewickelt. Nur die rote Naſe ſah aus dem Kopf-
ſchoner heraus. „Ach,“ ſagte er zu Heinz, der ſich
für ſeine Korporalſchaft Kochgeſchirre füllen ließ,
„Athen iſt ein angenehmer Aufenthalt. Legte ich
ein Ei auf den Marmor, ſo war es, während ich zur
Sonne aufſah, um nieſen zu können, ſchon hart
gekocht. Ich möchte ſagen, Athen beſaß einige Vor-
züge unſerem Aufenthalt hier gegenüber. Herr
Heinz, es konnte vorkommen, daß Sie weiß wie
die Lilien Frankreichs aus dem Säulenhof traten,
um über das blaue Meer zu ſchauen, und ehe Sie
116
jagen konnten: „o du mein Griechenland“, ſchon
ſchwarz gebrannt waren, als wären Sie irgendein
Neger aus dem Aquatorialgebiete, wie ſie uns bei
den Franzoſen jetzt auf Spuckweite gegenüberliegen.
Ich möchte ohne Übertreibung behaupten, daß man
mich ins Tollhaus geſperrt hätte, wenn ich den
erlauchten Herrſchaften oben auf der Akropolis
heißen Punſch angeboten hätte. Aber: tempora
mutantur! wie ein griechiſches Sprichwort ſagt.
O, ich habe mich viel in der griechiſchen Wiſſenſchaft
umgetan. Der kleine Prinz Georg ſagte immer,
wenn er die Küchen revidiert hatte: Fips, wenn ich
König bin, ſo billige ich dir einen Platz im Parla-
ment zu. Du mußt mir durch ſolide Ernährung den
Magen des Volkes im Zaum halten. Und der kleine
Prinz konnte unterſcheiden, ob der Salat nur
ſkizziert war von mir, oder ein Werk.“ Und während
er das letzte Kochgeſchirr füllte: „Mein verehrter
Herr Kriegs freiwilliger, wenn man eine Lotos-
blume ausreißt und fie in ſchneeiges Land ver-
pflanzt, — bei aller Liebe für den Schnee —, ich
weiß nicht, ob ſie mit den Maiblumen noch leben
würde.“ Oabei huſtete er: „Aber Krieg iſt kein
Sanatorium. Nur, ohne es mir verübeln zu wollen,
möchte ich bekennen, daß ich lieber in den Hallen
Platons verſchieden wäre, als mit der Ausſicht auf
117
eine mir ziemlich fremde Stadt, die ich nur einmal
aus dem Munde eines Fſraeliten vernommen hatte,
der mir neue Kochherde „Verdun“ anpries und
behauptete, „Verdun“ ſei ſeit Menſchengedenken
der beſte Bratofen. Aber der Unterſtand erſetzt
keine Griechenluft, und ſo mag es mit dem Verduner
Herd ſeine Bewandtnis haben.“ Heinz trug die
Kochgeſchirre heraus. Kaum war er fort, ſo erſchien,
wie Parrizida in Schillers Tell, der Kellner. Fips
trat erſchrocken zurück und ſtarrte ihn an: „Bei
allem, was Dir lieb iſt und teuer an der Unter-
nehmung auf Verdun beſchwöre ich Dich: Haſt
Du noch Verſtand oder keinen? Denn wo Du
keinen haſt, ſo verſtehe ich unſere Medizinalabteilung
nicht, und wo er Dir wiedergekommen ſein ſollte,
jo frage ich, was willft- Du hier, morgen wird an-
gegriffen! Iſt das eine Veranſtaltung, zu der man
ſich hindrängt, wie der Siegesläufer von Marathon,
um hier zu verenden? Allen Ernſtes, ich möchte
behaupten, es wäre vernünftiger gehandelt, wenn
Du das Quäntchen Verſtand nicht zu früh wieder
aufgedeckt hätteſt. Hier gilt der Kopf Cäſars und
das Hirn meines penſionierten Peterſilienſammlers
gleich. Ein unerwünſchter Zufall und Oir iſt das
Fünkchen Geiſt ganz ausgeblaſen. Mann!“ und
er packte ihn, „noch hat Dich keiner geſehen! Mach,
118
daß Du fortkommſt! Auf eine Leiche mehr oder
weniger kommt es hier nicht mehr an! Vorwärts
ins Lazarett zurück, oder wer ſollte die Hotels im
Frieden bedienen?“ — Der Kellner goß eine Schale
Punſch hinunter und ſeufzte „ach“ und „o Gott“
und „o Fips, mein guter Fips“ und ſchlich ſich
wieder fort.
„Was?“ rief der Trommler, als Heinz den
Punſch hereingebracht hatte, und von dem Koch
erzählte: „Dieſer Südländer! Dieſer Gallier!
Dieſer Aufſchneider! Ein Ei hart gekocht während
man nieſt? Oieſer Eunuch! Unter uns,“ und er
wandte ſich an die Soldaten, „dem hat die Sonne
Griechenlands ſoviel geſotten, daß er weder für
ein Weib, noch den Ehrgeiz Intereſſe haben darf!“
Er ſpuckte aus: „Dieſes Zuckerwaſſer! Wenn einem
ſolch Punſch nicht gleich in Feuer bringt, daß man
meint, man ſtünde vorm Hochzeitsbett, ſo mag man
dies Geſeire ebenſogut Waſſer nennen! Für
Männer, denen es um die Knie herum kalt iſt und
der Schleim in der Gurgel ſteckt, kann dies Geſeire
nichts bedeuten. Ich bin wirklich ärgerlich. Ich ſehe
es kommen, der Februar wird erſt fein ange-
ſammeltes Maß von Waſſer abſchneien wollen, ehe
er für den klaren Himmel ein Verſtändnis gewinnt.
Darum, Bengelchen, laſſe jetzt Deine Grillen ge-
119
teoft hupfen. Mit dem Angriff wird es doch nichts
vorerſt.“ Heinz nahm alſo jenes Heft, das Cäſar
Schmidt dem Trommler in Marville zugeſteckt
hatte, rückte näher zur Kerze und las: „Es war
einmal ein großer Krieg.“ — „Wenn das wahr
wäre,“ rief der Trommler, „daß man ſagen könnte:
Es war einmal ein großer Krieg, ſo wollte ich meine
Trommel an den Nagel hängen und ein Bürger
werden.“ Der Freiwillige fuhr fort: „Gegen das
Ameiſenvolk hatten ſich Grillen, Käfer und anderes
Inſektenzeug verbündet.“ — „Käfer iſt gut, ja er
hat Einfälle, mein Freund Cäſar Schmidt!“ „Wenn
Ou mich immer unterbrechen wirft,“ ſchalt der Frei-
willige, „ſo leſe ich lieber erſt gar nicht vor.“ „Gut,
gut, ich will mein Maul hüten.“ Das Märchen ging
weiter: „Die Grillen ſchwuren, Ameiſen verdürben
den luſtigen Ton in den Feldern. Die Käfer und
Inſekten ſummten: ja, Ameiſen dienen nur zur
Zerſetzung. Folglich Krieg gegen die Ameiſen.
Gegen ihr Reich machten fie ſich auf. Der Ameifen-
könig lachte, ſetzte ſich ſeine Krone aufs Haupt und
rief die Generale. Die kamen fröhlich herbei. Was,
rief der König, und ſetzte ſich, um beſſer ſehen zu
können, einer Schlange zwiſchen die Augen. Wahr-
heit iſt, daß wir nicht anders leben können, als es
unſere Ameiſennatur erfordert. Wahrheit, Wahr-
120
heit, riefen die anderen und begannen zu zirpen,
daß ſich die Schlange mit ihrer Doppelzunge das
Maul ableckte. König, es iſt zwecklos, ſagten die
Generale. Gut, entgegnete er, und zog ſein Schwert.“
„Man ſoll ſich ſeine Freunde ausſuchen,“ rief der
Trommler. „Cäſar Schmidt trägt eine gewölbte
Stirn und ich finde ſeinen Einfall ganz munter.
Wirklich, er hat Einfälle wie ein ausgedienter Feld-
webel.“ „Die Grillen kämpften mit Bravour und
geſchichtlicher Tapferkeit und dann guckten ſie
plötzlich auf, als wollten ſie ſagen: jetzt wär's genug.
Aber die Schlange öffnete ihr Maul weit und
züngelnd, daß den Grillen angſt und bange wurde
vor dieſem Schlund und der König bei ſich dachte:
wie erſtaunlich iſt die Natur. Plötzlich riefen alle
Grillen: „Nanu,“ und das kam daher, weil aus
dem Ameiſenſtaat Geſang laut wurde, „welche
Dreiſtigkeit, dürfen Ameiſen ſingen?“ Einige
Grillen wurden ganz traurig. Ein Floh begann
mit Kot zu werfen. Warte, riefen die Generale,
das kitzelt uns nur. Und dann wuchs der Berg
über Tag, über Nacht unheimlich, nur in ſeinem
fiebernden Wachstum tönend. Plötzlich aber kam
eine große gelbe Hexe und trat alles tot, ſo tot, daß
das Blut nur ſo quatſchte und einen tiefen, roten
Teich bildete. Die Schlange ertrank in ihm, denn
121
ſie konnte das Blut nicht vertragen. Aus dem Ameifen-
kadaver aber flog eine leuchtende Seele. Die Hexe
fing das Flämmchen ein und lebte von ſeiner Wärme
noch viele tauſend Jahre.“ — Die Tür wurde auf⸗
geriſſen und eine Laſt von CTreibſchnee ſtürzte
herunter. Ein Soldat rief den Freiwilligen zum
Hauptmann von Werner. Heinz eilte fort. Preis ſteckte
ſich nachdenklich eine Zigarre an und befühlte ſeine
Hofen. „Noch ein paar Tage ſolcher Niederſchläge
und wir werden alle nicht anders wie aufgeweichte
Semmeln dem Angriffe zur Verfügung ſtehen.“
*
N Ferner ſpitzte einen Bleiſift und ſagte,
während er Licht abblendete: „Es iſt
wieder verſchoben worden.“ Keiner antwortete.
Clemens rückte tiefer in Schatten; „noch einmal
vierundzwanzig Stunden gähnender Qual,“ —
dann ſtieg er mit Heinz wieder in den Graben
zurück. Der Vikar las in der Bibel. Nach einer
Weile blickte er auf. „Erleben wir Gethſemane?“
— Als aber der Hauptmann weiter ſchrieb, be-
trachtete ihn der Leutnant. In kalten, grauen
Augen ſpiegelte grünes Licht. Harter Ausdruck
wölbte ſich über den Lidern. Kerzenſchein glänzte
von braunen Lehm wie goldener Vorhang; gegen
122
———
ihn hob ſich Werners Stirn aus dem dunklen Geſicht
wie eine Bergkuppe unter Sternen ab. Viertel-
ſtunden ſeltſamer, feierlicher Ruhe vergingen, in
denen der Unterſtand einer Kapelle glich. Die vier
Meter ſchwere Erddecke ſchwebte über den Scheiteln
wie Wolken. Der Vikar fragte noch einmal: „Stört
es?“ Der Hauptmann verneinte. „Glauben Sie,
daß ſich unſere Soldaten bewußt ſind?“ „Unbe⸗
dingt,“ entgegnete Werner. „Daß ſie ihr Leben
bewußt preisgeben?“ Der Hauptmann legte den
Bleiſtift hin: „Jeder geht den Weg, den er an-
getreten hat.“ „Chr iiſtus wies uns ſolches zu tun.“
— „Wiſſen wir, wem wir Wege weiſen? Wir
Soldaten anerkennen, daß wir ſterben müſſen,
wenn wir den Rock heilig verſtanden haben! Wie
ſich der Herr dem Tod beugte, wenn anders er
ſeinen Geiſt nicht verleugnen wollte. Aber was
hinter uns kommt, ahnen wir nicht. Daß es beſſer,
herrlicher ſein muß als alles, was uns zu dieſem
Augenblick trug, das allerdings erhoffen wir!“
Werner löſchte ſeine Zigarre an der naſſen Wand.
Der junge Vikar wurde blaß vor Erregung. „Und
daß der einfache Mann ſolches empfindet, nochmals,
Sie glauben es?“ — „Sahen Sie noch nie Ihrer
Mannſchaft ins Auge?“ —
*
123
A unterſtem Stufengang ſaß Hillbrand im
Graben. Rechtes Bein ausgeſtreckt, hielt er
ſein Knie mit geſchwungenem Arm. Von Näſſe
tropfte die ganze Geſtalt. Neben ihm hockte Clemens;
aber Hillbrand blieb unbeweglich. Kein Wort war
aus ihm herauszubekommen. Clemens flüſterte:
„Zwiſchengeiſter haben ſtille Lippen an meinem
Ohr. Warum nochmals achtundvierzig lebendige
Stunden? Warum ſchneit es? Warum, warum?
Hillbrand, wenn es der Welt hätte erſpart werden
können! Wenn es nicht nötig geweſen wäre, dies
Menſchenmorden!“ Und er ſprang auf. „Wahn-
ſinnig macht mich ſolch ein Gedanke! Hörſt Du das
Klopfen der lebendigen Herzen aus all den Unter-
ſtänden und Löchern? Leben wollen die Leiber!
Hilldrand! Nur leben! Und wir laſſen die Stunden
vergehen! Achtundvierzig Stunden! Zeit genug,
um dem Mordbefehl Schlingen zu legen! Muß dieſe
Jugend gemetzelt werden?“ Hillbrand ſtand auf, mit
dem Kopf reichte er an den Grabentand und
ſchaute auf feinen Freund herab. „Was ſtörſt Du
mich? Ich atme in Einſamkeit! Zu tiefſten Quellen
unſerer Nation tauchte ich nieder und ſchöpfte Kraft!
Weiche von mir mit Deinem Gewinſel! Hebe Deine
Augen auf! Dieſer Nächte Verſuchung ſchickt Gott!
Recke Dich auf, wenn Du Mann ſein willſt! Zer-
124
ſtoße in Dir alles, was Glauben zerfrißt! Ich ſage
Dir: Wichtiger als alle Pläne des Angriffs, heiliger
als Fragen der Zukunft, bleibt es hinfort, wie wir
dieſer Ode des Wartens begegnen. Clemens, ſtarr
mich nicht an! Auch an mir riſſen Zweifel! Vier⸗
mal, ſtundenlang habe ich mit meinem Weibe im
Abſchied gerungen, daß Gott es ſonnen laſſe, daß
er meinem Gretchen dieſen Jammer ewigen Ab-
ſchiednehmens erſpare; doch es blieb: Schnee!
Es blieben alle Fragen offen. Ich ſage Dir, auf
dem Weg unſerer Wünſche kommen wir Gott nicht
nahe. Werde ſchweigſam! Gott redet nicht! Er
iſt allgegenwärtig! Richte Dich auf! Ich fühle
Kräfte von Cherubim und weiß, auch mein
Gretchen hebt ihre Hände auf und beſchwört mich,
ſtandhaft zu fein; oder wie wollten wir Höllen
beſiegen, wenn wir nicht zwei, drei, vier Tage lang
Herr unſerer Gedanken ſein können! Antworte
nichts! Tat ſei unſere Freundſchaft, Tat unſer
Schwur. Mann, es gilt Beiſpiel zu ſein!“ Clemens
ſchlich zerſchlagen und müde durch den Graben fort.
Oer Kellner hatte ſich in den Gräben verlaufen.
Ratlos wie in einem Frrgang ſtarrte er über die
Bruſtwehr auf den Stacheldraht. Magiſch wurde
er ſcharfreißend angelockt, ſeine Augenbrauen hoben
ſich. Dicht hinter ihm ſchlug eine franzöſiſche Mine
125
4
7
in das Hindernis. Erde flog. Stöhnend ſtützte er
ſein Kinn auf einen Sandſack; ausweichen konnte
er nicht mehr. Mächtiger als zwiſchen Mond und
Meer ſtrömten Gewalten vom Draht auf ihn zu. —
Sie zwangen ihn aus dem Graben, in das Hindernis
hinein.
Hillbrand ſah plötzlich, wie jemand den Kopf weit
auf den Rücken geworfen, mit überirdiſcher Kraft
das Drahtgewirr aus dem Erdreich zog. Er meldete
es dem Hauptmann. Werner kam mit dem Pionier.
eine Leuchtrakete wurde abgeſchoſſen. Taghell
blinkte das Hindernis. „Da hängt ja der Kellner
im Draht!“ Kox fand Mittel, den Kameraden
herauszuziehen. Hände und Geſicht bluteten über
zerfetzter Uniform. Werner ließ ihn zum Koch in
den Unterſtand tragen. — Während Kox dem
Kellner das Blut abwiſchte, ſagte Fips, kopfſchüttelnd
bei ihm kniend: „Ich möchte behaupten, ein Mohn⸗
feld in königlicher Marmorpracht könnte nicht roter
leuchten. Armer Zeitgenoſſe, bald werden wir von
dieſer edlen Flüſſigkeit ſo verſchwenderiſch Gebrauch
machen dürfen, daß ich ganz Sparta für ein Jahr-
hundert mit Suppen verſorgen könnte.“ Bei dem
Pionier, der ihn anbrummte, er ſolle nicht ſo
dummes Zeug reden, entſchuldigte er ſich: „Ich
möchte Eure Rückſicht in Anſpruch nehmen, wenn
126
ich behaupte, daß man ſich erſt an alles gewöhnen
muß. Wohl las auch ich im Frieden, auf dem Söller
ſitzend, mit Vorliebe blutrünſtige Hiſtorien. Ich
erbaute mich jedesmal, wenn ich nach ſolch einer
ſchlafſcheuchenden Begebenheit das Buch ſchloß und
über meine erlauchte Herrſcherfamilie ſah, die in
Rofenalleen; meiner Hände Werk verdauend, über
die Schönheit der Seele ſprach. Werter Herr
Pionier, Ihr müßt mir zubilligen, daß der Wirk-
lichkeit Antlitz keinen verſöhnenden Ausgleich ſchafft,
und ich ſage, Verdun iſt keine Taube.“ — Werner
kam. Dem Kellner gab er einen ſanften Backen
ſtreich. „Haben wir noch heißes Waſſer? Vierzig
Leute liegen mit Magenkrämpfen. Fips, ſorge für
Deine Kameraden. Bald werden wir überhaupt
nichts Warmes mehr bekommen. Nutze das Feuer
aus!“ Der Koch ſah dem Hauptmann heftig
huſtend nach: „So wollte ich doch, alle Hitze
Griechenlands führe unter die Keſſel. Nutze das
Feuer? Bald werden wir überhaupt keine Wärme
mehr haben? Nun, das iſt eine kalte Ausſicht, aber
ich hörte einmal, wie mein kleiner Prinz Georg
zum Lehrer ſagte, daß der Welten Ende Abkühlung
ſei. Ohne Überhebung möchte ich behaupten, daß
ich ähnliche Erwägungen öfters ſchon unter der
Mondſichel angeſtellt hatte, wenn ich an erloſchenem
127
Herd über geſcheuerte Keſſel ſag. Arme Zeit-
genoſſen, ich will Euch das Blut noch einmal er-
hitzen.“ — Er rührte im dampfenden Keſſel, „was
mich anbelangt, ſo konnte es Sokrates nicht ſchlechter
ergehen, als er den Gifttrank hinter den Stimm-
bändern fühlte. Er beugte ſich zu dem Kellner:
„Wahnſinniger, konnteſt Du nicht meinen Befehlen
gehorchen? Mußt Du der Welt ſolch klägliches
Schauſpiel bieten? Ich möchte behaupten, ſelbſt
Gott mit allen Engeln und Erzengeln und dem
ganzen Heer der himmliſchen Heerſcharen könnte
der Welt den Stacheldraht nicht von den Gliedern
reißen! Wahnſinniger! Was unterfängſt Du Dich!“
*
erner erklärte Kox und Preis, die ſich frei-
willig gemeldet hatten auf Erkundung zu
gehen, die franzöſiſchen Gräben: A, B, C. „Bis
an den C Graben müßt Ihr heran! Wahrſcheinlich
werdet Ihr erſt hier Widerſtand finden. Zeichnet
Euch klar ein, wo die Hinderniſſe zerſtört ſind, wo
nicht.“ Dann klopfte er Kox auf die Schulter: „Daß
mir das Minenfeld über morgen pünktlich in die
Luft geht! 10 Uhr 59, ſonſt können wir nicht aus
dem Graben! Denke daran!“ Mit felbftverftänd-
licher Miene antwortete Kox: „Haben erſt kürzlich
128
in den Argonnen fo ein Ding geſprengt, daß wohl.
80 Franzoſen wie Papierſchnitzel durch die Luft
gefegt kamen.“ — „Und Ou! Nicht zu tollkühn
und vorwitzig!“ Preis richtete ſich vor dem Haupt-
mann auf. „Weiß der Kuckuck, nun wollte ich, es
gäbe noch einen Graben D.“ — Werner ließ den
Schnee von feinem Lager ſchippen, dann blieb er.
allein. Es läutete ſchrill am Telephon. Er horchte.
Minuten blieb es ſtill. „Geräuſche der Nacht! Wie
ſie durch die Drähte kommender Schlacht ſtöhnen
und klagen! Wie die Seelen derer, denen es morgen
gilt! Bettelnd! Wünſchend! Drohend! Hallo?“
— Leiſe legte er den Hörer zurück. „Niemand hat
ſich gemeldet? Seltſam! Was hat geläutet?“
*
er Chef meldete dem Kommandierenden:
„Die Artillerie hat angefangen.“ „Ich über-
legte mir gerade, ob man die erſte Sturmwelle
wieder aus dem Graben zurücknehmen ſolle. Acht
Tage haben die Jungens im Waſſer gelegen. Nun
ſehen Sie ſich dieſe Hinderniſſe an.“ Er klopfte mit
ſeinem Kneifer auf die Karte. — „Exzellenz, beide
Diviſionen ſind angewieſen, das Erkundungs-
ergebnis umgehend mitzuteilen.“ „Iſt die Uhr ver-
glichen?“ — „Zu Befehl.“ „Sorgen Sie dafür
129
daß morgen während des Angriffs dauernde Ver-
bindung gehalten wird.“ Oer General ſchloß
hinter dem Chef die Tür; dann zog er ſeine Uhr
auf, hakte ſie von der Kette und legte ſie neben ſich
auf den Tiſch. „Alſo um 11 Uhr.“ Seinen Nagel
hielt er auf das Zifferblatt. „Um 11 Uhr. — So
ſah ich vor 46 Jahren auf dieſe Zeiger, als die
Garde zum Angriff ſchritt! Ich trug die Fahne
bei St. Privat! Und als ich mir nachmittags, um
dieſe Stunde war es, an einem Brunnen den
Schweiß abwuſch und wie im Traum erſt über
das Schlachtfeld, dann zur Fahne aufſah, die zer-
fetzt von der Stange hing, — was war das für
ein Krieg! Jeder Abend ein Sieg! Und über
Schlachtfelder ritt unſer geliebter König mit Moltke,
mit Bismarck!“ Seine Augen glänzten. Er ſah
zum Fenſter. Das Artilleriefeuer wurde wütender.
„Kaiſer, Paladine, Spiegelſäle, Fahnenrauſch,
deutſcher Lande Hochzeitstage, da alles im Braut⸗
ſchmuck ging! Ergraut iſt mein Kopf; Söhne!“
rief er ernſt zu den Bergen hin, „zwiſchen einſt
und heute fallen die Brücken! Eure Leiſtung brennt
meine Erinnerung auf. Wie im Traum liegt alles
zurück. Unwirklich!“ Er ſeufzte tief auf. „Was
wird jetzt?“ Hilflos trat er vor eine Wandkarte und
ſchrieb unter die Feſtung Verdun: „General Herr,
130
Gouverneur von Verdun,“ ſetzte ſich wieder und
ſchaute, während er Aufſtellungspläne ſchwerer und
leichter Artillerie ausbreitete, auf den Namen des
Gouverneurs, wie ein Fechter, der ſeinem Gegner
gegenüber tritt.
*
Ker kroch mit dem Trommler in den franzöſi-
ſchen Graben. Er war unbeſetzt. „Kamerad,“
murrte der Trommler, „wenn Du in dem Atem
weiter vorgehſt, dann bleibt für andere nichts mehr
zu tun. Zch für meine Perſon denke, wir haben
hier gute Deckung und was die fünf Meter an-
belangt, die wir eben überkrochen haben, ſo war
das auch kein Butterbrot. Selbſt in Betracht ge-
zogen, daß der Preis der Butter fo infam an-
ſchwillt.“ Kox rief, während er aus dem Franzöfi-
ſchen wieder herauskletterte: „Dann hätteſt Du
ebenſogut zurückbleiben können. Wenn wir nicht
an den dritten Graben kommen, hat die ganze
Erkundung keinen Zweck.“ Alſo folgte Preis. Am
Graben B, gerade als ſie über das Drahthindernis
ſteigen wollten, wurden ſie durch Salven überraſcht.
Kox konnte gerade noch in ein Granatloch ſpringen
und Deckung nehmen. Preis aber wurde durch
ſein altes Beſchwerden, welches ſich in geſchilderter
131
Situation nicht. verminderte, in feiner Bewegung
beeinträchtigt und mußte inmitten des feindlichen
Feuers hinter einem mäßig ſtarken Baume hocken
bleiben: „Sauſte das nicht ſo pfiffig um mein
Geſäß herum? Ich bin verwundet, weiß Gott.“
Er wollte mit der Hand danach fühlen, da aber in
dieſem Augenblick zwei Maſchinengewehre unſym-
pathiſch zu hämmern begannen, wagte er ſich nicht
zu rühren. „Duck Dich, duck Dich, Menſch,“ rief
Kox. — „Weiß der Kuckuck, ſo wünſchte ich doch,
daß ich Deine Kameradſchaft nicht zu beanſpruchen
brauchte! Hätteſt Du mich nicht mitreißen können?
Du ſitzt recht wie in Abrahams Schoß, indeſſen ich
alle Qualen der Hölle erdulde.“ — Als es wieder
ſtill wurde, erſchien der Pionier mit den Augen
über dem Granattrichter: „Weiter, weiter!“ —
„Weiter? Biſt Du taub, daß Du Dich noch über-
zeugen willſt, ob der Graben beſetzt iſt, — wo es
doch Kugeln gegeben hat wie Sand, den ein
wütender Affe ſchmeißt?“ — Aber Kox war ſchon
wieder neben ihm: „Nimm Oeine Drahtſchere!
Hinterm Baum vor!“ — „Trage ich einen Panzer,“
ziſchte der Trommler hinter ihm her. „Bin ich
unverwundbar? Hinterm Baum vor? Springt
man ſo mir nichts dir nichts dem Tod in den
Rachen?“ — „Memme,“ rief fein Kamerad zurück.
132
„Könnte ich Dir doch Deinen Schneid mit dieſer
Schere hier abzwacken! Verwünſchte Tollkühnheit!
Verſtand muß dabei fein, Geiſt! Memme? Ic
nenne es Tapferkeit! Memme? Ich behaupte mein
Leben! Ich trotzte ſelbſt den Fleiſchpreiſen und der
Kartoffelnot! Iſt es ein Kunſtſtück, dem zu ent-
fliehen? Nur durchhalten! Da kann ich mir ja
gleich die Mündung an meine Schläfe halten, wenn
ich ſo wahnſinnig nach vorwärts entfliehe. Haſt
Du keinen Patriotismus?“ Wieder ſauſten In-
- fanterietugeln. „Weiß der Kuckuck! Da ſinkt der
Kox? Das kommt vom Totenkopf in den Kokarden.
O Kox, kann Dir die Hand nicht geben, bleib Du
im ewigen Leben, und ich denke, es wird Zeit, daß
ich mein Leben nicht außer acht laſſe.“ Hinter ab-
geſplittertem Aſtwerk ſchlängelte er ſich an den
erſten Graben zurück und ließ ſich von der Bruſt-
wehr auf die Grabenſohle fallen. Minutenlang
glaubte er, er wäre tot. Erſt als ſich unter ſeinem
Nabel ein Vulkan regte, beſann er ſich dergeſtalt,
daß er ſich wie ein Held vorkam. Zu den deutſchen
Gräben höhnte er hinüber. „Trinkt Ihr nur Punſch,
indeſſen wir ganz alleine den Angriff vortragen.
Nun, ich denke, man wird es zu würdigen wiſſen.“
— Als unmittelbar bei ihm Granaten einſchlugen
und eine Schulterwehr auf ihn zu fallen drohte,
133
zwang er ſich hoch und ſtürzte von kaltem Leibſtich
gehetzt, in den nächſtbeſten Unterſtand. Er erſchrak
nicht wenig, als er neben ſich in gleicher Beichäfti-
gung ſitzend, einen Franzoſen erblickte. Zitternd
ſah er ihn an; doch da der Franzmann ihn gleichfalls
bebend und bleich anſchaute, zitterten ſie beide und
rührten ſich nicht. Als der Trommler Erleichterung
fühlte, nutzte er dieſen Umftand aus, griff den
Franzoſen am Hals, zog ihn von ſeiner Beſchäftigung
fort und ſchrie: „Du biſt mein Gefangener, folge!“
— Doch als er mit ihm in den Graben kam, und
das Artilleriefeuer nicht nachgelaſſen hatte, fluchte
er: „Nun wünſchte ich wirklich, daß ich Dich hin-
überſpucken könnte! — Weiß der Kuckuck, fünf
Meter wollen zurückgelegt fein. He, Musjö, findeſt
Du Weg?“ „Chemin? Chemin?“ — „Wui, Ka⸗
naille,“ ſchrie der Trommler; aber ehe er ſeinen
zweiten Fluch aus der Gurgel hatte, war der
Franzoſe ſchon aus dem Graben heraus und in
den deutſchen geſprungen. „Nun wünſchte ich doch,
daß ich Deine Geſchmeidigkeit hätte. Wirklich,
Cäſar Schmidts Vergleich mit den Grillen ſtimmt.
Aberſpringt da fünf Meter, als wäre es ein Gras-
halm. Soll ich den Erfolg meiner Unternehmung
aufs Spiel ſetzen und leichtſinnig wie ein Franzoſe
ſein? Gibt es kein Sprachrohr? Nun bereue ich
134
es wirklich, daß ich nicht Pionier geworden bin!
So könnte ich mir jetzt einen Gang graben. Armer
Kox, wer ſollte Deinen Nachruhm verkünden, wenn
mein Mund verſtummte!“ Einſchläge rückten von
ihm fort, darum kletterte er aus dem Graben und
ſchritt langſam auf die deutſche Stellung zu, laut
„O Deutſchland hoch in Ehren“ ſingend. Mit Hände
klatſchen und Hurra wurde er empfangen. Der
Hauptmann, der es mit angeſehen hatte, verſprach
ihm das Eiſerne Kreuz, worauf Preis nur kurz
fragte, wo ſein Gefangener ſei. Als ihm bedeutet
wurde, daß er leider nichts ausgeſagt habe, reckte
ſich Preis: „Hättet Ihr mir das fünf Meter früher
gemeldet, ich hätte noch ein Outzend ſolcher Kanaillen
auffangen können, und was die franzöͤſiſche Stellung
anlangt, ſo iſt dieſe ſo gut wie ausgeräuchert. Ein
paar Kanaillen, nicht der Rede wert, hocken noch
in den Gräben und erwarten ihr Schickſal.“ —
„Und der Pionier?“ fragte Werner. Preis wiſchte
ſich eine Träne aus den Augenwinkeln: „Hin ift
hin, und ich wollte, er hätte mehr Selbſtzucht
beſeſſen!“ |
*
. | 135
N
ips ſaß bei dem Freiwilligen im Unterſtande.
„Bei aller erdenklichen Sehnſucht zu leben,
rechnete ich auf Ihr Verſtändnis, Herr Heinz, wenn
ich behaupte, daß mir der Tod des Narcis in dem
mondwarmen Blütenflaum auf den Felſen Arka⸗
diens freundlicher dünkt als mit abgeriſſenem Hals,
wie ein geköpftes Huhn ſich ein Grab in dem An-
griffsgewirr noch ſuchen zu müſſen. Ja, ich möchte
behaupten, daß ein Glas Sekt, am Abend kredenzt,
wenn ſich der Bufen der Frauen lockert, freundlicher
über die Zunge läuft als der Vorgeſchmack eines
Angriffs, ſelbſt wenn er uns den Trank der Ewigkeit
in Ausſicht ſtellt. Aber ich geſtehe, daß ich dem
Spiel blauer Schmetterlinge zu lange zugeſehen
habe, als daß ich das Sauſen der Granaten gleich
poetiſch empfinden könnte. — Und ſo mag es dabei
ſein Bewenden haben. Auch der Löwe, wie groß
immer ſein Blutverluſt, verglichen mit der Taube,
ſchließlich hat er im Tode nichts voraus vor ihr.
Behaupten möchte ich alſo, es wäre weiſe gehandelt,
ließe man jeden nach ſeiner Art ſterben.“ Der
Freiwillige hatte die Augen geſchloſſen. Einer Ulme
Wurzeln, die in den Anterſtand griffen, trieben ein
grünes Zweiglein, als flüchtete der Frühlingsſaft
vor der Vernichtung der Menſchen. „O wie ſchön,
wie herrlich war ſonſt Stutm in den Wäldern, wenn
136 *
Baumkronen gegeneinander ſchlugen und Stämme
im Winde knarrten. Fips, hörſt Du die Bäume?
Hörſt Du wie das Erdreich ihrer Wurzeln dröhnt,
wenn Aſte darauf zuſammenſtürzen?“ — „Maden
wimmeln aus aufgeriſſener Rinde, ſo viele, daß ich
ein neues Paſtetenragout erfinden könnte. Außer-
dem, Herr Heinz, möchte ich behaupten, ein Mann
wie ich, der in Trümmern von FJahrtauſenden ge-
kocht und geſchlafen hat, kann durch den Ruin von
hundert Jahren, denn älter ſchätze ich dieſe Pflan-
zungen kaum, erheblich nicht berührt werden.“
Beide ſchwiegen. Aber fürchterlicher heulten
Granaten über den Graben und noch war kein
Trommelfeuer.
*
Kor meldete ſich bei Werner zurück. „Doc
durchgekommen?“ „Es ging hart zu.“ „Trink
den Kognak.“ Und der Hauptmann gab ihm eine
Flaſche. „Trink, trink.“ Der Pionier dankte: „Das
tut gut, aber was die Geſchützeinſchläge anbelangt,
ſo liegen die faſt alle zu kurz, und Gaſſen zu ſchneiden,
ausgeſchloſſen! Der raffinierteſte Pionier ließe
Haare dabei. Beim geringſten Schnauf ſchlagen
Maſchinengewehre an. Das Reſumee, Herr Haupt-
mann, oder das Refultat, wie man zu ſagen pflegt,
137
iſt Null; denn vor dem Graben C find die Hinderniſſe
ſo gut wie gar nicht beſchädigt. Herr Hauptmann,
einer muß es kontrollieren.“ „Wohin? Sind Sie
toll?“ Und Werner hielt ihn am Arm. „Wenn
nicht einer aufpaßt, ob unſere Brummer treffen,
dann kann der Sturm nicht reüſſieren.“ Mit dieſen
Worten machte er ſich los und ſchnellte wieder aus
dem Unterſtand. Werner ſah ihm bewegt nach und
ließ feine Zugführer kommen. Das Erkundungs-
ergebnis meldete er den Diviſionen. Dann breitete
er eine Karte im Maßſtab 1: 5000 aus, zirkelte ab
und ſagte den Eintretenden: „Meine Herren! Wir
dürfen nur an das eine denken: heraus aus dem
Walde. Sollten Gefangene gemacht werden, —
wir dürfen uns nicht aufhalten laſſen.“ Und während
er die Kerze wieder anzündete, die durch den Wind
vorbeifliegender Granaten gelöſcht war, fuhr er
fort: „Vergeſſen wir unſere Aufgabe in keinem
Augenblick! Ferner“, und er beugte ſich von der
Kerze fort, „haben Sie daran gedacht, Nachfolger
zu beſtimmen? Clemens? Ja, es hilft nichts, nicht
auf uns kommt es an, ſondern daß der Angriff
glückt.“ Mit zuſammengezwängten Mundwinkeln
ſtarr ſtanden die drei Geſichter der Zugführer, von
flatterndem Licht überhuſcht, wie Marmorköpfe.
Werner ſetzte ſeine Mütze tiefer, und es war ihm,
138
als ſpräche er nicht mehr mit Lebendigen. Er
knotete Zirkel und Kilometermeſſer an feinem Rod
feſt, faltete die Karten unter den Zelluloiddeckel
ſeiner Taſche und fragte: „Alles klar? Alſo Punkt
11, wenn wir die Exploſion des Minenfeldes hören!
And überzeugen Sie ſich, daß nur die erſte Welle
Handgranaten bekommt, ſonſt ſchlagen wir uns
gegenſeitig tot.“ Er ſah nach der Ahr: „Noch neun
Stunden; ſchlafen ſie.“ Ohne Antwort zu geben
oder einen Geſichtsmuskel zu verziehen, löſten ſich
die drei Köpfe voneinander, und es blieb flimmernde
Luft vor dem Hauptmann. — Draußen im Graben
verabſchiedeten ſich die Zugführer. Clemens blieb
allein. Vollmond wärmte die Winterſtarre. Sein
milder Glanz hob ihn in die Bläue der Nacht. Und
wie er ſich im Unendlichen verlor, fühlte er ſeinen
Leib nicht mehr. Himmelshelle brach in ſein Herz.
Ihm fiel der Kopf zur Bruſt, wie der Blume der
Blütenkelch, wenn heiße Sonne ihn trifft. Da
weckten ihn Gewehrſchüſſe und jene rätſelhafte
Feſtung mit Mauern, Forts und verſchanzten
Wäldern ſtand wieder dunkelkalt vor feinen Wim-
pern. Aber als er die Augen auftat, floß weißes
Licht über Sandſäcke der Bruſtwehr. Er trat heran,
legte ſein Gewehr in die Scharte und viſierte über
den blinkenden Lauf, als könne er auf dem Licht-
139
ſtrahl das Geſicht ſeiner Seele wiederfinden.
Schweigend wartete er in ſtaunender, entſchloſſener
Gebärde.
*
Dee Trommler hockte ſich zu dem Freiwilligen.
„Weiß der Kuckuck, man ſollte bei jeder
Unternehmung den Verſtand nicht zu gering ein-
ſchätzen. Bengelchen, ich ſage, es iſt ſchade um den
Nichtsnutz! Bei aller Verſchiedenheit unſerer An-
ſchauungen war der Pionier doch ein Brauchbarer!
— Aber er konnte ſeinen Ehrgeiz nicht zügeln! Ich
bin der letzte, der ihm etwas nachſagt, aber hätte
er anſtatt ſeines Totenkopfes Selbſtzucht zwiſchen
den Kokarden getragen, ſo lebte er jetzt in Hoffnung,
wie ich. Bengelchen, und kröche mir nicht eine
Kreuzſpinne über den Arm, ſo würde ich ſagen:
dem Verdienſte feine Krone! Das iſt ein recht-
ſchaffener Satz, mit dem man leben kann.“ — Heinz
hielt ſein Ulmenzweiglein in der Hand: „Wie es
nach Blüten duftet.“ Seine Meiſe nahm er und
ſchmiegte ihr weiches Körperchen an ſein Geſicht,
„Preis, ich gehe zum Koch.“ — Der Hauptmann
ſah in den Unterftand. „Wenn Ihr noch Poſt er-
ledigen wollt, tut es gleich, es wird die letzte Ge⸗
legenheit fein.” — Dann ſtieg er hinter die Unter⸗
140
ſtände feiner Kompagnie und wachte. Die Uhr
ſah er an und hielt ſie ans Ohr. „Tick, tick, ſeltſam,
wie das Pochen des Blutes. Die Sterne laufen
nach ihrem Schlag, und den Morgen kündet ſie
an. Den Sturm! Dies kleine Ding! Ihre Räder
greifen noch ineinander, wenn unſer Herz viel-
leicht...! Weiter geht alles, weiter dieſe uner-
meßliche Zeit, in die wir Menſchen geworfen ſind.
Aber unſere Ahnung mißt keine Uhr!“ — Seine
Augen leuchteten im Dämmer. Stumm ſchlug er
den Mantelkragen auf und horchte, wie Schleuſen
des Untergangs mit dem Morgen aufdonnerten,
als zerbröckle die ſchöne Welt unter dem ein-
ſetzenden Trommelfeuer in ihre Atome.
Ju das weite Angriffsgelände, unter ent-
feſſeltem Artilleriekampf verqualmt, ſahen
der General und ſein Chef. Unweit von ihnen im
Schnee an einem Kruzifix ſtanden der Kellner und
zwei Verwundete; ein Blinder und ein Tauber,
die der Arzt wegen der warmen Mittagsſonne aus
dem Lazarett geſchickt hatte. „Sieht man das
Trommelfeuer?“ fragte der Blinde. Der Kellner
nickte: „Ungeheuer, ungeheuer! Einſchläge im
weiten Umkreis. Dörfer und Wälder rauchen!“
141
Und dann klopfte er mit einem Feldſtein die Füße
des Heilands ans Kreuz. — „Was klopfſt Du?“ —
„Ich klopfe, ich klopfe!“ — Der Taube hockte auf
einer Dede, die er immer wieder glättete, als höbe
ſich der Boden unter ihm auf. Dann zeigte er mit
langen Fingern in die Schollen, bis der Kellner
fragte: „Ein Maulwurf?“ — Aber der Taube
ſprang hoch, riß die Decke mit und ſetzte ſich auf
eine andere Stelle. Ein Soldat kam gelaufen und
ſchrie den Kellner an: „Sie ſollen mit Klopfen
aufhören!“ — „Das ſage ich auch, dann ſprängen
dieſe Beine nicht immer vom Holz, aber bei dem
Luftdruck halten die Nägel nicht!“ — „Quatſchen
Sie nicht!“ Und er ging wieder zu dem Stabe des
Generals. Der Kellner ſchüttelte den Kopf und
knöpfte feine Hoſenträger ab. Mit ihnen knotete
er die Beine feſt: „Das darf doch nicht in der Luft
hängen!“ — „Ich höre die Luft!“ ſagte der Blinde.
„Das find Vogelſchwärme, die von der Cöte fliehen!“
— „Fliehen fie?" „Wie man's nimmt, Du kannſt
auch ſagen, ſie machen Platz!“ „Ich ſähe für mein
Leben gern, wie das Trommelfeuer ausſieht, wenn
man nicht wie ſonſt mitten drin ſteckt.“ — Der
Taube machte plötzlich ein ſchreckverzerrtes Geſicht
und lief, als bäumte ſich die Erde im Blut, zum
Dorf zurück. Der General fragte, Schnee von den
142
Füßen ſchüttelnd: „Nun?“ Oer Chef ſah gierig
mit geöffneten Naſenflügeln nach der Uhr. „Ex-
zellenz, in fünf Minuten.“ — „Sit es ſchon 112“
„Gottſeidank, in fünf Minuten geht die Infanterie
aus den Gräben.“ — Der Kellner bemerkte, wie
der General ſein Haupt entblößte und riß dem
Blinden die Mütze vom Kopf. „Was tuſt Du?“
„ die Leute da vorn nehmen die Hüte ab.“ „Warum?“
— „Weil's jetzt losgeht!“ Und damit zog er den
Hoſenträger feſter an. Der Trommeleinſchlag aller
Batterien wandelte den leichten Raum in ein
Chaos nachtgeborener Töne. Die Bergwälder um
Verdun verfhwanden in Dämpfen. Der Blinde
taſtete und packte des Kellners Stiefel: „Du ſagſt,
es ginge jetzt los? Dann iſt's gut!“ — „Was iſt
gut?“ „Daß wir die Mützen abnehmen!“
143
Stur m
eder war auf feinem Poſten. Am
8 großen Minenfeld glimmte die Zünd-
ſchnur. Unterſtände glühten von Augen.
In gedrängten Menſchenknäulen ſchlug ein
Herzſchlag der Erwartung. Weltenzertrüm⸗
mernder Lärm warf ſtechende Glutwellen auf
Ohren der Mannſchaft. Durch Gehirne ſtach und
hämmerte es. Werner ſah nur das Zifferblatt.
Zwiſchen Sekunden — und Sekunden türmten ſich
Ewigkeiten. Uhr wuchs ins Weltall. Er war Gott,
der zwiſchen eins und zwei und vier Schöpfungen
erſann und zerſchlug. Gewaltiger einte ſich Wille
vor der letzten Sekunde: „Werde!“ Bis es aus
geheimnisvoller Macht aufſchrie: „Vor, aus Gräben
heraus!“ Erſtaunten Geſichtes ſah die Kompagnie
ihren Kopf über dem Grabenrand: was würde
kommen? — Clemens biß die Zähne in Lippen,
daß ſie bluteten. Tod war nun aufgeweckt. Drohend
ſprang er unter der Trommelwut aller Batterien.
Es grinſte ſein Maul. Der Hauptmann hob —
„Il Uhr“ — den Arm, aber das Minenfeld explo-
144
dierte nicht. Er wartete von 11 Uhr 1 bis 11 Uhr 2,
bis 11 Uhr 3, — von Nachbarabſchnitten klang Lärm
vorgehender Kompagnien —, ihm rann Schweiß
über's Kinn. Das Minenfeld explodierte nicht. Über
jene Fläche, die unter ihnen jeden Augenblick berſten
konnte, mußte er vor. Eiſige Glut überkam ihn,
als er dem Sturm Zeichen gab. — Hillbrand
kletterte, in geſchwungenem Arm eine Axt, aus dem
Graben. Dräuenden Knies, vom erſten Geſchoß⸗
hagel, der am Grabenrand ſuchte, unberührt, be⸗
wegte er ſich an den Feind. Hinter ihm ſchreitend,
in fürchterlicher Ruhe, ſeine Soldaten. Gedanken,
Gefühle, ſetzten aus. Wilde Todesangſt wandelte
alle Leiber in raſende Inſtinkte der Selbſterhaltung.
Einziger Trieb zwang ihre Leiber vor und riß ſie
vorwärts. Sturmhelme wogten unter dem Geäſt
dahin wie ſchwarze Tiefen. Nur weiße Binden an
Tod ſchleudernden und ſinkenden Armen trugen
Giſcht und helles Jauchzen in finſteren, wortloſen
Angriff. Erbarmungslos ſauſte Hillbrands Axt,
während er Bahn ſchlug, durch Feind und Geſtrüpp.
— Clemens warf in höchſter Nervenſpannung, ſchön
wie ein geſtreckter Panther, Handgranaten in blaue
Haufen, die mit ſtarren Augen an ihrem Verhängnis
hingen. Linkes Bein ſtellte er ſchräg vorwärts, daß
ſein Becken krachte, holte mit rechtem Arm aus, als
145
ſchleudere er alle Donner Gottes, und warf letzten
Widerſtand vor ſich blitzend, aufſchreiend um. Er
war am zweiten Graben. Werner ging waffenlos,
fauſtgeballt vor der Sturmtruppe, ſchweigend.
Seinen Kopf wie ein Adler, bald über die rechte,
bald über die linke Schulter werfend, ſprühte er
Wellen ſammelnder Energie über den Angriff.
Bei ihm der Trommler in gelöſter Kraft. Blaue
Fäuſte wirbelten über das Trommelfell. Was er
ſpielte, war kein Marſch. Es wurde dumpfwachien-
der Ausdruck von Todesgrauen! Grauſig zwang er
immer wieder das durch eiſenreißenden Ruck unter-
brochene Donnerlied zu einem einzigen, rhythmiſch
aus dem Herzſchlag hitzenden Brand der Vernich-
tung. Unter zerſplitterndem Wald ſchwälte die
Flamme, noch brach ſie nicht auf. — Ein Blockhaus
nach dem andern wurde grabesſtill. Stahlgraue
Waffen, Geſchütze und Maſchinengewehre blieben
richtungslos, ſtarr hinter wilder Vorwärtsbewegung.
— Wie Maienſonnenſtrahl flog der Freiwillige
durch Bäume dahin, bald hier, bald dort Befehle
des Hauptmanns überbringend. Sein Dolch glänzte
wie flüſſiges Metall. Und es begab ſich, als er aus
einem Blockhaus heraus, neben ſich Kameraden
getroffen ſah, daß er hinſtürzte und ſein blankes
Bajonett in drei Franzoſenbrüſte ſtach. Lächelnd,
146 5
„wie von fremder Macht gepackt, ſtand er an blutiger
Wand, als Clemens hereinſchrie: „Vorwärts,
weiter an den dritten Graben heran.“ „Die habe
ich erſtochen, darf ich ſie mir nicht anſehen?“ —
Clemens ſtürzte ins Knie wie ein Steinklotz, aber
der Schlachtlärm hob ihn mechaniſch aus ſeiner
Erſtarrung. Er riß den Buben am Arm über ver-
ſtummte Geſichter weg und ſtieß m wieder vor
in den Sturm.
*
De Koch kauerte ſtill im Unterſtand und fchüttelte
tränenſchwer ſein Haupt. Als der Lärm ſich
mehr und mehr von ihm entfernte, ſtand er auf
und überlegte, ob er das Hammelfleiſch allein oder
mit Wirſingkohl zubereiten ſolle. Die kleine Meiſe,
deren Pflege der Freiwillige ihm ans Herz gelegt
hatte, ſaß mit eingezogenem Köpfchen zitternd auf
ein paar zurückgelaſſenen, ſchmutzigen Strümpfen
von ihm. In die beweglichen Auglein ſchaute Fips
tief hinein, während er ihr etwas Speck an den
Schnabel rieb: „Arme Zeitgenoſſin, wo Du Ge⸗
danken haft, fo bitte ich Dich, unterdrüde fie; denn
ich weiß, was Du ſagen möchteſt. Und damit mag
es ſein Bewenden haben.“ Er brachte harten
Spiritus in Flammen und dachte, während er
147
Büchſen aufſchnitt und ihren Inhalt zujammen-
miſchte, recht innig an den Magen feiner Kame-
raden. Nichts anderes brachte er hervor, als N
Zeitgenoſſen!“ —
*
E⸗ war Nacht, als Befehl erging, ſich einzu-
| graben. Wald war hinter ihnen. Vor den
Sturmkompagnien wölbten ſich Bergkuppen. In
kalten Wellen klatſchten Batterie auf Batterie durch
den Caureswald. Aus naſſem Schützenloch richtete
ſich der Freiwillige auf. Er horchte der klagenden
Natur. Geſundes, zartes Holz ſplitterte bis zu ihm
hin. Kronen wankten; ein Sanitätsſoldat, der
Verwundete verband, wurde durch einer Eiche ab-
geſchoſſenen, leibdicken Zweig zerſchmettert. Wie
ein heulender Rieſe ſtand der verwundete Wald.
Himmelstrunkene Arme waren geknickt und nieder-
geſchlagen! — Weich, aus der Höhe der Nacht fiel
Schnee und ſenkte ſich kühlend auf wundheiße
Flächen: „Was habt Ihr getan, arme Wälder!
Lebtet Ihr nicht aus gleicher Erdenkraft wie wir?
O Mutter, behüte den Wald wohl. Erſchrecke die
Eidechſe nicht, wenn ſie bald unter dem Mooſe in
den warmen Frühlingstag ſchwänzelt. Streichle
mir alle die tauſend Blumen; meinen Sternen
148
teppich der Heimat. Sie find beſſer als wir. Behüte
die Hecken wohl! Wenn fie lichtgrüne Blättchen
treiben, brich ſie nicht ab. Es tut dem Walde weh,
wenn ihn unſere Hand berührt. Lauſche ihm, wenn
Wind in ſeiner Laubfülle ſpielt und goldenes Licht
nicht weiß, wo es zu ſcheinen aufhören ſoll in dem
unendlichen Gewirr aller Pflanzen. Hörſt Du die
Eulen des Nachts, wenn fie ſamtweichen Flügel-
ſchlags durch die Zweige gleiten, ſo grüße ſie,
Mutter. Ach, gedenke der Meiſen und vergiß ſie
mir nicht. Mutter, Mutter: Wälder, die wir hier
durchſtürmen, ſind leer und tot. Vor uns flieht
Vogelſang! Wie ſtarre Finger ragen ſie auf aus
ſchreckvoller Schlacht. Von feinem Dolch flog
Blutgeruch. Er bekam Schüttelfroſt. Drei blutige
Menſchengeſichter ſtarrten ihn an. Er wehrte ihnen
verzweiflungsheiß und ſchaute vorwärts zum dunklen
Beaumont hin. Magiſch, teufliſch grinſte dies
Ziel ihres Angriffs wieder. Wie ein Zauberberg
ſprühte es unaufhörlich Feuerpfeile und Leucht-
kugeln in die Dunkelheit.
*
De Kommandierende eilte in das Generalftabs-
| zimmer: „Von den Brigaden Meldung?“
„Nein, Exzellenz!“ „Von den Diviſionen?“ „Auch
nicht! Aber ſie müßten jetzt durch den Caureswald
149
“ fein.“ — Oer General ſah den Chef an: „Sie
werden durch fein.“ — Leiſe ſchlürfendes Bleiſtift-
geräuſch glitt über Papier. Von Telephongeſpräch
zu Telephongeſpräch ſpannte ſich Spannung. Der
Chef zeigte auf die Karte: „Unſer Nachbarkorps
ſoll ſchon in Haumont ſein und die Brandenburger
im Herbébois und vor dem brennenden Ornes!“
„Ich weiß, ich weiß,“ und er faßte dem Major, der
am Telephon wie vor des Schickſals Lippen ſaß,
auf die Schulter: „Nun?“ — „Exzellenz, das Ober-
kommando hat zum fünften Male angefragt, wie
es mit dem Angriff ſtünde.“ „Zum fünften Male?“
Er legte ſeine Hand auf den Hörer. Befürchtung?
Wenn ſein Korps nicht vorwärts käme, es hatte
den ſchwerſten Abſchnitt! Einen Offizier, der
Farbenpinſel im Blauen rührte, fragte er: „Worauf
warten Sie?“ „Die erreichten Linien einzutragen,
Exzellenz!“ Der General drückte feine Finger in
die Farbe, ſtrich über Beaumont und 344 und
wandte ſich zum Chef: „Sie muß hin — und kommt
hin!“ Es wurde ſchwarzer Kaffee herumgereicht,
als die Nachricht kam, die Oiviſionen hätten Fühlung
mit dem Nachbarkorps. Da lächelte der Komman-
dierende: „Wie ſpät?“ — „3 Uhr morgens,“ und
befahl: „Mein Auto; ich will zu den Oiviſionen vor.“
*
150
In ſchlichtem Zimmer, während Schnee alt-
ehrwürdige Giebel und Kaiſerdome mit
bleichen Tüchern bedeckte, lag in Kindes-
nöten ein. Weib. Blut ſtieg auf und hob Brüſte
an hartlaſtende Decken. Zittern ertrank in auf-
brechender Flut aller Natur. Während ſich Finger
in Kiſſen krallten, war es, als ränge mit Sterben,
das Leben. Seinen Lichtdrang ſchüttelnd quoll es
unter dem zarten Leib ſo rückſichtshart, bis es endlich
in Atem ſtand und feines Werdens Form wie zer-
ſchlagene Jahrhunderte von ſich ſtieß. — Zu gleicher
Zeit hob ein Mann vor Oank und Seeligkeit die
Stirn und achtete der Granaten nicht, die um ſein
gebrechliches Fleiſch drohende Gräber riſſen. Es
war Hillbrand, der ſeines Sohnes Geburt erahnte.
* .
ie braune Eingeweide lagen Felder zerwühlt
und aufgeworfen. Leiber der Kompagnie
duckten ſich lauernden Tigern gleich unter dem
Stahlſang ſauſender Zünder zum Sprung auf
Beaumont und 344. Sonnenbeglänzt lockten ihre
ſchneeigen Höhen wie der Viktoria atmender Leib.
Als Werner plötzlich brüllend aufiprang und
„Beaumont“ den Abhang hinaufwies, da war es,
‚als hackten Feuerkrallen nach vorn. Mit hemd-
151
freiem Arm raſte Hillbrand zugvoraus, den Clemens
überholend. Des Tambours Schenkel ſchlug
trommelan, daß ſie in ihrem Hohlraum dröhnte.
Wiehernden Rofjen gleich, die Triumph hinter ſich
ahnen, drohte jeder Zügel zu reißen. Noch einmal
zwang der Hauptmann zur Atempauſe. Doc als
ſein erlöſendes „Auf!“ von den Lippen ſang, da
ſchnellten ſie alle dahin, ihre Köpfe mächtig aus
den Schultern ſchüttelnd. Befehle zerſchäumten im
Wind ihrer Eile. Wild, in leuchtendem Wettlauf,
ſchnaubten ſie an die Hinderniſſe heran. Da die
breite, ſtachlige Fläche nicht zerſtört worden war,
ſprang Clemens als erſter hinauf, daß ſie wie
Saitenſpiel dröhnte und unter dem Niederſprung
aller Soldaten hinkrachte in ihrem ganzen Gefüge.
And als ſchöſſen ſie nach Verdun hinein, ſtürzte
die Sturmkompagnie der Franzoſenflucht nach.
Dorfentlang wurde gekämpft. Von Haus zu Haus.
Hillbrand lief, letzte Sonne im Haar, durch Glut-
wellen brennender Straßen. Blutſchreie und Ge-
wehrknalle ballten ſich zu dunklen Qualmwolken.
An der Kirche oben, wo Treppen zum Eingang
führen, riß er den Rock ab und ſtemmte ſich mit
nackten Bruſtwarzen gegen ſchweflige, tödliche
Dämpfe, die aus Türſpalten nach ihm griffen.
Einen langen, ſchwarzäugigen Franzoſen, der eine:
152
Handgranate vergeblich gegen ihn fchleuderte,
packte er an den Schultern, ſchlug ihm Waffen fort
über das Handgemenge, und rang — „kämpfe,
beweiſe Kraft, Drachenbrut!“ — Leib an Leib mit
ihm. „Ihr wollt unſer Heim vergiften?“ Er drückte
ihm Rippen ein: „Unferen Herd beſudeln? Speie
Dein Finſterblut aus der Gurgel!“ Während ihm
ſeines Kindes Bild ſehnſuchtstoll über ſchwarzem
Haarſchopf erſchien, wuchtete er den geſchmeidigen
Leib ſeines Gegners vom Boden und ſchmetterte
ihn rücklings auf Steine, daß Blutſtrahlen über die
Zunge ſtürzten. Aus adrigen Armen ſtreckte er
dann um den haarigen Hals des Franzoſen wütende
Finger und ſank — „fo ſollt Ihr bald alle am Boden
liegen“ — von rückwärts getroffen, über den
Röchelnden hin.
Preis, der trommelte, als ſollten ZJerichos
Mauern fallen, fah, wie in das Kirchturmfenſter
ein Gewehrlauf verſchwand. — Er lief. Schwach
richtete ſich Hillbrand vor ihm auf. Aber er hatte
keine Kraft mehr. — Kalt vor Wut und Rache, als
ſein Kamerad unabänderlich tot auf den Franzoſen
ſank, drängte ſich Preis über Leichen und Ver-
wundetenqual in die Kirche hinauf, bis er beim
Glockenſpiel oben verſteckt den Franzoſen fand.
Gewehrſchüſſe trafen nicht. Als der bis ins Mark
153
Erſchrockene feine Hände hob, ſprang er ihm an
die Gurgel: „Du haft unſeren Hillbrand erſchoſſen?
Heimtückiſch erſchoſſen von hinten! Du Hund, Du
hinterliſtiger Hund!“ Speichel flog von ſeinen
Mundwinkeln, als er die Trommel hob und mit
der Kompagnie heiligſter Sturmmuſik zuſchlug auf
ihn, und ſchlug und hämmerte, bis Trommelfelle
zerfetzt, zerſtückelt über den toten Franzoſenſchädel
glitten, und ihm der bunte Reifen als Halsring
ſtecken blieb. „Du hinterliſtiger Hund!“ Von Herz-
ſchwäche bleich fiel er unter den Glocken zuſammen.
Aus Entfernung hatte Werner den Kampf mit-
angeſehen. An Hillbrand trat er heran, legte ihn
von dem Franzoſen und ſtrich über feine ſchweiß⸗
kalte Stirn. Dann ſuchte er nach dem Trommler.
Sechs Uhr ſchlug es, als er vor ihm ſtand. Der
Hammerſchlag klang glashell von der Glocke. Mäuſe
huſchten über den Boden. Dämmerung hauchte
kalt über das Meſſing am Trommelreifen; von dem
Franzoſen nahm er ihn ab. Dann packte er Preis
unter den Armen und ſchleppte ihn mit ſich her-
unter. Auf halber Treppe, ganz im Finſtern, wo
es niemand ſah, beugte er ſich über feinen ohn⸗
mächtigen Tambour: „Stirb mir nicht, ſtirb mir
nicht, es ſind zu viele ſchon fort von Euch! Stirb
nicht! Ihr müßt leben, wir ſind noch nicht am
154
—
Ziele!“ Warme Tränen erweckten Beſinnung.
Über Blutpfützen und Schneebäche trug er ihn
zur. Krankenſtelle und ſcheuerte ihm Bruſt und
Geſicht mit Ather ab. Arzte bat er, ſich des Gefreiten
anzunehmen und ſtieg über Verbundene ins Freie.
Erfrorener Winterkohl ragte aus Schnee. An
Zäunen und Hecken hockten entblößte Soldaten.
Stöhnenden Geſtank ließ er hinter ſich und ſprang
auf zerſchoſſenes Land. Den Sturmhelm 3 er
ab; ſein Kopf war Vulkan. —
Clemens räumte Keller und Unterſtände aus.
Über dreihundert Gefangene hatte er in Marſch
geſetzt. In den letzten ſtark betonierten ſtieg er
hinunter mit Kox. Auf Pritſchen ſitzend, rauchten
25 Franzoſen, würfelten und ſpielten Brettſpiel,
als ginge fie die ganze Schlacht nichts an. Katzen-
große Ratten ſprangen zwiſchen den Beinen herum.
Abelerregende Luft drängte ſich an Naſenlöcher
und Gaumen. Gleichgültigkeit ſtand Drohung
gegenüber. Clemens befahl dem Pionier, die Blau-
mäntel herauszuführen und folgte. Als der Frei-
willige hinunterrief: „Hillbrand iſt gefallen!“ fiel
er zur Wand, zwang ſich hoch, gab dem letzten
einen Puff, daß er ſchneller gehe und folgte doch
zögernd. Er bat Heinz, ihm den Platz des Todes
zu beſchreiben. Dann ſchloß ſich Dunkelheit hinter
155
ihm. Lichtſcheine ſpielten über Schneeflächen. Des
Kirchturms Schatten flackerte geſpenſtiſch. Bis zum
Dachſtuhl brannte Gebälk. Fenſter platzten vor
praſſelnden Flammen. Rote Kreuzritter ſuchten
alle Winkel nach Gequälten ab. „Hillbrand,“
flüſterte Clemens, als der Kopf ſeines Freundes im
Licht fallender Fackeln ſeltſam aufleuchtete: „Hill-
brand!“ und er preßte ihn an ſein Herz. Da immer
neue Pfeiler wankten, trug er ihn unter Dach in
einen nahen Schafſtall. Lämmer äugten erſchrocken
aus rubinroten Augen. Im ODorfbrand wurde es
taghell. Den Leib, der wie ein gefällter Stamm
ausſah, zog er auf feine. Knie. „Als wir in Heidel-
berg durch Ruinen gingen und ſich Fürſtenſäle mit
deutſcher Geſchichte füllten, dacht ich an fo etwas
nicht! Wie wir auf die Stadt herabſchauten, auf
den ſchlängelnden Neckar, unter ſteinernen Brücken,
auf läutende Kirchen, Hillbrand, Hillbrand! Wie
überragteſt Du mich!“ — Er beugte ſich zur bluten-
den Bruſt: „Wie durchſchwärmten wir beide die
Wälder, wenn Vollmond über den Eichen ſtand!
Wie waren wir jung! Wie befeſtigt war unſere
Welt! Nun hat es Dich getroffen. Etwas fällt ab
mit Dir! Kaiſerzeit! Fahnenzeit! Seh ich Dich ſo?
Jede Erinnerung ſtirbt mit Dir! Ein Jahrhundert
ſteht vor mir auf! PBiefen Jammer wird es
156
®
vergelten! Diefes Blut, dieſes geronnene
dunkle Blut — Hillbrand! Hilldrand...“ ihm
ſchwand die Beſinnung. — Der Trommler kam
ſtockgeſtützt und warf ſich, als er den Toten in
Clemens Armen ſah, hin: „Ich wollte, weiß der
Kuckuck, wir wären ſchon wieder im Angriff und
müßten nicht rückwärts ſehen! Wäre nichts weiter
als meine Trommel dahin, ſo wollte ich Hände
falten und beten: „Gnädiger Gott, habe Dank;
ſo aber kann ich's nicht.“ Clemens kam zu ſich —
ſtarrte den Trommler an: „Menſchen! Menſchen!
Beſtien ſind wir!“ Dann warf er den Kopf trotzig
zurück und ſtellte ſich aufrecht im Feuer der Dorf-
ſtraße hin. — Preis ſah glotzend hinter ihm her
und hockte ſich neben die Leiche. Es war ihm, als
müßten ſich Augen öffnen. Er hätte Hillbrand gern
einen Marſch vorgeſpielt, aber ſeine Trommel war
ja dahin. „Weiß der Kuckuck, ich will ſehen, daß
ich mir wieder ſolch Inſtrument verſchaffe! Dann
will ich drauf zuſchlagen, bis Ihr alle wieder die
Augen auftut, Ihr Toten; oder ich wollte, ich läge
bei meiner Trommel!“ Er ſtand auf und ging.
Zerbrochene Gewehre lagen an den Häuſern wie
verſchüttete Streichhölzer, Säbel und Seitengewehre
blitzten aus drahtverſponnenen, zur Verteidigung
eingerichteten Mauern. Er ſuchte. Seine er-
157
frorenen Hände wühlten in allem Zurückgelaſſenen.
In franzöſiſchen Trinkgeſchirren, Riemen, Stiefeln,
Torniſtern, aber eine Trommel fand er nicht. Einen
Kameraden, der eine große, entleerte Gasflaſche
ſchulterte, rief er an: „Haſt Du irgendwo eine
Trommel geſehen?“ Als der Soldat ſich ins Licht
drehte, erkannte Preis — „ſtehen die Toten auf?“
— ſeinen Kox: „Bengel, Bengelchen, Du lebſt?
Seit wann biſt Du wieder lebendig, weiß der
Kuckuck; ſage nichts, ich fühle es, Du haſt noch
warmes Blut, Kox, wir wollen zuſammenhalten,
weiß der Kuckuck, Tod iſt ein rauher Geſelle. Bleiben
wir Freunde!“ Während er ihn anſah, als könne
er es noch nicht glauben, bemerkte er auf dem
zerriſſenen Rock des Pioniers das Eiſerne Kreuz.
„Bengelchen!“ und er trat einen Schritt von ihm
fort und hauchte nochmals: „Bengelchen! Haſt
Du es bekommen?“ Dann legte er, als wage er
keine Berührung, feine Hände zur Hoſennaht. „Du
haſt's verdient, Kox!“ Oer Pionier rückte ſich die
Gasflaſche zurecht: „Ich frage nichts danach!
Wenn Du es trügſt, wäre es mir ebenſo recht!“
und bog gaſſenein zu Soldaten an Biwakfeuern. —
Der Freiwillige ſaß im Schnee und durchblätterte
wie gehetzt ein dickes Photographiealbum. Orangen,
Eier, Konſerven, Kognak, Datteln, Leberwurſt und
158
Zitronen waren über den Boden verſtreut. Kox
ſtellte die Gasflaſche hin und ſah kopfſchüttelnd auf
einen fleiſchfarbenen Frauenſchuh, den ein Kamerad
aus Parfüms, Haarlocken und Kämmen lachend
gegen den Lichtſchein hielt. Als ein anderer ihm
den Seidenſchuh aus der Hand ſchlug, hob Heinz
ihn auf und fuhr mit ſeiner großen Hand hinein.
Kox beugte ſich zu Bildern nieder, die der Frei-
willige verbergen wollte: „Du Junge, laß Deine
Finger fort!“ — Heinz aber griff errötend ein paar
und ſteckte fie. heimlich in feinen Rock. —
„Was iſt das?“ Die Soldaten horchten auf.
In dröhnendem Lauf kam der Vikar mit den Sturm-
gruppen an. „Wo iſt der Hauptmann?“ Kox
knurrte, „immer ſachte, ſachte mit den jungen
Pferden, Herr Baftor...“ Oer Vikar blitzte ihn an
und raſte weiter. Einer hielt dem Pionier ſeinen
Nock unter die Naſe: „Willſt Du Maaswaſſer
riechen? Kinders, wir haben ein Bad genommen
und 344 iſt unſer!“ Und ein anderer ſchwenkte
ſein; Gewehr in der Luft: „Faſt tauſend Gefangene;
nun ſollen die Glocken läuten und ganz Frankfurt
im Flaggenſchmuck gehen.“ Der letzte warf ſeine
Mütze wie einen Ball in die Luft: „Und unſere
Diviſion ſteht ſchon einen Kilometer näher ran an
Verdun!“ Kox ſah der trunkenen Rotte nach:
159
„Alles Unſinn, alles Unfinn! In Zorn komme ich,
wenn ich ſo rote Geſichter ſehe und klopfende Brüſte!
Damit iſt nichts gewonnen! Harte Minen, feſte
Kinnbacken, das iſt mehr als eine Handvoll Ruhm.
Alles Unfinn! Mit Sappen, wie wir es gelernt,
nicht jo in einem Atem! Ich ſage Euch, wir werden
mehr Minen als Begeiſterung brauchen! Könnte
ich doch alles Gebrüll, das jetzt ſinnlos über die
Berge verpufft, ſammeln und damit eine Spren-
gung ausführen! Der Sieg iſt ein Handwerk wie
jedes andere Gewerbe! Sammelt Euch Hand-
granaten, wenn Ihr beſtehen wollt! Ich ſage,
ſchafft Euch Pulver an!“ In Beutehaufen herum-
ſuchend ging er weiter die Häuſer entlang. —
*
Mi der Feldküche fuhr Fips durch den Caures-
| wald bis an eine Straßengabelung. Während
der Kutſcher ihn alle Schritte auf die Ungeheuer-
lichkeit der Verwüſtung aufmerkſam machte, ſagte
der Koch: „Lieber Zeitgenoſſe, es wäre klüger
gehandelt, wenn wir hier hielten, es ſcheint mir
nicht anders, als hätte es Frankreich auf unſern
Keſſel abgeſehen, und ich möchte behaupten, der
Anblick des brennenden Troja hält den Vergleich
mit dieſem Spargelwald aus! Und wenn Du weiter
160
vorfahren willit, ſo tue Du das nur auf Deine Ver-
antwortung, obwohl mir die Pferde, in Anbetracht
deſſen, daß ſie der menſchlichen Willkür überlaſſen
ſind, einer Fürſprache wert ſcheinen.“ Da der Weg
von Einſchlägen, Munitionswagen und blauen Ge⸗
fangenenſtrömen verſperrt war, ſprang Fips vom
Bock, ſtellte Soldaten an und leitete den dampfenden
Keſſel nach Beaumont hinauf: „Nicht fo raſch,
nicht ſo raſch, ſonſt bleibt man wie dieſe armen
Zeitgenoſſen in den Stachelgeweben und Drähten
hängen!“ Er ſchaute auf Gefallene hin und ſtolperte
in einen Granattrichter dergeſtalt, daß er die Suppe
und ihre Träger aus den Augen verlor. Erdwolken
und ſinkende Nacht nahmen jede Ausſicht. „Ach,
liebe Zeitgenoſſen, hätte mich Gott anders geſchaffen
ſo könnte ich zu Euch Tapferen hinauf, ſo aber habe
ich Lungen, und die arbeiten nicht mehr. He, werter
Kamerad,“ ſprach er einen an, der bei ihm im Sranat-
loch lag, „wollten Sie die Güte haben, ein wenig zu
rücken, jch bin ſonſt gezwungen, bis an die Knie
im Waſſer zu ſitzen.“ Da im Augenblick Feuer mit
unglaublicher Schnelligkeit in die Luft ſtiegen und
in Fontänen roter, grüner Kugeln langſam aus-
einanderirrten, ſah er Leichenmaſſen, geſpenſter-
haft. Seinem Genoſſen war der Kopf abgeriſſen.
„Rückſicht, wo ſie am Platze iſt.“ Er ſchob den Körper
161
—
ins Waſſer und rutſchte herauf. „Wenn mir der
kleine Prinz Georg vom Trojaniſchen Krieg erzählte,
wie ſich die Helden zerſtückelten, ſo hielt ich das für
Übertreibung eines blinden Poeten. Aber die
Helden Verduns übertreffen die blutigſte Phantaſie!
Wenn ich ſagte, Verdun ſei keine Taube, fo wußte
ich, was ich mir dabei zu denken hatte. An Lärm
von Granaten gewöhnt man ſich ſchließlich; weiſe
Einrichtung läßt uns bis zum Platzen des Trommel-
fells nur ein gewiſſes Maß von Geräuſchen auf-
nehmen. Bekennen möchte ich, daß mich jene
Unterfchiede, die gar viele Skribenten mit achtungs-
wertem Witz und Geiſt aufſtellen, kalt laſſen, ſelbſt
meine gefrorene Lage in Betracht gezogen. Ob
Mörſer bellen, Maſchinengewehre hämmern, Zwei-
undvierziger heulen, ich habe nur ein Gefühl,
hoffentlich biſt Du's nicht, den fie meinen!“ Als
gerade Schwärme von Granaten über ihn weg
drohten, zog er den Kopf ein: „Gut, ſie bellen,
gut, ſie heulen; gut, ſie hämmern, gut, ſehr gut.
Trotzdem wünſchte ich, um es rückſichtslos zu be-
kennen, daß von dieſen Wortpredigern nur einer
an meiner Stelle läge. Was ich von dem ganzen
Schlachtenlärm bis jetzt begriffen habe, iſt gerade
ſoviel, daß es hinreicht, einen Menſchen ins Grab
zu bringen,“ und während Bäume unweit von ihm
162
- niederdonnerten, „was zerſplitterte Aſte anbelangt,
ſo bleibe ich dabei, daß es in dieſer abgerupften
Zeit auf ein paar Pflanzen mehr oder weniger
nicht mehr ankommt.“ Beaumont flammte plötzlich
funkenſprühend, himmelhoch, als hätte Geiſterhand
in dieſes kniſternde Dörflein Fichtenwälder ge-
worfen. „Arme Zeitgenoſſen, das muß ja die Hölle
fein! Ich bekenne, zwiſchen olympiſchen Sieges
feuern, dem Brand ſtürzender Häuſer und Flammen
um knuſpernde Gockel am Spieß ſehe ich wenig |
Anterſchied. Aber, Verdun ift keine Taube, und
ſo mögen die Maler ſich tummeln.“ Über blauen
Schnee züngelte heißes Licht.
De Trommler ftand noch immer dort, wo Kox
ihn verlaſſen hatte. Seine Bruſt war be-
klommen. Von widerſtrebenden Gefühlen gezerrt
verſchwand er in der Kirche. Oben im Turm, vor
dem toten Franzoſen, blieb er ſtehen, ſteckte ein
Streichholz an und ſah bei dem kurzen Brand in
das bleiche Geſicht ſeines Feindes. Auf ein Knie
ſich niederlaſſend, ſteckte er noch ein Streichholz an:
„Weiß der Kuckuck,“ und er machte zum drittenmal
Licht, „was Du getan haſt, Bengelchen,“ und er
163
1
drückte die Franzoſenhand, „ich hätte es auch getan.
Gib mir Deine Floſſe her, Bengel.“
Muffiger Blut- und Brandgeruch ſtanden wieder |
zwiſchen ihm und dem Toten. Er legte deſſen Hand
ſcheu zurück: „Weiß der Kuckuck, das mag ein
anderer herausfinden als ich; aber etwas iſt mir
nicht klar.“ Angſtlich griff er nach dem Trommel-
reifen und ſtieg in den Kirchenraum. —
*
Der Hauptmann war um das Dorf herum-
geraſt! Bann den Abhang hinunter, den
ſie erſtürmt. Er rief einen Namen, dann ging er
weiter, blieb wieder ſtehen und rief und rief. Einem
Kerl ſah er ins Geſicht und befahl: „Antworte! |
Wollt Ihr alle nicht mehr antworten?“ Es ſchüttelte
ihn, daß er in die Nacht brüllen mußte.
»Hinter dem Faywäldchen echote ſchluchtherauf
wechſelndes Gewehrfeuer. Franzoſen oder Eigene?
War er zu weit vorgeſtürmt? War der Feind in
ſeiner Flanke? Er lief zur Kirche. Der Vikar vertrat
ihm den Weg: „Da ſind wir!“ „Aber das Feuer
dort?“ „Wir, Hauptmann, überall wir! Jawohl,“
und der Vikar klopfte an ſeine Hoſen, „wir kommen
daher blutbeſpritzt wie es im Propheten heißt: wir
haben die Kelter getreten und das Blut der Völker
164
klebt an unſeren Schenkeln! Wo es hier über den
Wäldern zum Himmel flammt, geſiegt!“ Werner
hatte ſich ſeine Gamaſchen feſter gezogen und wollte
weiter, aber der Leutnant hielt ihn auf: „Ihre
Karten, Hauptmann, und der Bataillonstomman-
deur will Sie ſprechen!“ „Was? Karten, Bataillon?
Das gift es noch?“ Er flüchtete die Oorfſtraße ent-
lang. Im Schafſtall leckten dunkle Wollknäule an
Hillbrands Stiefel. Werner ging vorbei. In die
Kirche ſchaute er, die von brennenden Balken
feierlich ſtrahlte. Am Altar kniete der Trommler.
Unter andächtig geneigtem Kopf glänzte der
Trommelreifen. Werner ſuchte das freie Feld.
Wie glühende Lava floß Feuer von allen Bergen.
Über den Lärm eroberter Straßen ſchaute er hin:
„Beaumont iſt unſer! Wo iſt nun der Sieg? Wer
hält ihn feſt? Rauſch iſt dahin! Können brennende
Trümmer verkünden, was wir erlebten? Kann
Name umfaſſen, was hier geleiſtet? Verſtummt
ſind die einen, und müde die anderen, und morgen
richten ſich Fremde in unſerem Dorf ein, als wäre
es nie anders geweſen! Und nach ſechs Tagen ſchon
iſt alles vergeſſen! Beaumont, in welche Nacht
tauchteſt Du? Oaß jetzt wieder alles jo üblich ift,
Namen erheben ſich von Diviſionen, Wäldern und
Feind. Beaumont, Du Zauberin! In Dir glaubten
165
wir Frieden zu finden! Vorbei! Wirklichkeit grinft
troſtlos aus allen Ecken. Beaumont! Namenloſes!
Wo finden wir Dich?“ Signale blieſen durch das
Dorf. Der Vikar kam angelaufen. Als er den
Hauptmann ſah, ſchrie er ſchon von weitem: „Die
Kompagnien in fünfzehn Minuten zum Sturm
antreten! Der Foſſeswald und Louvemont ſollen
noch dieſe Nacht vom weichenden Feind geſäubert
werden!“ Werner ſtützte ſich auf des Leutnants
Schultern: „In fünfzehn Minuten?“ Dann ſtieß
er ihn leicht von ſich und blieb mit hämmernden
Schläfen allein unter dem Feuerdach der Granaten:
„In fünfzehn Minuten?“ Und als riſſe ſich Kraft
von ſeiner Geliebten los, hob er die Arme und
ſchlug ſie nach hinten zuſammen: „Was ſind wir?
Beaumont! Beaumont! Beflügle Du nun das
Ende!“ —
166 Ä E
Opfergang
ſich die Sieger zu neuem Sturm; los-
gelöſt von letzter Oeckungsmöglichkeit
und ganz preisgegeben. „Einhundertzwanzig
Mann zur Stelle,“ meldete der Vikar. „Nur
hundertzwanzig?“ Werner bückte ſich, nahm einer
Leiche das Gewehr fort und hing es ſich um:
„Leute mit Orahtſcheren vor!“ Es geſchah. Bis
über die Knöchel im Erdreich wartete die Schützen-
kette unter hoher Nacht. Schluchtherauf kam Glut-
luft aus undurchdringlichem Dunkel. Alle ſchauten
nach Süden, nach Verdun. „Der Artillerie Raum
ſchaffen, das iſt unſere Aufgabe! Die erſte Fort-
kette ſoll wirkſam beſchoſſen werden.“ Werner be-
merkte in Clemens Augen fremdes Licht. „Was
trommelt da?“ Deutlich hörte man einen Alarm-
wirbel. Er rief den Tambour: „Was trommelſt
Du?“ „Ich habe nicht getrommelt, Hauptmann.“
„Wirf das Ding fort, nimm ein Gewehr dafür.“
„Weiß der Kuckuck,“ flüſterte Preis, als er wieder
zurücktrat, „wer trommelt, wenn ich es nicht bin?“
His dem Hauptmann im Acker ordneten
167
Zur Kirche ſchaute er, von wo der Klang herkam:
„Weiß der Kuckuck, war das Inſtrument nicht zer-
fetzt, als ich es auf den Altar gelegt?“ Werner
fragte: „Sind jetzt die Einſchläge hinter dem
Foſſeswald?“ „Jawohl!“ „Dann müſſen wir vor.“
Langſam breitete er feine Arme. Es wurde an-
getreten. Er trug den Angriff, als wären rechter
und linker Flügel der Kompagnie Schwingen, von
der Höhe hinunter über drahtverſponnenes Gelände.
Als von Weſten aus Louvemont Maſchinengewehre
feuerten, blieb die Linie noch einmal ſtehen, Köpfe
wandten ſich. Oben am Berge verglommen ſchon
ihrer Hoffnung heiß erkämpfte Feuer. Der Haupt-
mann nahm die Signalpfeife zwiſchen die Zähne:
„Dörflein Beaumont,“ und pfiff. Menſchenrufe
und Gewehrfeuer gingen unter im Donner ſich
immer härter nähernder deutſcher und franzöſiſcher
Artillerie.
*
ls Morgen dem Grauſen des Schlachtfeldes
Ausdruck gab, richtete ſich Fips aus ſeinem
Granatloch auf und ſchaute über die Verſtümmelung:
„Dei allem Reſpekt vor der Ehrfurcht frage ich:
wozu? Erſt dieſes Heranſchleichen, dann ein er-
ſtaunliches Gebrüll — und iſt es vorbei, — was
—
168
bleibt? Nicht viel mehr als eine ſtumme Ver—
ſammlung, bei der keiner mehr eine Stimme hat.
Wofür fielt Ihr? Für Verdun? So möchte ich
Euch eine Aufklärung nachſenden: Ich wünſchte,
Verdun wäre gefallen und nicht Ihr!“ Einer
Skeletthand, die aus dem Armel eines Ge—
fallenen ragte, nahm er den Trinkbecher fort:
„Trankft Du auf den Ruhm? Wenn Du es getan,
ſo wünſchte ich, Du könnteſt aus dem ewigen
Himmel, wo Du ohne Zweifel jetzt in beſſerer Lage
biſt, dieſes knöcherne Bild Deiner Begeiſterung
ſehen. Ich will mich meiner Gedanken entäußern.
Aber ich geſtehe, daß der Ruhm in Seiner entfleiſch-
ten Hand nicht viel größer ausſieht als dieſer
Aluminiumbecher — und ſo mag es damit fein Be-
wenden haben.“ Ein Wägelchen fuhr vorbei. Fips
machte ſich bemerkbar. Der Kutſcher hielt und
nahm ihn mit. „Wohin?“ „Nach Beaumont.“
„Vorwärts!“ Als der Soldat ſein Pferd wieder
antrieb, fragte der Koch: „Was fahrt Ihr, Kamerad?“
„Eine Ladung Granaten! Und es wäre vorteilhaft,
wenn Du ſtill neben mir bliebſt, auf daß der Wagen
nicht kippt.“ Fips wurde bleich: „Sie glauben,
dieſe ſauberen Körbe um blauen Stahl wären kein
Schutz?“ „Kippen wir,“ antwortete der Kutſcher,
während er durch ein Granatloch balancierte, „ſo
169
bleibt von uns nicht viel mehr übrig als der dampfende
Miſt, den mein Gaul ſoeben auf den Schnee fallen
läßt.“ Fips krampfte ſich feſt: „Nur zu, ich ſehe,
Ihr tragt einen goldenen Ehering, und ſo werdet
Ihr ſchon im Gleichgewicht bleiben.“ Gerade als
ſie aus dem ſchmalen Hohlweg nach Beaumont
hinauffuhren, ertönte hinter ihnen eine Hupe. „Um
Gotteswillen,“ rief Fips, „langſam, langſam, wir
haben eine Fuhre Granaten!“ „Ganz Wurſcht!
Vorbei!“ — „Wir kippen, Herr General, wir
kippen!“ „Donnerwetter, laßt kippen, vorbei!“
Und indem das Automobil vorüberſpritzte, erlebte
Fips, während die linken Näder einen halben Meter
aus dem Schlamm herausgehoben wurden, tauſend
Tode. &
*
En Dragoner band die Oiviſionsſtabsflagge feſt:
„Halt, Du Luder!“ Aber ein anderer riß ſie
im Vorbeilaufen um: „Generalſtabsoffizier?“ „Am
Dorfausgang!“ „Was iſt los?“ Und Neugierige
drängten: „Der Kommandierende, es geht ſcharf
her im Zimmer.“ Mit Verwundeten ſtrömten
Gerüchte zurück: „Franzöſiſche Artillerie iſt ver-
ſtärkt, wir kommen nicht weiter.“ Plötzlich flogen
Fenſter und Türen auf, Soldaten, Offiziere, ſelbſt
der Kommandierende ſtürzten auf die Straße und
170
blieben ſtarr. An ihnen vorbei, wie eine Höllen-
vifion jagte von der Kirche her durchs Dorf ein
Rudel tierwilder Geſtalten. Abgeriſſene Menfchen-
glieder ſchwangen fie wie Keulen, daß Blutfetzen
wirbelten. Des Wahnſinns Gebell deckte bei allen
das Zahnfleiſch frei. Der General ſchrie ſie an;
fie lachten nur wilder; er ſtieß Leute feiner Stabs-
wache vor: „Haltet fie auf! Unerhört! Unerhört!“
Aber ehe einer ſie packen konnte, waren ſie ſchon
den Abhang hinab und verſchwunden. Aller
Pupillen waren groß und öde, als ſei die Erde vor
ihnen geborſten und ein gähnendes Nichts riſſe ſein
Maul auf, ſie zu verſchlingen. „Woher kommen die
Kerle?“ „Aus der Schlacht, Euer Exzellenz.“
„Unerhört! Unerhört!“ Der General wollte gehen,
da hielt ihn der Diviſionär auf: „Exzellenz, wenn
keine Referven eintreffen, kann ich die Linie nicht
halten.“ „Es kommen keine!“ — Der Diviſionär
wiſchte ſich mit dem Finger im Auge und ſchwieg.
„Zeigen Sie Ihre Verluſtliſten,“ fie gingen wieder
ins Stabszimmer zurück. Der Generalſtäbler, bleich
wie die Wand, breitete die Karten aus. Der Kom-
mandierende klemmte den Kneifer auf. „Was ſchießt
da?“ „Schwere Haubitzbatterien, Euer Exzellenz.“
„Eigene?“ „Jawohl. Es kann aber jeden Augenblick
auch hier einſchlagen!“ „Natürlich kann das,
171
natürlich,“ er ſetzte ſich und zirkelte auf den Plänen
herum. Ein Chriſtusbild fiel bei einem Abſchuß
"von der Wand, Mörtel rieſelte nach. „Wie ſtark
ſind die Kompagnien?“ „50 bis 60 Mann, Exzellenz.
„Kommen die Feldküchen nach?“ „Nein, Ex-
zellenz.“ Der Kommandierende ſprang auf,
„Reſerven gibt es nicht!“ Der Divifionär ſchwieg.
Ein Windſtoß ſchleuderte Hagelmaſſen praſſelnd
ins Zimmer und warf zwei Gläſer Rotwein vom
Tiſch. Beide Generale ſtanden ſich gegenüber. Der
eine übernächtigt, unraſiert, der andere gepflegt.
Beider Goldkragen glänzten. Der Diviſionskomman-
deur trocknete den Wein von den Karten und warf
den vollgeſogenen Lappen vor die Tür: „Fit das
Ihr letztes Wort, Exzellenz? Es gibt keine Re-
ſerven?“ „Gar keine Rede!“ „Aber es ſind drei
neue feindliche Korps im Oouaumontabſchnitt ge⸗
meldet! Unſere Leute ſtehen den fünften Tag
ununterbrochen im Angriff.“ — Da flüfterte der
Kommandierende plötzlich, kopfwackelnd und ver-
zweifelt: „Ich kriege keine! Oer Chef des Feld-
heeres gibt mir keine! Nichts! Gar nichts! Machen
Sie, was Sie wollen! Ich habe keinen Mann zu
vergeben.“ Oer Divifionär ſah ſeinen General-
ſtabsoffizier an; der zuckte die Achſeln. Das Feuer
in den Wäldern wurde lauter, näher. Ein Regi-
172
mentskommandeur kam gelaufen: „Diviſionsſtab?“
„Hier.“ Der Dragoner ſchloß die Tür hinter ihm.
Dann rang er das Handtuch aus, daß es rot zur
Erde tropfte. „Aha!“ „Was, aha?“ „Darf ich
nicht aha ſagen?“ |
*
SYngwitgen war Fips im Dorf angekommen.
Maährend er vorſichtig vom Wagen ſtieg,
bedankte er ſich: „Alſo, tapferer Zeitgenoſſe, möge
die Exploſion in die richtigen Hände fallen.“ Dann
ſuchte er ſeine Kameraden von der Feldküche auf.
Durch Hinderniſſe kriechend, ſchüttelte er den Kopf:
„Das ſcheint mir das wahre Paradies der Schneider
zu ſein; zerriſſene Hoſen wird es geſetzt haben, kein
Zweifel.“ Die beiden Generale kamen vorüber,
er bückte ſich: „Seid Ihr nun wirkliche, ich meine
von jener Sorte, die in den Blättern der Welt-
geſchichte abgebildet ſtehen, oder die ſich ein ge-
ſättigter Magen auf ſeinem Landſitz in Marmor
hinſtellt? Ohne Zweifel, Ihr macht einen würdigen
Eindruck. Und,“ rief er, während eine Granate in
Hausgiebel ſchlug, „um es rückſichtslos zu bekennen,
Eure Sprache iſt gewaltiger als das Gurren der
Tauben im Frühling, wenn Orangen rote Schatten
173
werfen.“ — Oben im Dorf ſpritzten Menfchen aus-
einander. Im Galopp donnerte Artillerie heran.
Ehe Fips den Mund zumachen konnte, war ſie
ſchon da. Er hatte Not ſich zu retten. Der Kom-
mandierende ſprang mit dem Oiviſionsgeneral über
einen Graben und ſchrie: „Totfahren, totfahren,
was nicht Platz machen will!“ Über flatternde
Mähnen pfiff Peitſchengeknall. Ein Batterieführer
meldete: „Stellungswechſel vorwärts, nach Louve⸗
mont!“ und fegte an den Geſchützen entlang, daß
alle vier Eiſen blitzten. In das dritte ſchlug eine
Granate, daß ſich das Rohr krümmte wie eine
Raupe und zerblätterte. Sechs Gäule ſtreckten die
Beine. In Stangenreiter, die einen Umweg
ſuchten, ſauſte der Befehl des Generals: „Drüber,
drüber weg! Ran, immer ran! Allein kann's
unſere Infanterie ja nicht ſchaffen!“ Noch zitterte
Beaumont in feinen Trümmern. Der General
trat an das Scherenfernrohr: „Da ſind ja unſere
am Pfefferrücken!“ und deutete auf ameiſengroße
Geſtalten, die in rauchverhüllten Höhen ver-
ſchwanden. „Die Artillerie ſ oll das Feuer vorlegen!“
Telephone ſummten.
174
ips hatte ſich in der Kirche verkrochen. In
einem Fenſter leuchtete ein Engel. Aus
unendlich blauem Himmel ſtieg er nieder und be-
rührte mit ſeinen zarten Füßen nicht die Veilchen
und Anemonen im Graſe. Fips konnte nicht mehr
fortſehen. Blauer Himmel ſtrömte wie Geſundheit
und Wärme in ihn. Er hielt ſich, den Wollſchal
vor und atmete tief. Ein Granateinſchlag warf
ihm einen Fenſterſplitter hin. Zitternd hob er
ihn, mit dem Mantelzipfel abwiſchend, aus mehligem
Schutt. Er hatte vom blauen Himmel ein Stück.
Ein halber Stern glänzte in ihm: „Geſegnete Hand,
die Dich gemalt und geſchaffen! Ahnteſt Du, als
Du das Blau in dem Farbentopf miſchteſt, was es
einer gewöhnlichen Kreatur dieſer Erde einmal
bedeuten könnte? Welchen Namen Ou trägſt, wo
in den Wolken Du weilſt, ich danke Dir, ich danke
Dir wirklich!“ Mit blutendem Atem verſuchte er
den Staub von Jahrhunderten fortzuputzen. Aber
es ſtach ihn zu ſehr durch die Bruſt. Während er
auf die Straße trat, ſah er durchs Glas. Schnee-
flocken wirbelten wie Falter und Myrthenblüten
über ihn hin. Wie ein König ſchritt er zu ſeinem
Keſſel.
0
*
175
ber als er feine Kameraden wiederfah, abge-
zehrte Männer, denen der Tambour Eſſen in
die Kochgeſchirre füllte, da wurde ihm heiß in der
Wolle. Einer hockte, furchtbare Augen rollend, am
Boden und ſchloß feine ſchmutzverkruſteten Hände
zur Fauſt. Dann ſpreizte er die Finger wie ge-
fährliche Krallen und ſchloß ſie wieder zur Fauſt.
Fips wich ihm aus. Der aber fuhr fort Finger zu
ſpreizen, zu ballen, zu ballen, zu ſpreizen. Eines
Volkes Fauſt. Die Luft wurde rot um ſie. Der
Koch duckte ſich unter eine Bank.
Beide Generale kamen vorbei: „Was macht
Ihr hier?“ Keine Antwort. „Wohin wollt Ihr?“
Und der Kommandierende ſtieß einen an. Preis,
der Kochgeſchirre am Stock aufreihte, brummte:
„Weiß der Kuckuck!“ Oer General koſtete von ihrer
Suppe: „Wie gehts Dir, mein Junge?“ fragte er
dann den Blaſſen, der noch immer die Fäuſte ballte.
— „Leck mid...“ war deſſen Antwort. Der General
überhörte es und klopfte einem anderen auf die
Schulter: „Habt Ihr Verdun ſchon geſehen?“
„Das iſt von unten nicht möglich!“ „Dann macht,
daß Ihr auf die Berge kommt!“ — Im Weiter-
gehen ſah der Diviſionskommandeur in den Schnee:
„Fünf Tage ſtehen fie im Gefecht..“ „Exit im
Gefecht!“ „Erſt? Exzellenz?“ Und er blieb ſtehen.
176
„Zwölf Stunden Ruhe, daß wir unſere Verbände
in Ordnung bringen.“ „Keine Minute. Den toten
Punkt kennt jeder Schwimmer, wenn ſich, Beine
verſagend, der Krampf einſtellt. Da heißt es:
weiter oder ertrinken!“ Er ſchlug mit dem Stock
an ſeine Gamaſchen: „Verflucht, wer rückwärts
ſieht “ und wies auf. die weißen Höhen ringsum,
„an die Fortkette müſſen wir ran!“
*
lemens ſaß auf Sillbrands Grab. Seinen
Rockärmel bis zur Schulter aufſtülpend,
bohrte er plötzlich den nackten Arm durch die Erd-
decke. Dann ſchnellte er auf, ſtreifte die klebrigen
Schollen ab und roch Verweſung aus allen Löchern
des Erdreiches. Als ihm der Trommler die Eſſen-
holer zur Stelle meldete, „wieder aus der Korporal
ſchaft zwei umgeklappt,“ ſtraffte ſich Clemens und
ſtieß auflachend das Holzkreuz vom Hügel. Preis
vor der Bruſt in den Rock packend, „mager biſt Du
geworden, verdammt mager,“ lief er zur Schlacht
zurück. Anbeſchoſſen erreichten ſie das erſte Gehölz.
Aber vor der Höllenſchlucht lag Sperrfeuer. Einige
ſchauten Clemens an. Als er aufrecht weiterging,
folgten ſie. In Sprüngen gewann er Boden, bis
Rauchwolken ihn, feine Kameraden und den Jammer
177
diefes Erdſtriches einbüllten. Nur zu neunt kamen
ſie aus dem Feuer. Clemens ſab ſich um: „Wo
ſind die Kochgeſchirre der anderen?“ und machte
kehrt. Zwei Beherzte ſprangen ihm nach. — Als
ſich Preis den Lehm aus den Augen gewiſcht, waren
ſie fort. Ein Eiſernes Kreuz, das er in Beaumont
gefunden, betrachtete er zum erſten Male von
nahem: „Allerhand Silber. Ich taxiere dieſes
Ding auf drei Mark! Geld, wenn man bedenkt,
wie viele es tragen. Immerhin, wen's trifft, den
trifft's. Von mäßigem Gewicht.“ Er hielt es
wägend in Händen: „Was man hat, das hat man.
Aber der Glückliche, der es getragen, hat weniger
Atem als ich, obwohl auch ich immer überflüſſiger
werde bei dieſem hölliſchen Trommellärm! Und
noch zweihundert Meter weiter, Cäſar Schmidt,
wird dort mein Schickſal fein? Bengelchen?“ —
| Clemens kam mit einem Mann und zehn Koch-
geſchirren wieder. Als er den Tambour und die
anderen ſchlafen ſah, löſte ſich ſeine Nervenſpannung
und er fiel übermüdet um.
*
ips kroch aus feinem Verſteck und erlebte die
Mitternacht. Wie ein runzliges Geſicht glühte
ſein Keſſel. Eines Kameraden Bein, deſſen naſſe
Stiefeln ziſchten, daß ſich die Brandſohle krümmte,
rückte er feuerfern, und rutſchte ſelbſt höher auf
eine Tonne hinauf. Berg Beaumont zitterte im
Geſchützfeuer. „Arme Zeitgenoſſen,“ und er ſah
durch ſein Glas in den Keſſeldampf. Der Goldſtern
glänzte wie Sonne im Sandſturm. Ein welten
großer Magen bildete ſich. Saftig ſtand das Wort
Gottes um ihn. Völker ſtrömten ewig bekränzend,
bis plötzlich Schwerter von Millionen aufblitzten
und dann verzogen ſich alle Rauchgebilde in Nacht.
„Wäre ich Pharao, ließe ich Traumdeuter kommen
und ſpräche: Was bedeutet jener Magen, um den
Millionen Schwerter kämpfen? Mir will das Bild
dieſes Panſens nicht aus dem Kopf.“
*
lemens wurden die Augen aufgerupft. Vor
feinem Geſicht atmeten trockene Schnauzen.
Er fuhr hoch. Aus der Schlucht irrte etwas, was
fleiſchlich roch, als hätte es ſich von der Seele der
Kämpfer geſondert. Aber darüber war feiner Ton
wie Dächergeſang von Nachtwandlern; als Clemens
zur Beſinnung kam, ftand er an den Grabenlöchern
179
der Kompagnie und hörte den Durſtſchrei. Werner
riß den Lehrer nieder: „Clemens!“ „Hauptmann?“
„Die Kochgeſchirre?“ Da wurde ihm klar, daß er
im Traum gegangen, aber der Hauptmann hielt
ihn zurück: „Von den Knochen fällt uns das Fleiſch.“
„Ja, Hauptmann, hinter unſeren Seelen irrt ſchon
das Blut.“ „Was?“ „Ich habe es geſehen, Haupt-
mann; erſt müſſen wohl alle Gebeine vermodern!
ehe wir ihrer Formen Wert und Beſtimmung er-
kennen!“ Werner beugte den Kopf in den Schnee
und atmete heiß: „Freund, ich fühle es ja mit allen
Herzen der Kompagnie! Mein Gott, was ſich da
losringt.“ Und er klopfte auf ſeine Bruſt: „Clemens,
iſt's Hölle? Was wird dann unſer Himmel ſein?“
Er richtete ſich halb hoch: „Auch das beantworte
mir, paßt unſere Erkenntnis in den alltäglichen
Traum? Der dort im Grabenloch, gemeiner
Soldat, und jener und dieſer dort: Wo treiben wir
hin?“ Clemens wollte antworten und faßte ſich
an den Kopf, aber da war er allein und wußte nicht
mehr, ob er überhaupt mit Werner geſprochen
hatte. Plötzlich hörte er den Trommler neben ſich
atmen. Er ſchüttelte ihn und die anderen wach.
Mechaniſch ſtanden ſie auf und ſchleppten die Koch-
geſchirre der Kompagnie, kaum vierzig, nach vorn. —
X .
180
IN Ferner warf die letzte rauchende Hülſe aus
dem Kammerſchloß. Oer zweite Gegen-
angriff war abgeſchlagen. Seine Kompagnie grub
ſich aus Granattrichtern eine Art Graben. „Wann
kann der Trommler wieder da ſein?“ — „Kaum
vor einer halben Stunde,“ antwortete Clemens.
Der Hauptmann hielt die Hand vors Geſicht, dann
reichte er einem Ourſtſtöhnenden Urin, da es kein
Waſſer gab. Wer ſchwerverwundet war, ſtarb. Die
anderen mußten zuſehen, wie ſie fortkamen. — „Ich
ſchicke noch einen hinterher.“ „Das hat keinen Sinn,
Hauptmann.“ Werner wiſchte das Okular ſeines
Glaſes ſauber: „Hören Sie etwas?“ „Jawohl,
Hauptmann.“ „Klappernde Spaten uͤnd Schanz-
zeug uns gegenüber?“ „Hinter den Blockhäuſern
wiehernde Pferde und Artillerie.“ „Es bereiten
ſich Dinge vor; Clemens, wenn es keine Ver-
ſtärkungen gäbe!“ — Der Lehrer ſchwieg, aber
rechts und links, wohin Werner ſah, glänzte ihm
Treue aus eingefallenen Wangen ſeiner Leute ent-
gegen wie Sterne einem Verzweifelten. Das zer-
ſetzte ſein Herz. Wie ein Mörder kam er ſich vor.
Nach der Kugel ſehnte er ſich, die ihm die Nacht
feiner Gedanken mit dem Hirn zerſchmetterte. —
;
181
Ar Aufweite ſaß Heinz. Daß ihn ein Voll-
treffer in alle Atome zerriſſe, darum betete
auch er. Zitternd ſah er auf ſeinen Dolch von
Oixmuiden und Langemarck. Das Blut ging nicht
von der Klinge ab. „Mutter, kann ich Dir wieder
unter die Augen treten?“ Blut, Geſchrei, Abſchuß
und Einſchlag aller Waffen griffen nach ſeiner
Seele wie Höllenbrand. Plötzlich ſtieß er ſeinen
Oolch in einen weichhäutigen Stamm, daß er in
ſeinem Griffe zitternd ſtecken blieb. „Freiwilliger!“
Da hob er den Kopf. „Freiwilliger!“ — Und es
klang wie Erlöſung aus dieſem Wort. — „Hole
mir Kox.“ Heinz flog, Werner ſchaute ihm nach;
dann fiel ſein Kopf zur Seite vor Müdigkeit. Mit
dem Bajonett ſtieß er ſich in den Schenkel, daß er
wach bliebe, und beobachtete den feindlichen Graben.
Im Licht des Neumondes ſchauten ihn feine Ge-
fallenen an: „Clemens!“ „Hauptmann?“ „Ich
glaube, in dieſer Schlucht verwirrt ſich noch unſer
Verſtand.“ „Er klärt ſich, Hauptmann.“ „Klärt
ſich?“ „Überreizt iſt unſer Sinn.“ „Möglich!
Gerade darum ſehen wir weiter als ſonſt!“ „Und
wenn es ſo wäre, Clemens? Was fingen wir damit
an? Wenn wir das Licht dieſer Stunde mit in
die Heimat brächten, wo nur Lampen in Häufern
brennen!“ — Er lachte bitter: „Wer könnte es
182
—
ertragen, daß wir wieder um Pfennige leben?
Clemens, man wird uns Türen weiſen und alles
zerkleinern mit tauſend Mitteln, bis die Verklärung
dieſer entſetzlichen Schlucht wieder zerfließt in
Müdigkeiten und Ekel.“ „Hauptmann, verbrennen
wird alles! Vor Kreaturen, die nur an ihre Brötchen
zum Frühſtück denken? Vor Spielern und Gecken
weicht nicht der Geiſt! Er ringt ſich von Stunde
zu Stunde aus- ſeiner Uumklammerung! Wo find
ſie, die uns Barrieren bauten? Ich ſehe ſie nicht!
Tod hält ſie uns fern. Was hinten an Ketten lag,
geht hier frei und ahnungstrunken unter Brüdern.
Was hinten auf Thronen ſaß, ſitzt jetzt bleich und
bebend an Telephonen und lauert auf uns. Wir
find die Entſcheidung. Anſer iſt die Tat! Niemand
wird unſer Herz wieder fangen! In uns lebt
Jugend! Hinter uns Greiſe! O ich erahne unſerer
Läuterung Brand hoch über aller Alltäglichkeit,
und keine gemeinen Finger werden je ihn erreichen!“
— Werner ſah ihn an: „Aber wenn Macht ſolches
täte!“ „Macht iſt vergänglich wie alles! Wir aber
ſchauen hinfort in das, was lebendig bleibt, wenn
uns die nächſte Granate zerreißt.“ — „Wir ſind
ran bis auf zwei Meter,“ meldete Kox, den der
Freiwillige brachte, „und muxt die Geſellſchaft, gibt's
einen Knall; aber wir könnten mehr Dynamit ver-
183
tragen; Hauptmann. Wir ſollten bald in den nächſten
Graben, daß man eine Baſis zur Arbeit hätte. Wenn
jeden Tag ſolch ein Ding weggeputzt würde, ſo
wäre um Vollmond die Luft rein, und ich wünſchte,
unſere Leiber wären mit Pulver gefüllt! Wenn
jeder Kerl Minen ausſpuckte, ſo wären wir weiter.
Und ich frage nach keiner Infanterie mehr. Am
beſten wär's, man jagte alles, was Herz und zwei
Beine hat, zum Teufel.“ — In dieſem Augenblick
bedeckten Erdwolken von neuem die Stellung.
Minen wühlten und flogen auf. „Hauptmann, es
geht wieder an!“ — Werner ſah ſich nach dem
Trommler um.
*
reis bog ſich Zweige auseinander: „Weiß
der Kuckuck, wenn die Schufte doch ihre
Munition nicht ſo verſchwenden wollten! Wo noch
ein freier Platz iſt, da böllern ſie hin! Man müßte
eine Fliege ſein, um anſtändig weiter zu kommen!“
Sein Weg dampfte unter Geſchoſſen wie ein
ſiedender Keſſel. Nun ſoll mir bloß ſo ein Kerl
kommen und ſingen: Heißa, wenn Granaten
ſpringen, heißa, welche Luſt iſt das, an den Feind
heranzudringen, beiß ich auch dabei ins Gras! So
möchte ich doch, daß dieſe Lüge den Sänger er-
184
ſtickte! Ein Schuft, der behauptet: Heißa, welche
Luſt iſt das!“ Und dabei trommelte es ihm im
Leibe, daß er ſich an den Boden drücken und ſeinem
alten Leiden freien Lauf laſſen mußte, als käme
das vom Eiſernen Kreuz her, das ihm wie Stein
auf den Rippen lag. „Soll mich dies Ding immer
kujonieren? Weiß der Kuckuck, bin ich ein Mann
oder nicht? Wenn ich es bin, dann liege ich oben.“
Und damit warf er den Orden im weiten Bogen
von ſich. Bann ſtand er auf, holte ihn wieder und
ſteckte ihn zu ſich: „Holla, nun geduldet Euch! Erſt
muß ich meine Meldung los ſein! Dann in Gottes
Namen, ob früher, ob ſpäter, ich will nicht handeln!“
Seine zehn Finger vor ſich haltend, als könne er
Granatſplitter wehren, ſtieg er durch grüne Stahl⸗
dämpfe zur Kompagnie in die Höllenſchlucht. —
„Hauptmann,“ und er wifchte ſich — „Die verfluchten
Schrapnellkugeln“ — den Körper ab: „Wenn dieſer
Stahl nicht jo ſchwirrte, wäre ich früher gekommen!“
— Werner krallte ihn in den Oberarm, aber zu
fragen wagte er nicht. Clemens rief: „Biſt Du
beim Regiment geweſen?“ — „Weiß der Kuckuck,
Hauptmann, ich war da; aber unſer Oberſt iſt tot
und der Major ſaß in einem Unterſtändchen; wenn
da ein 38er aufſtößt, — ich glaube nicht, daß der
Herr Major feinen Kneifer auf der Naſe behält.
185
Wenn wir hier nicht den Finger am Abzug be-
halten..“ „Was heißt das?“ befahl Werner.
„Soviel, als daß es noch hinteichend Verſtär kung
gibt!“ — „Für uns?“ und des Hauptmanns Bart
kitzelte ſein Geſicht. „Das habe ich nicht behauptet!
Der Herr Major meinte: zu Haufe, und er ſagte
auch, es wäre ihm erwünſchter, ſie ſtünden im
Foſſeswald!“ „Nichts ſteht hinter uns?“ Preis
roch Zigaretten aus des Hauptmanns Atem: „Im,
die habe ich lange nicht geraucht.“ Aber Werner
ſtarrte über die Gewehre fort: „Nichts hinter uns!“
„Gewiß, ein paar alte Kanonen; aber denen ſind
die Rohre krepiert! Überhaupt, die Rohrkrepierer,
Hauptmann, mir klagte die Artillerie, als ich vor
beikam. Und weiß der Kuckuck, wenn vor Verdun
ebenſoviel Oonnerbüchſen zerſprängen, dann würde
uns hier der Stahl nicht ſo um die Ohren ſummen!“
Der Vikar, der herangekrochen war, rüttelte den
Trommler am Stiefel: „Gibt es Verſtärkungen
oder nicht?“ „Nein, meine Herren. Weiß der
Kuckuck, ich habe mein Beſtes verſucht; es ſind nicht
drei Mann übrig, und wäre der Burſche von unſerem
Major nicht gerade in Stücke zerriſſen worden, ſo
hätte ich ihn mitgeſchleppt, dieſen Stiefelwichſer.“
*
186
5% ſplitterte, Aſte flammten. Werner kroch
von Grabenloch zu Grabenloch, prüfend.
Hinter ihm her rief der Trommler: „Was ich noch
jagen wollte, Hauptmann, der General ſetzt Ver
trauen in uns, daß wir aushalten, und weiß der
Kuckuck, er ſagte, auf uns käme es an.“ Aber Werner
wandte ſich nicht. Preis ſah ihn an: „Nun, das iſt
doch allerhand, wenn der Kaiſer daſitzt und ſagt:
der Preis und der Kox und mein Hauptmann die
brauchen keine Verſtärkung! Weiß der Kuckuck, das
finde ich allerhand.“ Dann nahm er ſein Gewehr,
lud ein zweites, drittes und viertes und legte ſich
mit dem Kopf, ſcharf zum Draht äugend, zwiſchen
die Kolben. Leuchtkugeln ſtiegen, Hinderniſſe
wurden fortgeräumt; Artilleriefeuer brach ab.
Blau über dem Graben erſchien der Feind. Mit
ruhiger Hand bediente der Vikar ein Mafchinen-
gewehr und führte den Lauf die Kopfreihe des
Angriffs entlang. Einer nach dem andern klappte
um. Kox ſprengte feine Mine. Abgeriſſene Men-
ſchenglieder flogen über die Kompagnie. „Weiß
der Kuckuck, können die Schufte nicht ihre Glied-
maßen beieinander behalten,“ fluchte der Trommler,
als ihm ein Oberarm an die Naſe ſchlug. Rote
Stiele der Handgranaten züngelten wie Flämmchen
zwiſchen den Gräben. „Sie heben die Arme hoch,“
187
Werner fprang. Auf ihn zu aber kam langſam eine
weiße, geſpenſtiſche Wand, daß er zurüdichauderte:
„Gasmasken!“ Alle hüllten die Köpfe ein; Augen
und nichts als Augen. Über ſie pfiff er, daß es
ins Wirbelmark fuhr und die Kompagnie vorſtöhnte,
bis ihr der Feind in die Bajonette fiel. Da riß
Werner mit einem „Endlich“ den Helm ab und
ſchwenkte ihn hoch über den eroberten Graben. —
Clemens lief an ihn ran: „Sie bluten!“ „Ach
was, hier blutet jeder!“ Sein Gewehr drückte er
wieder ab. Knall folgte Knall: „Wir haben ihn!“
Aber dann fühlte er ſtaunend bittere Schwäche in
ſeinen Schläfen. „Clemens, das wäre ja zu dumm.“
Der Lehrer riß ihm den Rod auf. „Iſt es ſchlimm?“
Aus der Stirn trat Blut. Als er es auf ſeine Hand
tropfen ſah, ſchaute er hin und roch daran. Plötzlich
ſchlug er auf ſeinen Rock: „Hier! hier!“ Bis ihm
Clemens zwei ſchwarze Hefte aus der Bruſttaſche
gab. „Zerreißen! Jedes Wort zerreißen! Dich
ſoll niemand mehr leſen! Vorbei!“ Er zerfetzte die
Blätter. „Sieh doch den Preis! Wie ein Feldherr!
Kox ſoll die Minen vortragen!“ „Er feuert bereits!“
„Er feuert? Er feuert ſchon; und der Freiwillige?
Kinder, wozu braucht Ihr mich noch? Machts ja
viel beſſer allein. Traf mich zu rechter Zeit?
Clemens. „Hauptmann!“ „Sag nicht Haupt-
188
mann mehr.., er taſtete nach Clemens Hand. „Ihr
braucht mich nicht mehr! Männer!“ Werner wurde
weiß. Sein Buch ſtieß er von ſich und hob krampf⸗
haft die ſchwachen Hände. Clemens drückte ihn an
ſich. Der Hauptmann brach in ſeinen Armen zu⸗
ſammen; aber ſich hochquälend an der Grabenwand
ſchaute er wie ein verblutender Adler noch einmal
über die feuernde Kompagnie; dann fiel er zurück
auf des Lehrers Arm und lächelte neuem Oaſein
entgegen. — Sein Bewußtſein ſchwand mit dem
Herzichlag.
*
(Siemens ließ Werners Leib zur Grabenſohle
fallen und übernahm das Kommando.
„Schlagt mich tot! Schlagt mich tot!“ brüllte etwas,
das keiner Menſchenſtimme mehr glich. Der Lehrer
hörte es nicht, und als der Trommler gelaufen kam:
„dem Vikar ſind beide Augen zerſchoſſen,“ befahl
er ihm, auf ſeinen Poſten zu gehen. Er aber kroch
allein auf die Erde vor. — Leuchtkugeln verlöſchten
im Ounkel der Schlucht. Hinter ſich ließ er das
Wimmern. Daß es Klage und Schmerz war, wußte
er wohl, aber ſein Kinn blieb linienhart. Seine
Fauſt Wille.
*
189
E⸗ klopfte. Der Kommandierende rief: „Herein!“
„Der Chef des Feldheeres.“ Gleich darauf
traten Generale und Generalſtabsoffiziere ein. Der
Kommandierende ſtand auf. Sie begrüßten ſich.
„Wie weit?“ fragte der Chef. „Am gleichen Fleck,
Exzellenz,“ antwortete der Kommandierende. Der
Chef kaute am Schnurrbart: „Wieſo?“ „Die Leute
können nicht mehr,“ er nahm eine Mappe vom
Tiſch, „hier die Verluſtmeldungen.“ Der Chef über-
flog ſie und warf ſie, „iſt doch ſelbſtverſtändlich, daß
wir Verluſte haben,“ — ins Zimmer; „erwarte bei
Arras den Engländer. Kann doch nicht alles
Material hier verbuttern! Wir müſſens ſchaffen
mit dieſen Korps. Abgang 400 000? Soviel hatte
ich gerechnet.“ Der Kommandierende entgegnete,
„noch ſechs Korps Exzellenz, und Verdun iſt ge-
nommen.“ Der Chef zündete ſich eine Zigarette
an, „Sie ſind alt geworden, General.“ „Ich halte
mich an den erſten Grundſatz der Reglements und
die Prinzipien des großen Rex, der ſagt: ein Angriff
mit unzureichenden Mitteln iſt ein...“ „Denken
Sie darüber bitte zu Hauſe nach,“ und der Chef
wandte ſich an einen Generalſtabsoffizier ſeiner
Umgebung: „Bleiben Sie hier, bis die Karre wieder
aus dem Oreck iſt.“ Der Kommandierende ſuchte
die Stuhllehne und ſah die Offiziere an: „Meine
190
Herren, wenn Sie nicht felber die Feſtung ſtürmen
wollen, wirds nicht viel“... aber der Chef des
Feldheeres grüßte kurz und verließ mit ſeiner Am-
gebung das Zimmer. — Vor dem Kommandieren-
den lag der Angriffsbefehl für den kommenden Tag.
„Wieder 600 Leben! — Herein?“ Er ging zur
Türe, „iſt jemand da?“ Aber nur die Telephon-
apparate unten in den Generalſtabszimmern ſumm-
ten. Da zerknüllte er plötzlich den Befehl und lief,
urmächtig angezogen vom Donner aller Schluchten,
. „der Kanonendonner!“ aus feinem Quartier
über den Schnee, über die weiße Ode zitternd
in die Nacht den Bergen zu. —
*
ips ſaß verſcheckt an der Feldküche im Foffes-
wald. Seine Lippen bewegten ſich kaum, als
er ſchneller unter dem Heulen der Einſchläge
flüſterte: „Der Panſen! der Panſen will mir nicht
aus dem Sinn! Nähr' ich ihn nicht? Ich mäſte
ihn ja! Welch Gewerbe ergriff ich, daß ich nun
hinter den Helden hergehe mit Suppe, mit Pfeffer!“
Er weinte, daß ihm der Wollſchal naß an die Backen
ſchlug. Da eilte auf dem Bahndamm die Foſſes-
ſchlucht heran fein General: „Geht's hier zur Höllen-
ſchlucht?“ Als der Koch mit den Schultern zuckte,
191
u
eilte er weiter, bis eine Bahre entgegenkam. „Wer
iſt's?“ „Unfer Hauptmann!“ Mit zitternder Hand
nahm er den Mantel fort: „Werner!“ Das ſpitze
Geſicht ſeines Offiziers ſchaute ihn an. „Wohin
mit ihm?“ — „Nach Beaumont.“ „Werner!“ —
Dann verſchwand er geſichtzuckend im Unterholz. —
Junge friſche Geſtalten mit neuem Lederzeug und
Blumen am Helm kamen winkend heran. Als ſie
aber den Toten ſahen, ſchlichen ſie ſcheu und gebückt
hinter dem General in die Stellung. Feuerüberfall
überraſchte fie. Zwiſchen Erſatz und Bahre ſchlug
ein Volltreffer. Als wieder Sicht herrſchte, lag
Fips vom Luftdruck zur Seite geſchleudert. Zu
atmen wagte er nicht. Aus der Feldküche, die einen
Granatſplitter abbekommen, floß Suppe zur Erde.
Der Koch verbarg ſeine Augen: Der Hauptmann
zerfetzt bis auf den Kopf. Der Kopf aber ſchaute,
vom Regen weiß gewaſchen, aus zerſplittertem Leib.
Andere Leute waren gleichfalls ſo zerriſſen, daß
ein Soldat, der hinzulief — „die kriegen wir nicht
mehr für ein Grab zuſammen, das iſt ja das reinſte
Moſaikgemälde“, — weiterkroch. Fips beugte ſich
über Werners Stirn. Von den Blumen legte er
hin und wiſchte Blut mit dem Armel ab, das aus
den Kelchen floß. Plötzlich packte er, von fürchter-
lichem Erbarmen getrieben, den Kopf und riß ihn
192
von der Zertrümmerung des Leibes. Da hub
Gewitterftuem an! Weißer Blitz ſchlug im Auf-
flammen den Kopf aus den Händen des Kochs, der
beſinnungslos niederflog. — „Licht! Licht!“ ſchrie
eine Stimme heran: „Hier ſtinkt und fault es nach
Leichen, o mir hat ein Feuer die Augen verbrannt,
daß ich nichts ſehe vor Feuer!“ Der Vikar taumelte
mit verbluteten Augen taſtend durch Stämme an
und irrte weiter durch Bäume. Gewitterglanz
brauſte über die ſtahlkalte Feldküche. Aufgeſcheuchte
Wildſchweine brachen ſchluchtheran. In Menichen-
reiten und ausgeſickerter Suppe wühlend, ver-
mengten ſie alles mit ihrem Schnüffeln. Als neue
Blitze durch das Waldgeäſt hieben, galoppierten ſie
grunzend davon. |
*
De General kam hart vorwärts. Er ſtarrte in
das Entſetzen. Als er der jammervollſten Ver-
nichtung nahte, lehnte er lahm an einen Baum
und ſchmierte Erde auf das Rot ſeiner Aufſchläge,
das närriſch über dem Ernſt dunkler Blutflecken im
Boden protzte. Plötzlich ging ein Zittern durch
ſeinen Leib; er fiel um wie ein hohler Stamm. —
Unmittelbar vor die Füße des Kochs, der gehetzt
wie ein Wild von der Feldküche fortgeraſt war. Als
193
ur
Fips den goldenen Kragen unter ſich glänzen ſah,
blieb er wie angewurzelt ſtehen. Dann beugte er
ſich über den General, lachte ſchrill auf und kitzelte
ihn, „ja, ja, Athen iſt ein angenehmer Aufenthalt,“
unterm Kinn; „Verdun iſt keine Taube, wenn Du
auch Deinen Schlund wie ein Wolf aufgeſperrt
hältſt“; wieder lachte er und huſtete und lachte, bis
ihn ein mit Verwundeten zurüdtriechender Kranken-
träger packte, und „auch reif fürs Lazarett,“ mit-
ſchleppte. — 6
*
agelſchnee peitſchte über das Anmarſchgelände.
Neue Regimenter rückten vor, abgelöſte
kamen aus der Schlacht. Erdgelb waren ſie alle.
Wie Schiffe, die aneinander vorbeiziehen, in den
Hafen die einen, die anderen in den Sturm, ſo
grüßten fie ſich. „Bengelchen,“ und der Tambour
ſchüttete ſich Waſſer aus den Stiefeln, „freuſt Du
Dich?“ Heinz ſtützte ihn. „Worauf?“ „Die Heimat!
Weiß der Kuckuck, unſer Hauptmann,“ dann liefen
fie hinter einem Leiterwagen her. „Meinſt Syı,
daß die zu Hauſe davon was wiſſen?“ „Was wiſſen
die!“ und er ſchaute dem Tambour ins Auge:
„Denken ſelbſt wir nicht an Freude und Ruh, wo
wir die Berge noch ſehen, noch das Gebrüll hören
194
aus der Höllenihlucht..., was verlangſt Du von
denen daheim?“ — „Bengelchen, weiß der Kuckuck,
mir wäre gedienter, brächte ich meine Trommel
mit. Dann ging ich leichter zur Bahn, wenn ich
was bei mir trüge. Ein Spielzeug, jo ein Verdun
für die Kinder, verſtehſt Du!“ — „Ja, es iſt nicht
gut, mit leeren Händen zu kommen!“ „Man wird
ausgefragt werden, Kerlchen, ſoviel!“ Heinz ſtöhnte:
„Das wäre nicht gut, wenn man viel ausgefragt
würde! Ich verſtehe den Clemens wohl, daß er
nicht Urlaub wollte wie wir! — Sage mir, was das
iſt, was wir alle erkämpft und gewonnen? Sit
mir's doch, als müßte die Heimat dadurch ganz
anders ſein!“ Es ſchwieg der Tambour. „Und
wenn mich die Mutter fragt, glaubſt Du, daß ſie
es ahnt?“ „Ich begreife den Clemens wohl, Bengel-
chen,“ und Preis faßte auf des Freiwilligen Bruſt,
„das zittert wie Deine Meiſe im Feuer?“ Vieler
Köpfe hoben ſich plötzlich. Ein Ruf ſchrie aus der
Menſchenbewegung: „Kennſt Du die Stimme?“
Sie horchten. Über den Truppen reckte ſich Cäfar
Schmidt. — „Vor dem Schickſal ſtand ich!“ „Der
Schmidt?“ Und gewaltig war's, als er anhub:
„Nirgends, Allmächtiger, vernehme ich den Namen
Vaux! Ich glaubte, er wäre auf aller Lippen. Wo
ſeid Ihr hin, die Ihr die Terraſſen erſtürmt von
195
Granatloch zu Granatloch durch den Himmel, der
ſo gelb war! Wahrlich! Klein war der Raum, doch
nie zerwühlten Granaten mehr Erde als den Boden
um Vaux!“ Sein Heulen heulte: „Hätte ich Füße!
Von Tür zu Tür wollt' ich laufen und Euch die
Komödie von Vaux vorſpielen!“ „Bengel?“ und
der Tambour ſaß neben ihm: „Treff ich Dich wieder?“
And als ihm Preis auf den Mantel ſah, nickte der
Schauſpieler: „Ja, mein Schickſal heißt: auf
Stelzen gehen! Meine Benekens ſind ſo gut wie
fort, das heißt, ſie ſind abgefroren!“ — „Weiß der
Kuckuck,“ und der Tambour ſtreichelte über die
Stiefel hin: „So wirſt Du eben nur Könige ſpielen,
die auf dem Throne ſitzen!“ „Nein, ich will auf
keine Bühne mehr, ich könnte den Humor nicht auf-
bringen, ein paar Parkettreihen zu erheitern. Leier-
kaſten, Streichhölzer! Nichts anderes! Ach, als
ich zwanzig Schritte vor Vaux im Granattrichter
ſaß und mir ein Fungchen nach dem anderen tot
auf die Stiefel ſank, da ſollten wohl meine Zehen
erfrieren,“ dann reckte er ſeine Arme über alle Ver-
wundeten, die mit ihm fuhren: „Lied von Vaux,
ich will Dich auf eine Walze ſtecken! Dich fingen
und ſingen!“ er lachte auf, „das Schickſalslied von
Vaux! Ja, Ihr kleinen Ruſſenpferdchen lauft nur,
lauft nur, was man uns dann in dieſe dreckige Mütze
196
wirft, das ſammle ich Euch Kameraden! Sägt man
mir auch die Beine ab! Diefes Lied ſoll tauſend
Füße bekommen.“
„Reden Sie nicht ſo ungereimtes Zeug,“
donnerte ihn ein Arzt vom Lazarett an. „Oarf ich
mein Schickſal nicht verkünden? Mann! Wer ſind
Sie! Ich kannte die Zukunft! Keine Europäer!
Ja, lachen Sie nur, haben Sie auch geſunde Beine,
das Lied von Baux ſoll Ihnen Krämpfe bringen!“
Der Arzt ließ ihn vom Wagen heben. Ein Kranken-
träger fragte: „Woher?“ „Beide Beine find ab-
gefroren und fie bedeuten nicht viel mehr, als gar-
nichts, denn fie ſollen abgeſchnitten werden. Wetz
Dein Meſſer! Geſelle! Wetze es gut! Zetzt werden
Beine geſchnitten! Heiſſa! Bald ſoll alles über-
einanderpurzeln...“ Er wurde in eine Kirche
getragen.
*
m Pfeilerſchatten einer als Lazarett herge-
richteten Kirche hockten Gefangene. Einer von
ihnen hatte ſein Hemd ausgezogen und kratzte ſich:
„Wie entſteht eine Laus?“ Als niemand antwortete,
knirſchte er: „Ich las, aus Schweiß. Wenn dem
jo iſt, jo wird die. Welt nie vom Ungeziefer befreit
werden.“ Da kratzten ſich alle, bis der Gefangene
197
lachte: „Ja, es iſt zu viel Schweiß in der Welt!“
— Vom Stroh hoch richtete ſich Fips und ſtöhnte.
Preis, der ihm einen Sauerſtoffapparat zugänglich
machte, fluchte: „Weiß der Kuckuck, könnte ich Dir
doch einen Stiefel voll Griechenluft unter die Naſe
halten, Du Königskoch.“ „Mein blaues Glas! Mich
blendet die Luft!“ — Der Trommler gab es ihm.
Es wurde ſtill. Plötzlich ſtarrten alle zur Kanzel
hoch. Dort ſtand der Kellner. Eine Dornenkrone
hielt er über den Kirchenraum: „Seht her, Ihr
Vernünftigen! Ich ſchnitt dem Heiland den
Stacheldraht ab! Was? Wer murrt da? Durft
ich's nicht tun? Seht: dieſes Stachelnetz ſchnitt ich
von ſeiner Stirn. Ihr Vernünftigen, warum duldet
Ihr ihn fo lang?“ Dann ſank er in ſich ſelbſt zu-
ſammen. Allein ſichtbar über verfeindeten Scheiteln
blieb der Dornenkrone ſtacheliges Bild. Wider ſie
auf hob ſich langſam der Koch, den Trommler zur
Seite ſchiebend: „Mein blaues Glas!“ und bekam
einen Huſtenanfall. „Weiß der Kuckuck, welche
infame Einrichtung, keine Luft zu bekommen!“
Mit verzweifelter Kraft ſchlug ſich Fips den Sauer-
ſtoffapparat an die Zähne: „Arme Zeitgenoſſen,
meine Phantaſie iſt nicht gut!“ Um das Bett wurde
eine Wand geſtellt und dem Trommler die Tür
gewieſen. „Weiß der Kuckuck, die Beſten trifft's,
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die Beſten gehen drauf, die Beten liegen unter dem
Raſen!“ — Aber unter den keuchenden Menjchen-
brüſten blieb der Gefangene grinſend: „Es iſt zuviel
Schweiß in der Welt!“ und kratzte ſich und kratzte,
bis alle ihre Nägel ins Fleiſch juckten, als wäre die
Kirche ein Affenhaus.
*
Henn ſah ſeinen Fahrſchein nach, ſteckte ihn fort
und erwartete den Trommler. „Weiß der
Kuckuck, Bengelchen, was ſchaffſt Du am. Kreuz?“
fragte Preis, als er Heinz einen Hoſenträger von
einem Kruzifix abknüpfen ſah. „Schau, überall
hängt der Gekreuzigte, und ich denke doch, er iſt
auferſtanden?“ — „Weiß der Kuckuck, Bengelchen,
wollen wir ihm ein ſolides Soldatengrab machen?“
und kletterte — „fange ihn auf, Kerlchen“ — hoch.
Der Freiwillige nahm den Heiland in ſeine Arme.
Scheu und behutſam legte er ihn in ſchmelzenden
Schnee. Blumen hoben ſich duftend. Der Trommler
ſtach eine Grube aus: „Nun, mal ran damit!“ und
den Holzleib packend — „wozu ſollen die Krähen
drauf“ — ſchob er Erde darüber. „Preis, glaubft
Du, daß er nochmals zur Hölle nieder muß?“ „Ach,“
und der Tambour wehrte ab, „wenn ich was zu
ſagen hätte, käme er gleich in den Himmel!“ Beide
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*
ſchauten zur Schlacht, nach Verdun zurück. „Bengel-
chen!“ „Preis?“ „Bengelchen, ich hab da noch fo
einen Gegenſtand,“ er nahm aus dem Bruſtbeutel
das Eiſerne Kreuz von Beaumont: „Allerhand
Silber iſt ſchon dran. Und was man hat, das hat
man, Bengelchen!“ Er legte es auf den Boden:
„Eine ſeltene Farbe! Weiß der Kuckuck, Heinz, ich
hätte es für mein Leben gerne mit nach Hauſe
genommen. Aber hin iſt hin. Und ein geſundes
Kreuz iſt auch nicht zu verachten,“ damit ſcharrte
er es zu dem Kruzifix. Während Dämmerung
linienſcharfe Kanten der Cöte in ſchwarzer Fläche
gegen den Abend warf, winkte Preis: „Nun mal
ran, Bengelchen, ſchippe Sand drüber, weiß der
Teufel, ewig wird das Ding ja auch nicht leben,
alſo Sand drüber. So —, nun iſt es weg!“ —
Heinz ſchaute den Trommler ernſt an. Beide faßten
ſich krampfhaft an die Schultern. — Durch ihre
Mäntel wehte Märzwind wie Frühlingsſchauer. —
* *
Morsens kamen fie in Frankfurt an. Be-
ſcheiden drängten fie ſich unter den Bahn-
hofshallen durch Menſchenmaſſen. Heinz ging zu
ſeiner Mutter, der Trommler beſtieg eine Elektriſche.
Ein Herr, der ſich gerade eine Zigarre anzündete,
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fragte: „Nun, junger Mann, woher? Gehen Sie
nicht mal raus?“ — „Ich komme daher!“ Miß
trauiſch blieb der Herr auf der ordensleeren Bruſt
des Trommlers haften. Preis bemerkte es. „Wo
haben Sie denn Ihre Schützengrabenkolonie? Muß
idylliſch ſein, wenn's jetzt Frühling gibt. Kenne
das, war auch mal draußen. Famos ſauber haltet
ihr Eure Häuschen. Wollen Sie eine Zigarre?“
Als er bemerkte, daß der Trommler blaß wurde,
ſteckte er ſie wieder fort. „Wollen Sie uns nicht
verraten, woher Sie kommen?“ fragte ein anderer
über die Zeitung weg. „Von Verdun!“ Beide
lachten: „Na, warum rücken Sie da denn nicht vor?“
„Weit der Kuckuck, meine Herren, da ſind allerhand
Maſchinengewehre!“ — „So? Na, gehen die nicht
fortzuſchießen? Muß doch ſchrecklich langweilig
ſein!“ — Preis wurde es grün vor den Augen.
*
lemens lebte im Geiſt. Hunger und Ourſt
beherrſchte er. Wirklichkeit ſah er nicht mehr.
Was noch vorbeizog an Namen und Menſchen,
warf er aus ihrer Bedeutung. Wieder tauchte ein
Antlitz auf; er wollte es aus ſeinen Gedanken tun.
Da erkannte er aber den Tambour. Er raſte durch
den Sing-Sang der Städte, durch erleuchtete Kinos,
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ſchwatzende Maſſen, Theater und Tingeltangel.
Millionen im Ringeltanz und mittenin atemlos,
faſſungslos ſein Trommler! Und was er erzählte
von der Hölle Verduns, ward überlacht, ward über-
ſchrien! Vom Kriege nichts, nur nichts vom Kriege!
Wider ihre Sohlen aber rumorte Erde ſchon aus
ſchrecklicher Tiefe. Sie aber tanzten darüber hin.
Puppengleich, buhlend im Sonnenlicht, aber beim
Sternengang tot und verweſt. Klang eine Geige
irgendwoher verſtimmt zu einem Walzer vergan-
gener Zeit, dann kreiſchten ſie auf! Daß aber der
Boden dampfte und ſich der Sand ihres Tändelns
ſchon ballte und hob, als tanzten ſie um den Krater
der Zukunft, das ahnten ſie nicht! Verlaſſen ſah
er den Tambour wie einen Verirrten! Ihm oder
der Schlacht ſtreckte er Arme hin! Dann krallte
er Nägel in Pflaſterſteine und ſchlug ſeinen Kopf
auf Straßenhart, als trommle er ſeiner Seele den
Trauermarſch. — Schwarze Wolken zogen an,
Frauen im Krepp, aus Türen gehend, als der Frei-
willige in das Zimmer der Mutter trat. Ihr Geſicht
war durchfurcht von Gräben und Falten. Dem
Buben zog ſie die Mütze vom Wirbel und küßte ihn.
„Da bin ich Mutter! Haft Du Dich geſorgt?“ „Nein,
Junge!“ — Oa ſchnallte der Freiwillige fein Seiten;
gewehr von der Hüfte und die Mutter nahm es mit
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*
zitternder Hand. Aus der Scheide zog ſie es langſam.
Rot wurde der unendliche Raum: „Haft Du einen
Menſchen getötet?“ Dann fielen ihre Augen heraus
und Heinz ſchrie auf vor dem, was ihm aus yon
Höhlen entgegenſchluchzte.
tmoſphäre begann hinter Windſtößen zu
leuchten. Aus erregterem Traum löſte ſich
Krieg von der Erde ab, daß fie ſich aufhob, atem-
befreit, und das Lachen der Kinder über alle Ver-
nichtung ſtieg. Waren es Augen, waren es Tränen!
Glanz überall! Ihm entgegen jauchzte der Erdball
wie eine Lerche am Morgen und zerfloß und verlor
ſich in der Wonne des Lichts. Clemens ſtreckte ihm
ſeine Arme nach. Aber an ſeinen Beinen zerrten
noch tauſend Greuel ſchrecktoller Tiefen. Da griff
er entſchloſſen in die Umklammerung und zerriß
ſeinen Traum. Aug in Aug mit der Sonne erwachte
er auf der Bruſtwehr. „Tag,“ jubelte er auf.
„Geduld, wir kommen! Heimat! Wir brechen nicht
Gräben allein! Wir blaſen neuen Odem! Baut
feſte Giebel, wenn Ihr bei Luft bleiben wollt!“ —
Kox, der Pionier, trat an den Lehrer heran:
„Endlich iſt mir eine Oynamitladung bewilligt, daß
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*
ſich vorſehen ſoll alles, was nicht aus Granit ge-
ſchaffen!“ Clemens ſah ihn über fein Gewehrſchloß
an: „Wir wollen Feuer in die Erde ſchleudern!“
Auf ſeiner entſchloſſenen Stirn glänzte voller
Morgen, als er die Kompagnie aus dem Graben
riß, vor — — über drei Meter.
Sm Felde, vor Verdun Frühjahr 1916
Geſetzt im Sommer 1916, gedruckt im
Frühjahr 1919 in der Buchdruckerei
von Julius Sittenfeld, Berlin WS
Von
Fritz von Unruh
erſchienen im gleichen Verlage:
Louis Ferdinand
Prinz von Preußen
Ein Drama
4. Auflage
Mit dem Kletftpreife gekrönt!
„Da ſteht in den fünf Akten ein Preußenlied, das nicht
nur den klirrenden Rhythmus eines Soldatengeſanges
hat, ſondern auch das dumpfe Flammenbrauſen der
großen preußiſchen Männer. Keiner ſeit Fontane hat ſolch
altpreußiſche Militärs geſchildert, keiner die Schwäche
Friedrich Wilhelms III. ſo vermenſchlicht und daher dem
Spott entzogen, keiner den Sieg des zum Herrſchen Ge⸗
borenen über ſich ſelbſt ſo einfach, ſo zart, ſo weihevoll
verwirklicht: Louis Ferdinand verirrt auf dem Ritt,
plötzlich, draußen auf der Straße, durch den Nebel dröhnt
Marſchtritt, Bärenmützen tauchen auf, Bajonett an Baſo⸗
nett, Kavallerie, wie Affen auf die Säule geklemmt:
Napoleons Armee. In Louis Ferdinand fiebert der
Feldherr: Karten her! Dort die Höhen mit preußifcher
Artillerie beſetzt und Napoleon iſt beſiegt. Aber nicht
für den König, der jegt im Tanzſaal in Rudolftadt vor
dem Krieg zittert, nein, für den neuen, den volksgekürten,
den wahren ... Hier, fünf Stunden vor Saalfeld, bricht
ſchon Louis Ferdinands Herz. Er hat den König von
Gottes Gnaden in Gedanken entthront, das tft die Sünde
wider den heiligen Geiſt feines Weſens, für die es keine
Vergebung, nur Sühne gibt. Fritz von Unruh hat ſeinem
Vaterland eine ſtarke, heiß durchlebte Dichtung geſchenkt.
Er hat feinem Volk ein Werk feiner beften Art gegeben.“
(Frankf. Ztg.)
„Einem inbrünſtig empfundenen nationalen Gedanken
iſt ein wahrhaft künſtleriſcher Ausdruck gegeben. In Be⸗
geiſterung erfühlt und mit Begeiſterung wiedergegeben!”
(Berl. Tagebl.)
5 ;
Dffiziere
Ein Drama in fünf Akten
3, Auflage
„Was Unruh in dem Drama gibt, iſt eigentlich nur das
Schickſal von einem Dutzend Regimentskameraden, die
aus der Enge des Garniſonlebens der Drang, der in
Schillers Reiterlied lebt, ins Feld treibt. Sie werden
„Afrikaner“, erleiden Durſt und Qual, ſtürmen und
fiegen, die einen ſterben, die andern leben auf zu neuem
Daſein, alle aber wiſſen uns zu überzeugen, daß dies im
ftählernen Ring der Difziplin zuſammengehaltene Ges
füge Raum genug bietet für jede menſchliche Leidenſchaft,
Schwache und Kühnheit. Keine Schablone ftört bei der
Zeichnung dieſer Krieger, fie find Menſchen aus dem
Leben: heroiſche, liederliche, lächerliche, luſtige und lei⸗
dende, ſie haben ſogar den Mut, ſich vor dem Tode zu
fürchten. — Einen jungen Dichter zu grüßen — : was
könnte dem Kritiker eine feſtlichere Freude fein!”
(Tägl. Nundſchau.)
„Wer ſo vortrefflich Gruppen in Bewegung zu ſetzen ver⸗
ſteht, Gruppen voller Maſſenenergie und charakteriſtiſcher
Kraft des einzelnen, der hat das Zeug zum Dramatiker.
Und wem ein ſtarkes Problem unſerer Zeit, der innere
Widerſinn, die verzehrende Qual des Friedensſoldaten
ſo deutlich vorſchwebt wie unſerem Autor, wer es ſo ent⸗
ſchloſſen anpackt wie er, der wird auch der Dichtkunſt
etwas bedeuten.” (Deutſche Tages-3tg.)
„Endlich einmal wieder ein Aufatmen! Und eine Freuden⸗
botſchaft vom Theater. Einen neuen jungen Dichter
gab uns der Abend, der wieder aus dem Lebendigen
ſchöpft, aus dem urſprüngliche und echte Natur mit Poeten⸗
zungen zu uns redet.“ f (Der Tag.)
I
“un — . — —— — e
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WILL BE ASSESSED FOR FAILURE TO RETURN
m. "THIS BOOK ON THE DATE DUE. THE PENALTY
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unıvE DAY AND TO 81.00 ON THE SEVENTH DAY
OVERDUE.
MAY 4 1934
——SENTONIEE
___NOV O4 1998
LD 21-100m-7,'33
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YB S050
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